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Wirtschaft undSoziales
 
Frankfurt, im August 1999 Rainer Roth: 

Roth, Rainer, DVS, 1999 
ISBN 3-932246-20-9 

Auszüge: 
Schröders Sparpaket:
Gewinner ist das Kapital
A Logik des Kapitals als Ursache der Staatsverschuldung
2.1 Langfristiger Fall der Profitraten -durch Investitionen 
      2.2 Langfristiger Fall der Profitraten - durch sinkende Nachfrage nach Arbeitskraft
3.1 Sozialausgaben - Hauptursache der Staatsverschuldung?
4.1 Zusammenfassung: Ökonomische Ursachen der Staatsverschuldung
B Logik des Geldkapitals als Ursache der Staatsverschuldung
5.1 Schuldendienst (Zins und Tilgung) als eigene Quelle der Staatsverschuldung
C Privatintertessen im Staatsapparat als Ursache der Staatsverschuldung
6.1 Selbstbedienung der politischen Klasse und der Parteien
D Internationalisierung (Globalisierung) als Ursache der Staatsverschuldung
7.1 Gefahr einer Weltwirtschaftskrise
E Vom Keynesianismus zum Neoliberalismus
8.1Über den Keynesianismus
F Ausblick
9.1Das Problem Staats Verschuldung und die gängigen Lösungen
    9.2 Private und staatliche Interessen
    9.3 Allgemeininteresse - Interesse der Lohnabhängigen

2.2 Sinkende Nachfrage nach Arbeitskraft

2.2 Langfristiger Fall der Profitraten -
durch sinkende Nachfrage nach Arbeitskraft


Arbeitslosigkeit als Folge von Investitionen

Investitionen zum Zweck der privaten Profiterzielung vermindern die Nachfrage nach Arbeitskraft. Von 1980 bis 1996 wurden in der Verarbeitenden Industrie in Westdeutschland rd. 1.350 Mrd. DM investiert. Diesen Investitionen fielen 2 Mio. (oder rd. 25%) der Industriearbeitsplätze zum Opfer. In der Gesamtwirtschaft sind die Zahlen noch beeindruckender. Die Nachfrage nach Arbeitskraft sinkt relativ mit dem Wachstum der Investitionen.

Jahr für Jahr wächst mit den Investitionen die Produktivität pro Arbeitsstunde. In Westdeutschland wurden 1960 preisbereinigt für ein Bruttoinlandsprodukt von l .000 Mrd. DM noch 56,1 Mrd. Arbeitsstunden von Erwerbstätigen gebraucht. 1997 dagegen nur noch 15,3 Mrd. Stunden (IdW 1998 Tab. 35, eigene Berechnung). Die gesamtwirtschaftliche Produktivität ist also um das 3,7 fache gestiegen. Die Produktivität pro Arbeiterstunde in der Industrie ist von 1960 bis 1997 sogar fast um das 6 fache gestiegen (von 1994 bis 1997 Gesamtdeutschland; Statistisches Taschenbuch 1998 Tab. 3.1 und IdW 1996 Tab. 61).

Die Nachfrage nach Arbeitskraft muß mit steigender Produktivität abnehmen.

* Das drückt sich einmal inArbeitszeitverkürzung aus. Von 1960 bis 1998 sank die effektive Jahresarbeitszeit von Lohnabhängigen in der Gesamtwirtschaft im früheren Bundesgebiet um über ein Viertel auf 1.507 Arbeitsstunden (IdW 1999 Tab.31).

* Das drückt sich andererseits in wachsenderArbeitslosigkeit aus, einer wachsenden Zahl von Arbeitskräften, die für die Bedürfnisse des Kapitals überflüssig werden.

Von 1960 bis 1998 stieg die Zahl der registrierten Arbeitslosen in Westdeutschland von 271.000 (1,3%) auf 2,9 Mio. (Statistisches Taschenbuch 1998 Tab. 2.10 und Monatsberichte 7/99, 64*).

In den 70er Jahren stiegen die offiziellen Arbeitslosenzahlen nur zwischen 1975 und 1977 knapp über eine Million Menschen oder etwa 4% der Lohnabhängigen. Doch das sind nur die offiziell als arbeitslos Registrierten.

Tab.11 Tatsächliche Arbeitslosigkeit in Deutschland (1997 Deutschland)
 
Registr
Arbeits
lose
Stille
Reserve
ABM/
FuU
Kurz
arbeit
zusam-
men
Erwerbs-
poten-
tial
Arbeits -
losen-
quote
A B C=A.B
1980 0,89 0,62 0,29 0,14 1,94 25,80 7,5%
1997 4,37 3,32 0,73 0,21 8,21 38,50 21,3%

(Info-Rundbnef 44/1998 der Koordimerungsstelle gewerkschaftlicher Arbeitslosengruppen; isw Nr. 25, 2, Institut lur Arbeitsmarkt und Berufsforschung - IAB - nach Sozialpolitische Umschau 370/1997, 20);

* Die durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit stieg von l ,8 Monaten im Jahre 1973 (Hof 1987, 148) auf in Westdeutschland 7,4 Monate im Jahre 1997 (IdW 1998 Tab. 24).

