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Psychologie
Mitgeteilt von Reinhold Schoeler, Teil. & Fax 0421-534667, E-Mail: rsbn@vossnet.de
Psychologie der Zeugenaussage - Fehlerfaktoren, Suggestion 
und Methoden der Verbesserung
Stefan Suhling, Paper vom Jan. 1998, Grundlage eines Referates.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 
2. Kognitiv vs. motivational begründete Täuschungen 
3. Darstellungs- und Ordnungsprobleme
4. Faktoren, die die Zuverlässigkeit von Zeugenaussgen und Personenidentifizierungen beeinflussen 
4.1 Zeugenfaktoren 
4.2 Merkmale der Zielperson 
4.3 Situationsfaktoren 
5. Fehlerquellen im Gegenüberstellungsverfahren 
6. Die Besondere Problematik der Suggestion 
6.1 Köhnken (1997): 
6.2.Volbert & Pieters (1996) 
7. Techniken zur Verbeserung der Zeugenaussagen 
8. Zusammenfassung 
9. Literatur 
1. Einleitung

Im folgenden werden die wichtigsten Ergebnisse der Forschungsrichtung innerhalb der angewandten Psychologie referiert, die sich mit der Zuverlässigkeit und Beeinflußbarkeit von Zeugenaussagen, der Identifizierung von Tatverdächtigen und mit Techniken ihrer Verbesserung beschäftigt.

Sehr schnell entsteht dabei der Eindruck, das menschliche Gedächtnis sei ein unglaublich stark fehleranfälliges System, bei dem man von Glück sprechen kann, wenn nach Wahrnehmung, Behalten und Abruf noch etwas Richtiges "herauskommt". Dies ist jedoch nicht so. Das menschliche Gedächtnis ist zwar kein Ton- bzw. Videoband, aber es ist die meiste Zeit doch zuverlässig. Die Fehler- und Täuschungsanfälligkeit wird häufig unter extremen Bedingungen im Labor hervorgerufen. Dennoch sind die Ergebnisse zur "malleability of memory" nicht zu vernachlässigen. Ihre Relevanz für den Alltag der Justiz (vor allem der Strafjustiz, aber auch der privat- und öffentlich-rechtlichen) ist beträchtlich, bedenkt man, daß Zeugenaussagen formal auf einer Stufe mit "objektiven" Beweisen steht, es aber sogar Hinweise darauf gibt, daß sie von den entscheidenden Personen einer Gerichtsverhandlung häufig als noch gewichtiger angesehen werden, was natürlich Auswirkungen auf die Urteilsbildung hat.

2. Kognitiv vs. motivational begründete Täuschungen

Grundsätzlich ist zwischen kognitiv verursachten Fehlaussagen (Gedächtnis-täuschungen) und motivational verursachten Fehlaussagen (Falschaussagen, Lügen) zu unterscheiden. Um erste soll es hier gehen. Die Themengebiete der Lügen bzw. der Gedächtnistäuschungen gehören zwar unter dem Aspekt der Glaubhaftigkeits-begutachtung in Gerichtsverfahren zusammen, da GutachterInnen grundsätzlich von beiden Möglichkeiten der Verfälschung ausgehen müssen, dieses Problem soll hier aber nicht weiter interessieren. Es soll vor allem um eine Darstellung der unbeabsichtigten, wenn auch nicht unsystematischen Fehlerquellen in Aussagen gehen.

3. Darstellungs- und Ordnungsprobleme

Bei der Darstellung von Faktoren, die die Güte von Zeugenaussagen beeinträchtigen, stellt sich die Frage, nach welchen Ordnungskriterien vorgegangen werden soll. Dabei sind folgende Ordnungen möglich:

  • Darstellung der Fehlerfaktoren nach den Stufen des Informationsverarbeitungs-prozesses: Wahrnehmung, Enkodierung, Behalten, Abruf 
  • Darstellung der Fehlerfaktoren danach, ob Beeinflußbarkeit durch die Ermittlungsbehörden vorliegt (dann betreffen die Faktoren sog. system variables) oder nicht (dann betreffen die Faktoren sog. estimator variables, weil sie nur geschätzt und nicht genau rekonstruiert werden können) 
  • Darstellung der Fehlerfaktoren nach beteiligten Personen (Zeuge, Täter, Ermittlungsbeamter etc.) und Situationen (Wahrnehmungsgegebenheiten bei der Beobachtung des Ereignisses, Intervall zwischen Enkodierung und Abruf, zwischenzeitliches Geschehen, Art der Gegenüberstellung etc.) 
  • Darstellung der Fehlerfaktoren unter Berücksichtigung der Aufgabe, die der Zeuge / die Zeugin später zu leisten hat: einfaches Wiedererkennen (= Identifizierung eines Tatverdächtigen) oder freie Reproduktion (= Beschreibung von ganzen Situationen). 
Hier soll in Anlehnung an Cutler und Penrod (1990) eine Darstellung nach beteiligten Personen und relevanten Situationen erfolgen. Diese Darstellung stützt sich außerdem auf Befunde, die von Loftus (1979) und Bartol und Bartol (1995) berichtet werden.