Nach einer Studie von Wolfgang Lecher vom WSI steuert die Entwicklung in Deutschland darauf hin, daß 50% der arbeitsfähigen Bevölkerung Arbeitslose, periodisch Arbeitslose oder Jobber sein werden (nach Gorz 1994, 316).

Da die Arbeitskraft eine Ware ist, deren Existenzbedingung es ist, von Privatuntemehmen oder wem auch immer gekauft zu werden, ist die erste Folge der höheren Produktivität, daß mit sinkender Nachfrage Arbeitsplatzunsicherheit und Arbeitslosigkeit der Arbeitskräfte steigen.

Wiederbeschäftigung von Arbeitslosen mit steigender Kapitalintensität schwieriger

Je höher die Sachkapitalausstattung eines durchschnittlichen Arbeitsplatzes (die Kapitalintensität) ist, desto schwieriger wird es, zusätzliche Arbeitsplätze zu schaffen und Arbeitslose wieder zu beschäftigen. ,J)ie mit der steigenden Arbeitsproduktivität zwangsläufig gestiegenen Kosten der Investitionen ... erschweren die Schaffung von neuen Arbeitsplätzen" (Afheldt 1994, 4). In der Gesamtwirtschaft Deutschlands lag die durchschnittliche Ausstattung eines Arbeitsplatzes mit Sachmitteln im Jahre 1996 schon bei 264.100 DM, aber auch beim Staat schlagen schon 220.000 DM pro Arbeitsplatz zu Buche (IdW 1999, Tab. 37). Im Baugewerbe ist die Kapitalintensität niedrig (50.700 DM), ebenso im Handel (146.100 DM), in der Energieerzeugung ist sie am höchsten (über 2 Mio. DM).

Wenn bei Unternehmen und Staat in Westdeutschland 2 Mio. Arbeitsplätze neu gescharfen würden, um die Arbeitslosigkeit zu halbieren, müßten über 500 Milliarden DM investiert werden. Solche Summen können von niemandem aufgebracht werden, der nur Arbeitsplätze schafft, wenn sie „wettbewerbsfähig" sind. Die hohe Sachkapitalausstattung - und nicht angeblich zu hohe Löhne - ist die entscheidende Schranke, die der „Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt" entgegensteht. Gegenüber 260.000 DM pro Arbeitsplatz wäre auch ein Jahreslohn von 40.000 DM brutto unerheblich.

Dienstleistungen und Arbeitslosigkeit

Innerhalb der Industrie kann die Investitionsgüterindustrie die überflüssig gewordenen Arbeitskräfte nicht aufnehmen. Auch sie verringert die Zahl der Beschäftigten, obwohl oder gerade weil sie das dynamische Element der Industrie ist.

Die in der Produktion überschüssigen Arbeitskräfte werden auf Bereiche verwiesen, in denen Waren nicht produziert, sondern transportiert oder verkauft werden. Ferner in die Bereiche, in denen das in Produktion, Transport und Handel erwirtschaftete Geld verwaltet und angelegt wird (Banken, Versicherungen). Nur wächst die Produktivität in diesen Bereichen ebenfalls rasch, so daß auch hier ein Überschuß an Arbeitskräften produziert wird.

Wo wenig investiert werden muß, kann die Nachfrage nach Arbeitskraft relativ höher sein. Wenn die Sachkapitalausstattung eines Arbeitsplatzes nur aus einem Besen, einer Heckenschere oder einem Arbeitstisch mit Hammer und Schraubenzieher besteht, ist die Schaffung von Arbeitsplätzen einfacher. Das ist die Basis der öffentlichen Beschäftigung und/oder der Beschäftigung bei einfachen Dienstleistungen. Die BILD-Zeitung lobt z.B. als Jobs für Arbeitslose wie: Polizei-Autos waschen und Parks säubern (20.3.1998). Der niedrige Grad der technischen Ausstattung setzt Qualifizierungsprozessen erhebliche Hindernisse entgegen. Da bei geringerer Produktivität auch das Lohnniveau niedriger ist, braucht man sich über geringere Arbeitsenergie nicht zu wundem. Sie entspricht der niedrigen Bezahlung.

Arbeitsplätze entstehen in Bereichen niedriger Produktivität und Bezahlung überall, wo das in Form von Gewinnen oder Löhnen erwirtschaftete Einkommen im Konsum ausgegeben wird. Diese Arbeitsplätze hängen von der Entwicklung des ausgabefähigen Volkseinkommens ab, im wesentlichen von den Masseneinkommen. Wenn diese tendenziell fallen, beschränken sich auch die Möglichkeiten, Dienstleistungen als Ware zu kaufen.

Bleiben die Mittel übrig, die aufgrund der wachsenden Gewinne und Vermögenseinkommen verkonsumiert oder angelegt werden können.

Hier gibt es tatsächlich neue Möglichkeiten und eine reale Ausdehnung von Arbeitsplätzen in mehr oder weniger unproduktiven Bereichen (Freizeit und Sport, Amüsement, Finanzanlage, Dienst- und Wachpersonal usw.).