4. Faktoren, die die Zuverlässigkeit von Zeugenaussgen und Personenidentifizierungen beeinflussen

4.1 Zeugenfaktoren

  • Erwartungen und Stereotype 
  • z.B. implizite Persönlichkeitstheorien bzw. Stereotype bei der Tätererinnerung (Verbrechen sind selten). 
  • dies ist vor allem auch wichtig bei Polizisten, die relativ starre, stark schematisierte Schemata von Verbrechensabläufen und Tätern haben (haben aber auch Personen der Allgemeinbevölkerung). 
  • plausible Details werden mit höherer Wkt. wahrgenommen. 
  • Die Erwartung, später jemanden identifizieren zu müssen, wirkt sich nicht positiv auf die Güte der Zeugenaussage aus. 
  • Geschlecht hat keinen Einfluß 
  • Intelligenz hat keinen eindeutigen Einfluß 
  • Alter 
  • Gefahr der Falschidentifizierung wird mit zunehmendem Alter geringer, jüngere Kinder identifizieren jemanden leichter falsch 
  • Reife ist ein angemessenerer Indikator als Alter 
  • bei alten Personen ist der Zshg. unklar 
  • Wahrnehmungs- und sensorische Defizite haben natürlich einen negativen Einfluß 
  • Merkfähigkeit 
  • bei den unterschiedlichen Aufgaben sind unterschiedliche Fähigkeiten relevant: Bei der Wiedererkennung vor allem die visuelle Merkfähigkeit, bei der freien Reproduktion vor allem das verbale Gedächtnis (und auch das Ausdrucksvermögen) 
  • Polizeibeamte unterscheiden sich dabei weder beim Erinnerungsvermögen noch bei der Wiedererkennensleistung von Zivilpersonen, erst nach längerer Begegnung erzielen die Polizisten ein besseres Ergebnis. 
  • Einfluß von Persönlichkeitseigenschaften wie Feldabhängigkeit und Self-Monitoring ist unklar, wenn überhaupt, dann schwacher Einfluß 
  • Gewißheit des Zeugen in die Richtigkeit der Aussage: 
  • Insgesamt gesehen ist der Zusammenhang zwischen subjektiver Gewißheit und Aussagezuverlässigkeit sehr gering!!! Gewißheit ist ein schwacher Indikator für Richtigkeit. 
  • Zur Erklärung wird manchmal die Optimalitätshypothese herangezogen: Faktoren, die die Qualität der Wahrnehmung und Infoverarbeitung beeinflussen, wirken sich auch auf Zuverlässigkeit der Gewißheitseinschätung aus. Die Korrelation zwischen Gewißheit und Aussagegüte sollte daher unter optimalen Wahrnehmungsbedingungen höher sein als unter schlechteren Bedingungen. 
  • Allerdings gilt: Je sicherer der Zeuge/ die Zeugin auftritt, desto eher wird ihm/ ihr geglaubt! 
  • Alkohol- oder Drogenintoxikation: Erinnerungsleistung sind meist schlechter als nüchtern 
4.2 Merkmale der Zielperson
 
  • Attraktivität hat keinen Einfluß, Auffälligkeit bzw. Einprägsamkeit dagegen einen großen 
  • Geschlecht hat keinen Einfluß 
  • Vermummung verschlechtert die Aussage 
  • Other-race-effect: Menschen haben Schwierigkeiten, unbekannte Gesichter einer Zielperson einer anderen Ethnie zu erkennen (Erklärung: substanzielle, bedeutsame Interaktionen zu anderen Rassen fehlen). 
4.3 Situationsfaktoren
 
  • Beleuchtung: je heller, desto besser (zu beachten ist bei jeder Zeugenaussage auch die Hell-Dunkel-Adaptation) 
  • Auffälligkeit des Täters im Wahrnehmungsfeld: Wiedererkennensleistungen werden schlechter, wenn mehrere Personen anwesend waren bei der Wahrnehmung 
  • Aufmerksamkeitszuwendung: Das, worauf die Zeugenperson ihre Aufmerksamkeit richtet, wird besser behalten 
  • in diesem Zusammenhang steht auch der Weapon Focus: 
    • signifikante Details (auch Masken, Blut etc.) werden besser erinnert, andere dafür nicht. 
    • Erklärung: cue-utilization-theory: unter hoher Erregung achten die Leute vor allem auf das, was am meisten bedrohlich erscheint. 
    • Allerdings kann eine längere Beobachtungsmöglichkeit dies ausgleichen. 
  • Zeitfaktoren: 
  • je länger die Beobachtungsmöglichkeit, desto besser die Erinnerung (logarithmische Funktion) 
  • je häufiger die Beobachtungsmöglichkeit, desto besser die Erinnerung. 
  • je langsamer eine Szene sich abspielt, desto besser die Erinnerung. 
  • oft schätzen Vpn die Dauer eines Events länger ein, als tatsächlich die Szene war: vor allem bei unangenehmen Ereignissen 
  • je länger die Zeit zwischen Speicherung und Abruf, desto schlechter die Aussage. ABER nicht so schlecht für Gesichter! 
  • Wahrnehmung der Signifikanz der Situation: 