Die Sachkapitalausstattung nimmt auch bei öffentlichen und privaten Dienstleistungen zu, z.B. im Reinigungsgewerbe oder bei Sicherheitsdiensten, allerdings zeitverzögert, langsamer und ausgehend von einem niedrigeren Niveau. Auch hier kann deshalb eines Tages die Nachfrage nach Arbeitskraft fallen.

Afheldt faßt zusammen. ,Damit finden wir den ersten Täter (für sinkendes Wachstum, d.V.) im Wirtschaftssystem, der, je länger sich das System entwickelt, desto mehr Arbeitsplätze vernichtet" (Afheldt 1994, 27).

Obwohl offensichtlich Investitionen die Nachfrage nach Arbeitskraft gesamtwirtschaftlich vermindern, erscheinen sie dem Kapital als wichtigstes Mittel für neue Arbeitsplätze. Das trifft vom Standpunkt des privaten Einzelinteresses auch zu, denn die Zahl der Beschäftigten kann mit steigenden Investitionen in konkreten Unternehmen zunehmen. Dennoch dienen Investitionen vor allem der Verminderung des Einsatzes von Arbeitskraft, sind unter kapitalistischen Bedingungen Motor der Arbeitslosigkeit. Deshalb können sie insgesamt auch kein Mittel zur „Bekämpfung der Arbeitslosigkeit" sein.

Es ist aber nicht der technische Fortschritt als solcher, der arbeitslos macht. Es ist die Anwendung des technischen Fortschritts durch das Kapital, das nicht daran interessiert ist, die gestiegene Produktivität in Form von Verkürzung der Arbeitszeit und steigendem Lebensstandard an die Gesamtheit der arbeitenden Menschen weiterzugeben. Das würde seine privaten Renditen schmälern.

Arbeitsmarktkrise als Ursache der Massenarbeitslosigkeit?

Auf dem Arbeitsmarkt treten sich Käufer und Verkäufer von Ware Arbeitskraft gegenüber. Der Arbeitsmarkt registriert ein wachsendes Überangebot an der Ware Arbeitskraft. Sinkende Nachfrage und steigendes Angebot an Arbeitskräften ist nicht Folge des Marktes, sondern der Logik der Kapitalverwertung, die sich auf dem Arbeitsmarkt niederschlägt. Der Arbeitsmarkt registriert nur, daß Arbeitskräfte überflüssig geworden sind. Er kann sich deshalb auch nicht in einer Krise befinden, wenn dieses Überangebot wächst.

Insoweit die Arbeitskraft eine Ware ist, die auf dem Arbeitsmarkt verkauft werden muß, ist immer auch die Möglichkeit ihres Nicht-Verkaufs gegeben. Fähigkeiten können sich im wesentlichen nur entwickeln, wenn Käufer daran ein Interesse haben. Insoweit drückt die steigende Arbeitslosigkeit eine Krise des Warencharakters der Arbeitskraft aus, die sich auf dem Arbeitsmarkt niederschlägt, eine Krise der Marktwirtschaft überhaupt.

Tendenziell sinkende zahlungskräftige Nachfrage

Da Arbeitskräfte Waren sind, die auf dem Arbeitsmarkt gekauft und verkauft werden, muß ein Überschuß an Ware Arbeitskraft wie bei jeder anderen Ware zu fallenden Preisen führen. Es wirken die Gesetze des Schlußverkaufs. ,bei stetig wachsendem weltweiten Angebot von menschlicher Arbeitskraft... sinkt nach den Marktgesetzen, ..., der Preis, der für Arbeit bezahlt wird. Letztlich wird die menschliche Arbeit 'billig wie Dreck' (Afheldt 1994, 58).

Das Verhältnis von beschäftigten zu unbeschäftigten Arbeitnehmern reguliert die jeweilige Höhe des Lohns. Das Lohnniveau fällt mit der Produktion eines dauerhaften Überschusses an Arbeitskräften.

Tab.12 Nettoreal Verdienste je beschäftigtem Lohnabhängigen

Jährliche Veränderung in %, preisbereinigt

1950
auf
1960
+ 5,3%
1960
auf
1970
+4,8%
1970
auf
1980
+1,8%
1980
auf
1990
+ 0,7%
1990
auf
1997
- 1,1%
(DGB 1998,2).

Der Nettorealverdienst wird ermittelt, indem die Nettolohn- und Nettogehaltssumme durch die Zahl der beschäftigten Arbeitnehmer dividiert und um Preissteigerungen bereinigt wird. Er ist der Reallohn pro Beschäftigtem.

Sinkende Löhne sind Folge steigender Arbeitslosigkeit. Sie können volkswirtschaftlich demzufolge kein Mittel zur Behebung der Arbeitslosigkeit sein.

Reallöhne und reale Profite stiegen in den 50er und 60er Jahre gleichzeitig, wenn auch nicht im gleichen Tempo. Dadurch konnte die Vorstellung einer „Sozialen Marktwirtschaft" Nahrung finden, die den „Wohlstand für alle" (Ludwig Erhard) sichere. Ab den 70er Jahren, besonders ab den 80er Jahren gilt das nicht mehr. In Deutschland liegen die Reallöhne unselbständig beschäftigter Arbeitnehmer seit 1991 auf dem Niveau vom Ende der 70er Jahre (DIW Wochenberichte 22/23-1996, 391; FR 28.04.1998). In den 18 Jahren von 1980 bis 1997 sanken die Nettoreallöhne in zwölf Jahren gegenüber dem Vorjahr. 1996 stieg der Nettoreallohn nur deshalb, weil das Kindergeld von den Lohnsteuerzahlungen abgezogen wurde, sonst wäre er gefallen (Statistisches Taschenbuch 1998 Tab. 1.15). Wegen der langfristig sinkenden Reallöhne gab Horst Afheldt einem Buch den ironischen Titel „Wohlstand für niemand".

Sinkende Massenkaufkraft drückt sich volkswirtschaftlich aus als:

* tendenziell sinkende Brutto- und Nettolohn- und Brutto-/Nettogehaltssumme
Steigende Arbeitslosigkeit muß ab irgendeinem Punkt zu einem Sinken der Bruttolohn- und Gehaltssumme führen. Je weniger Beschäftigte es gibt, desto weniger Lohneinkommen gibt es. Andererseits werden Löhne abgesenkt. Beides zusammen wirkt in Richtung sinkende Bruttolohnsumme. Die Bruttolohn- und Bruttogehaltssumme ist die Summe der Bruttolöhne aller abhängig Beschäftigten.

Die Bruttolohn- und Bruttogehaltssumme ist im Laufe der Jahre immer weniger gestiegen und 1997 zum ersten Mal im Nachkriegsdeutschland gefallen, in einem Jahr des Aufschwungs.

DieNettolohn- und Nettogehaltssumme ist das verfügbare Einkommen von Lohnabhängigen. Sie wird ermittelt, in dem Lohnsteuern und Sozialversicherungsbeiträge von der Bruttolohn- und Bruttogehaltssumme abgezogen werden. Die Nettolohn- und Nettogehaltssumme wuchs von 1961 bis 1970 um 8,6% jährlich. Im nächsten Jahrzehnt um 7,8%, von 1981 bis 1990 um 4% und von 1991 bis 1998 nur noch um 1,5% jährlich. 1994 sank die Nettolohn- und Nettogehaltssumme zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik, nämlich um 0,2%. 1997 sank sie zum zweiten Mal, diesmal um 1,6% (Statistisches Taschenbuch 1998 Tab. 1.14).

Der Abfall der 80er und 90er Jahre gegenüber den 60er und 70er Jahren hat als wesentliche Ursache die Arbeitslosigkeit. Immer mehr Menschen haben kein Einkommen aus Lohnarbeit, sondern müssen aus dem Bruttoeinkommen der in Beschäftigung verbleibenden Lohnarbeiter mit unterhalten werden.

Die Mittel werden aus erhöhten Sozialversicherungsbeiträgen bzw. aus Steuern aufgebracht. Für die Konsumtion der Lohnabhängigen bleibt relativ weniger übrig.

* sinkende Lohnquote

Die Einkommen aus unselbständiger Arbeit machen den größten Teil des offiziellen Volksein- kommens aus. Es sind in absoluten Zahlen rd. 70%. Den Anteil der Löhne am Volkseinkommen nennt man Lohnquote, den der Gewinne am Volkseinkommen Gewinnquote. Da die höhere Arbeitsproduktivität immer mehr Arbeitskräfte verdrängt und Löhne drückt, sinkt der Anteil der Lohneinkommen am Volkseinkommen, ebenso wie die betrieblichen Lohnkosten relativ zum investierten Gesamtkapital sinken. 1997 betrug die unbereinigte (d.h. die nicht auf eine konstante Zahl von abhängig Beschäftigten bezogene) Lohnquote nur noch 69,4% und war damit geringer als 1971. In allen Jahren von 1972 bis 1996 war sie höher (Statistisches Taschenbuch 1987 Tab. 1.9).

Ungleichgewicht von Produktion und Massenkonsum drückt die Profitraten

Jede Investition erhöht die Produktivität und damit den Umfang der zu verkaufenden Warenmenge, die in derselben Zeiteinheit produziert werden kann.

Andererseits aber sinkt mit wachsender Produktivität die Nachfrage nach Arbeitskraft. Arbeitslose selbst haben schon erheblich weniger Geld als Arbeitende und die Löhne der Arbeitenden sinken langfristig mit dem Überangebot an Arbeitskraft, das sie selbst produziert haben.

Die tendenziell sinkende Massenkaufkraft ist eine sich verengende Schranke der kapitalistischen Produktion. 1996 und 1997 sanken deshalb in Deutschland die Einzelhandelsumsätze, obwohl die Industrieproduktion stieg (Wirtschaftswoche 14.05.98, 177). Die Klagen über zu geringe Binnennachfrage sind Legion.

Ursache für die Nachfrageschwäche ist nicht eine objektive Sättigung des Konsums und damit verbundene höhere Ersparnisbildung, sondern ein Rückgang der zahlungskräftigen Nachfrage. Diese geht zurück, obwohl wesentliche Bedürfnisse nicht ausreichend befriedigt sind.

Der wachsende Widerspruch zwischen ausufernder Produktion und sich verengender zahlungskräftiger Nachfrage trägt ebenfalls zum Verfall der Profitraten bei. Der in der Produktion erzeugte Profit kann nur angeeignet werden, wenn die Waren, in denen er sich verkörpert, zu angemessenen Preisen verkauft werden bzw. überhaupt verkauft werden.

Wenn die Produktion sich schneller entwickelt als die Kaufkraft, tritt aber ein Punkt ein, an dem im Verhältnis zur zahlungskräftigen Nachfrage zu viel produziert worden ist.

Mit steigendem Überangebot von Waren wächst deshalb diePreiskonkurrenz. Siebert sieht seit 1990 Anschaungsuntericht für einen „engen Überwälzungs Spielraum" gestiegener Kosten (Siebert 1994, 87). Die Preise z.B. auf dem Hausgerätemarkt (Kühlschränke, Waschmaschinen usw.) sind aus diesem Grund von 1993 bis 1998 um 15% gefallen (Wirtschaftswoche 14.05.1998, 64). Wenn aber Preise fallen bzw. Waren nicht mehr verkauft werden können, kann auch der mit den modernsten Produktionsmitteln produzierte Profit über den Verkauf der Waren nur teilweise oder gar nicht mehr eingefahren werden. Die Profitraten sinken.

,Die zunächst hohen Gewinne (in der Computerindustrie) zogen immer mehr Hersteller in den Markt. Der immer härtere Konkurrenzkampf führte zu immer neuen Preissenkungen. Die Gewinnmargen (Renditen, d.V.) fielen. Ähnliche Phänomene haben fast alle klassischen Wirtschaftszweige erfaßt" (Afheldt 1994,45).

Die wachsende Produktivität produziert einerseits ein höheres Warenangebot, andererseits aber sinkende zahlungskrfätige Nachfrage und untergräbt damit die Profitraten.

Afheldt:" In den modernen Industriegesellschaften entwickelte so der Markt den Anpassungsdruck, der sich seinerseits durch die mit der Automatisierung verbundene wachsende Kapitalintensität zu einer wirksamen Wachstumsbremse auswächst. ... Zunehmende Kapitalintensität am Arbeitsplatz und der immer schnellere technische Wandel im weltweiten Konkurrenzsystem machen somit immer höhere Investitionen nötig. Gleichzeitig wird die Realisierung von Gewinnen schwieriger" (Afheldt 1994,46).

Getrieben von der Konkurrenz sind in allen Wirtschaftszweigen Überkapazitäten aufgebaut worden, die ihrerseits auf die Profitraten drücken. Die Produktion muß (unter Verlusten) der beschränkten Kaufkraft angepaßt werden. Wenn der Massenkonsum hinter der Produktivität bzw. der Entwicklung der Produktion und der Entwicklung der Produktionskapazitäten zurückbleibt, muß es allgemein zurückläufigen Wachstumsraten kommen. Diese drücken steigende Verwertungsschwierigkeiten des Kapitals aus.

Krisen, Arbeitslosigkeit und Profitraten

Der Widerspruch zwischen Produktivität und Massenkaufkraft entlädt sich in Krisen. Durch Vernichtung von Kapital und Produktivkräften wird das produktive Potential der durch Lohnbeschränkung, Arbeitslosigkeit und Armut beschränkten zahlungsfähigen Nachfrage angepaßt.

Daß Löhne in Zeiten erhöhter Nachfrage nach Arbeitskraft steigen, kann die Entladung dieses Widerspruchs in einer Krise nicht aufhalten. Das zeigt die Krise 1992-93, aber auch alle Krisen vorher. Sie brachen aus, obwohl das Lohnniveau vor der Krise am höchsten war. Sie brachen aus, weil die Produktivkraft der Ökonomie trotz gestiegener Löhne in ein wachsendes Ungleichgewicht zur im Vergleich dazu beschränkten Kaufkraft geraten war. Der Arbeitskräftebedarf wird durch Investitionen und Profitraten reguliert und dieser reguliert wiederum die Höhe der Löhne.

Die Arbeitslosigkeit steigt in Krisenjahren sprunghaft. Nach Beendigung der ersten Krise der Nachkriegszeit 1966/67 pendelte sich die Arbeitslosenquote auf dem Niveau vor der Krise ein. Das war nach den Krisen 1974/75 und 1980/82 nicht mehr der Fall. Die Arbeitslosenzahlen stagnierten auf hohem Niveau auch im Aufschwung nach der Überwindung der Krise. Der Sockel der Arbeitslosenzahlen war nach allen Krisen erheblich höher als vorher.

Was sind die Ursachen dieser bedrohlichen Entwicklung? Jede Krise vernichtet Kapital und damit auch Arbeitsplätze. Jede Krise endet mit einem höheren Stand der Produktivität als vorher. „Der Ausweg aus jeder konjunkturellen Depressionsphase ist die Durchsetzung moderner Technik" (Schui 1991, 38). Neue Produktionsmittel werden in Auftrag gegeben, wenn genug Kapazitäten vernichtet sind. Die Produktion in der Investitionsgüterindustrie nimmt wieder zu. Die Lohnsumme und damit die Konsumausgaben können wieder steigen.

Nur: aufgrund der insgesamt höheren Produktivität bleibt nach Beendigung der Krise ein höherer Sockel von Arbeitslosen übrig. Dieser Sockel schmilzt zwar ab, überdauert aber insgesamt den Konjunkturaufschwung. Inzwischen erhöht sich auch im Konjunkturaufschwung der Sockel an Arbeitslosen noch weit über das Niveau der Krise, so als ob der Aufschwung eine Krise wäre. Das war zum ersten Mal im Aufschwung nach der Krise 1993 der Fall. Die Arbeitslosigkeit stieg bis 1998 gegenüber der Krise 1993 in Westdeutschland um rund 30% oder 600.000 Personen an, bei ab 1994 steigender Industrieproduktion.

Die Ursache dafür liegt in einer starken Modernisierung des Sachanlagevermögens, einer starken Veränderung der Arbeitsorganisation und der dadurch hervorgerufenen starken Steigerung der Produktivität. Sie liegt aber auch in einer wachsenden Konzentration des Kapitals, die die Neugründung von Kleinunternehmen erschwert.

Jede Krise führt auch zu einem Verfall der Profitraten, da aufgrund der Überproduktion ein größerer Teil des in Waren steckenden Profits nicht realisiert werden kann. Alle verfügbaren Angaben zeigen, daß die Profitraten sich bis heute nicht von dem Schock erholt haben, den sie in der ersten großen Krise der Nachkriegszeit, der Krise 1974 -75, erlitten haben. Sie konnten das Niveau der Zeit vor dieser Krise nicht mehr erreichen. Nach jeder Krise erholten sich die Profitraten wieder, um in der nächsten Krise erneut zu fallen. Die Tendenz geht dahin, daß auf dem Tiefpunkt der Konjunkturzyklen Tiefstände des vorherigen Zyklus unterschritten werden.

Das Kapital führt die Arbeitslosigkeit auf zu niedrige Gewinne zurück. Tatsächlich wird Arbeitskraft in einer kapitalistischen Ökonomie im wesentlichen nur genutzt, sofern sie private Gewinne in als ausreichend erachteter Höhe abwirft. Zu niedrige Gewinne sind für die Funktionäre des Kapitals in erster Linie durch zu hohe Löhne und Steuern hervorgerufen.

Es sind aber die Investitionen selbst, die einerseits auf die Renditen drücken und andererseits die Nachfrage nach Arbeitskraft vermindern und darüber die Absatzchancen von Waren einengen. „Zu niedrige Gewinne" sind Folge der Logik der Kapitalverwertung.

Wenn durch Investitionen und höhere Produktivität die Produktionskosten unter den Durchschnitt der Konkurrenz gesenkt werden können, steigen die Gewinne des Einzelkapitals und damit auch seine Rendite. Die Konkurrenz erzwingt ständig neue Investitionen, obwohl der Druck auf die Profitraten mit jeder Investition zunimmt.

Da jeder Aufschwung nach den Krisen einen höheren Sockel an Arbeitslosigkeit mit sich schleppen muß, nimmt die Dynamik der ökonomischen Entwicklung ab und die Aggressivität nimmt zu, auf Kosten der ganzen Gesellschaft die betrieblichen Profitraten zu erhöhen.

Entlassungen fördern den Fall der Profitraten

Wenn die Profitraten fallen, wird das Interesse an Senkung der Lohnkosten immer stärker. Arbeitskräfte erscheinen dem Einzelkapital als Kostenfaktoren, die seine Profite schmalem. Es hat das Bestreben, sie loszuwerden.

In den Jahren von 1980 bis 1990, als die industrielle Profitrate von 7,2% bis 1990 auf 9,9% stieg, blieb die Zahl der Beschäftigten in der Industrie fast konstant. Bis 1995 sackte die Profitrate auf unter 4% ab. Die Zahl der Beschäftigten sank um weit über eine Million. Arbeitskräfte werden entlassen, um die Produktivität der verbleibenden Arbeitskräfte zu steigern, Lohnkosten einzusparen und darüber die Profitraten zu erhöhen. Der Zusammenhang zwischen der sinkenden Zahl von Beschäftigten und der Entwicklung der Profitraten ist deutlich.

Tatsächlich müssen - bei sonst gleichbleibenden Bedingungen - die Profite steigen, wenn die Lohnsumme fällt und umgekehrt. Löhne und Profite stehen in einem entgegengesetzten Verhältnis.

Wenn Lohnarbeiter freigesetzt werden, können sie andererseits aber auch keine Überschüsse mehr produzieren. Sie sind als Produzenten von Gewinnen stillgelegt. Je mehr Lohnarbeiter entlassen werden, desto höher muß der von den übriggebliebenen erwirtschaftete Gewinn steigen, um den Ausfall auszugleichen.

Wenn z.B. in der Verarbeitenden Industrie bis 1995 eine Million Beschäftigte entlassen werden, die 1990 noch jährlich 15.000 DM Profit erzeugten, werden 15 Mrd. DM weniger Profit erwirtschaftet. Die Unternehmen stellen dem die ersparten Lohnkosten von, sagen wir, 50.000 DM brutto pro Beschäftigten oder insgesamt 45 Mrd. DM gegenüber. Das steigert natürlich die verbleibenden Profite. Das ganze sieht bei oberflächlicher Betrachtung wie ein sattes Geschäft aus.

Um aber eine Million Beschäftigte entlassen und gleichzeitig die Produktivität steigern zu können, mußten in Ausrüstungen und Gebäude zu Anschaffungspreisen 264 Mrd. DM investiert werden (Statistisches Bundesamt 1996, Tab. 3.6.3, S. 266). 264 Mrd. DM zu investieren, um netto 30 Mrd. DM zu sparen ist ein schlechtes Geschäft. Entlassungen drücken also gerade wegen der gestiegenen Produktivität auf die Profitraten, da sie mit steigender Kapitalausstattung ausgeglichen werden müssen.

Zu hohe Löhne: Ursache steigender Arbeitslosigkeit?

Für die Vertreter des Kapitals und die Mehrheit der Ökonomen steht die Welt auf dem Kopf: Arbeitslosigkeit ist für sie die Folge zu hoher Löhne. Wenn die Löhne frei fallen könnten und nicht durch Tarife, Gesetze, zu hohe Sozialleistungen usw. hochgehalten würden, würde die Nachfrage nach Arbeitskraft steigen, bis die Ware Arbeitskraft insgesamt verkauft wäre (nach Hickel 1995, 52). Horst Siebert z.B. stellt ab 1990 eine „Gewinnkompression" fest (Siebert 1994, 87). Er führt sie auf zu stark gestiegene Löhne zurück und macht sie für den massiven Abbau der Beschäftigung verantwortlich. Angesichts fallender Profitraten erscheinen selbst gesunkene Löhne noch als zu hoch.

Das massive praktische Interesse, die Löhne zu senken, um sinkende Profitraten kurzfristig aufzubessern, ist die Wurzel dieser „Theorie". Zu hohe Löhne erscheinen deswegen als Ursache zu niedriger Profitraten.

Also wird munter eine Senkung des Lohnniveaus um 20% gefordert, wie z.B. von Prof. Walter, dem Chefökonom der Deutschen Bank oder eine Senkung der untersten Tariflöhne um bis zu 30%, wie von der Bundes Vereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Das Kapital zieht gegen die „Anspruchsmentalität" derjenigen zu Felde, die sich gegen Armutslöhne sperren. Löhne haben für die Vertreter des Kapitals mit notwendigen Reproduktionskosten der Arbeitskraft nichts zu tun, nur mit Kosten, die sie selbst blutenden Herzens zahlen müssen.

Die Arbeitslosigkeit kann als Ursache nicht ein „zu hohes" Lohnniveau haben. Schon auf der Erscheinungsebene sind sinkende Löhne mit höherer Arbeitslosigkeit und steigende Löhne mit sinkender Arbeitslosigkeit verbunden. Aufgrund der Gesetze von Angebot und Nachfrage kann es auch gar nicht anders sein.

Krisen und Arbeitslosigkeit drücken nur aus, daß trotz eines in Zeiten guter Konjunktur relativ hohen Lohnniveaus zu viele Waren produziert worden sind. Deswegen kommt es zu Produktionseinschränkungen und sinkenden Profiten. Arbeiter sind für das Kapital zu produktiv geworden, als daß man sie noch alle beschäftigen könnte. Entlassungen bedeuten, daß die Produktivität von Arbeitskräften stillgelegt wird, um die Produktion von Waren zu verlangsamen und das Warenangebot der zahlungskräftigen Nachfrage anzupassen.

Andererseits sind die Lohnkosten nur ein kleinerer und außerdem schrumpfender Teil des investierten Kapitals. Wesentlich größere Bedeutung für die Profitraten haben die Investitionen. Sie sind es in erster Linie, die das Kapital in Verlegenheit bringen.

Sicherlich ist es richtig, daß sinkende Preise für die Ware Arbeitskraft ihren Ankauf fördern können. Das trifft zu wie bei jeder anderen Ware. Arbeitskräfte, einmal eingestellt, haben aber die unangenehme Eigenschaft, daß sie neue Waren produzieren. Das ist bei sinkender Binnennachfrage aufgrund sinkenden Lohnniveaus fatal und fördert Überproduktion.

Die Arbeitskraft ist auch deswegen eine besondere Ware, da über ihren Preis menschliche Grundbedürfnisse wie Essen, Trinken, Kleidung, Wohnung usw. befriedigt werden müssen. Weil das jeweils auf einem bestimmten Niveau der technischen und kulturellen Entwicklung geschieht, gibt es eine Schranke des Lohns nach unten. Diese Schranke gibt es bei überschüssigen Textilien, Autos, Äpfeln usw. nicht. Sie sind als Waren produziert und haben keine notwendigen Reproduktionskosten. Sie können für eine DM losgeschlagen werden, ohne daß sie sich beschweren.

Daß Arbeitskräfte „auf ihre Kosten" kommen wollen, verstehen die Vertreter des Kapitals nicht. Sie sind gegenüber den Bedürfnissen von Menschen gleichgültig, weil sie nur die Bedürfnisse der Kapitalverwertung kennen. Arbeitskräfte aber wollen sich nicht „mit Verlust" und unter Wert verkaufen, weil das die Lebensqualität beeinträchtigt. Arbeit ist für sie Mittel zum Zweck, nicht Zweck an sich, wie es die Vertreter des Kapitals verbreiten, die selbst keine produktive Arbeit verrichten.

Sie haben volles Verständnis nur dafür, daß das Kapital auf seine Kosten kommen will und sich ins Hängemattendasein des Frührentners verabschiedet, wenn das nicht der Fall ist. Weil die Verwertung des Kapitals für sie Selbstzweck ist, verstehen sie auch nicht, daß die Verwertung der Arbeitskraft, das Arbeiten an sich, für die Lohnarbeiterinnen kein Selbstzweck ist.

Zu niedrige Löhne: Ursache steigender Arbeitslosigkeit?

Für viele Vertreter der Gewerkschaften erscheinen zu niedrige Löhne als Ursache der Arbeitslosigkeit. Es ist zweifellos richtig, daß das Lohnniveau zu niedrig ist, um all die produzierten Warenberge abzutragen, die mit wachsender Energie aufgetürmt werden. In dieser Hinsicht ist das Lohnniveau tatsächlich eine Ursache der Arbeitslosigkeit d.h. der Stillegung von Produktivität. Kämpfe für höhere Löhne sind somit auch Kämpfe für eine Abmilderung des Widerspruchs zwischen Produktion und Konsumtion und wirken der Arbeitslosigkeit entgegen.

Daraus folgt aber nicht, daß das Kapital selbst daran interessiert wäre, das Lohnniveau zu erhöhen, um Produktion und Konsumtion ins Gleichgewicht zu bringen. Steigende Löhne würden die Profite und damit die Profitraten nach unten drücken. Von den Profitraten aber hängt die gesamte Tätigkeit des Kapitals ab. Lohnerhöhungen, die volkswirtschaftlich für das gesamte Kapital positive Auswirkungen hätten, widersprechen dem Interesse jedes Einzelkapitals. Das Hemd ist ihm näher als der Rock.

Offensichtlich sind „hohe Gewinne keine hinreichende Bedingung für arbeitsplatzschaffende Investitionen" (Reuter 1997). Daraus schließt Reuter, daß in den Gewinnen nicht das bestimmende Investitionsmotiv liegt, sondern daß „ der subjektiven Einschätzung über die Möglichkeiten zukünftigen Absatzes eine die Investitionshöhe letztlich bestimmende Rolle beigemessen werden" muß (ebda.).

Wenn „hohe Gewinne" keine ausreichende Bedingung für arbeitsplatzschaffende Investitionen sind, folgt daraus nur, daß nicht die absolute Höhe der Gewinne, sondern die Profitrate, die Rendite die Hauptrolle spielt. Sicherlich spielen Absatzerwartungen eine bedeutende Rolle, aber nur insoweit, als Absatz notwendig ist, um die üblichen Profitraten zu erzielen. Das heißt aber nicht, daß die Erhöhung der Kaufkraft das für das Kapital letztlich entscheidende Interesse ist. Obwohl das Kapital Absatzmärkte braucht, um Profite zu realisieren, untergräbt es sie, in dem es die zahlungskräftige Nachfrage aus Profitinteressen vermindert. Das wiederum wirkt auf die Investitionen zurück und bremst sie.

Da Investitionen und Lohnhöhe letztlich von der Entwicklung der Profitraten abhängen, kommt für das Kapital weder der absoluten Höhe des Gewinns, noch der absoluten Höhe der Löhne die entscheidende Bedeutung zu.

Produktion und Absatz sind Mittel zum Zweck, Renditen zu erzielen. Die betriebswirtschaftlichen Renditen würden sich mit Investitionen, die vorwiegend der Schaffung von Arbeitsplätzen dienen, ebenso verkleinern, wie mit Lohnerhöhungen, die der Erhöhung der volkswirtschaftlichen Nachfrage dienen. Zweck der Produktion ist weder, Arbeitsplätze zu schaffen, noch Waren abzusetzen, sondern mit Hilfe von Arbeitsplätzen und Warenabsatz ausreichende Profitraten zu erwirtschaften. Die Schranken des Wachstums liegen nur auf der Oberfläche in mangelnder Kaufkraft. In Wirklichkeit ist die Logik des Kapitals selbst die Schranke der Ausdehnung der zahlungskräftigen Nachfrage.

Steigende Produktivität muß, wenn sie unter dem Diktat von Profitraten steht, zu höherer Arbeitslosigkeit und damit tendenziell sinkenden Löhnen führen. Die Stärkung der Angebotsseite (der Investitionen) führt paradoxerweise zu einer Schwächung der Nachfrageseite (der Konsumtion). Beides zusammengenommen drückt die Profitraten nach unten. Andererseits schwächt die Orientierung an Profitraten sowohl die Angebotsseite als auch die Nachfrageseite. Denn sowohl Investitionen als auch steigende Löhne drücken die Profitraten tendenziell nach unten.

Autor: --------------------------- Datum 03.05.1998 Mail: Webmaster@gabnet.com
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