  • - je stärker die Menschen bemerken, daß etwas wichtiges passiert, desto besser ihre Erinnerung
  • starke Emotionsbeteiligung, Streß, Gewalt: hier sind die Ergebnisse ziemlich uneinheitlich. Hier hat kürzlich Christianson (1997) versucht, die Befunde zu integrieren. Er resümiert (S.45): " ...highly negative emotional events are relatively well retained, both with respect to the emotional event itself, and to the central, critical detail information about the emotion-eliciting event, that is, the information that elicits emotional reaction. It also seems that certain critical detail information of emotionally arousing events and some circumstantial information is less susceptible to forgetting compared with detail information in neutral counterparts over time. However, memory of information associated with unpleasant emotional events, that is, information preceding and following such events, or peripheral, non-central information within an emotional scenario, seems to be less accurately retained - especially when tested after short retention intervals. This relative decrement in memory may recede, however, with strong retrieval report (e.g., reinstating internal and external contexts), if delayed testing is employed, or after repeated memory testing." 
  • Beobachtungsinstruktionen und Einprägungsstrategien: Schlußfolgernde Beurteilungsstrategien (elaborierte Kodierungen) führen zu besserem Wiedererkennen als oberflächliche Urteile. 
  • postevent information (!!!) 
  • nachträglich erhaltene Information kann sich negativ auf die Behaltensleistung der originalen Information auswirken, und zwar sowohl beim Behalten (z.B. durch Gespräche mit anderen, Zeitunglesen etc.) als auch beim Abruf (durch Suggestivfragen und irreführende Fragen, s.u.) 
  • dabei wird sich gestritten, wie dies zu erklären ist: Wird die Originalspur modifiziert , oder existieren beide Spuren nebeneinander, oder interferiert die zweite mit der ersten (theoretische Debatte, s. Köhnken, 1987, Hell, 1993, Volbert und Pieters, 1996) 
  • oftmals kommt es auch vor, daß zwischen zwei Infos Kompromisse geschlossen werden, Infos gemittelt werden. 
  • gerade beim letzten Bsp. wird auch der Hindsight bias wichtig (vgl. wiederum Hell, 1993) 
  • je später die irreführende Info gegeben wird, desto eher werden Fehler gemacht (praktische Bedeutung für Verteidiger!) 
  • besonders problematisch kann dabei unbewußter Transfer sein: 
  • bedeutet: wenn man jmd. fälschlicherweise als den Täter erkennt, obwohl er es nicht war. Man hatte den Unschuldigen vorher mal gesehen. 
  • passiert nur, wenn die Begegnung mit dem Unschuldigen sehr kurz war. 
  • wird relevanter, wenn man Zeugen erst die Kartei durchsehen läßt und sie dann an einer Gegenüberstellung teilnehmen läßt! 
  • Theoretische Erklärung: Quellenüberwachungsfehler (s.u.) 
Das kognitive System muß sich also als ein den Gesetzen von Plausibilität, Wahrscheinlichkeit und tatsächlicher Realität gehorchender Apparat vorsgetellt werden: Wahrnehmung als ein konstruktiver, interpretativer Prozeß und Erinnerung als ein rekonstruktiver, integrativer, auch imaginativer Prozeß. Man könnte fast so weit gehen, von Erinnerungen als Beurteilungsprozessen zu sprechen in den Fällen, wo wir uns der wahren Information nicht sicher sind! Unsere Sinne sind eben auch soziale Organe, die auch von Selbstbild und Motivation beeinflußt sind.

5. Fehlerquellen im Gegenüberstellungsverfahren
Eigentlich könnte man diesen Bereich der Fehlerquellen auch unter den Situationsfaktoren subsumieren. Da aber hier eine stärkere Kontrollmöglichkeit vorliegt (Zugehörigkeit dieser Variablen zu den "system variablen", s.o.), soll besondere Aufmerksamkeit darauf verwandt werden. Die Ausführungen sind aus Köhnken (1990).
Köhnken (1990): Fehlerquellen im Gegenüberstellungsverfahren

  • bezieht sich sowohl auf Gegenüberstellungen als auch auf Lichtbildvorlagen 
  • zentraler Grundsatz: "Der Verdächtige darf sich nicht durch irgendwelche wie auch immer gearteten Besonderheiten von den Alternativpersonen in der Gegenüberstellungsgruppe abheben" (S.157) 
  • besonderes Problem: Einmal gemachte Fehler sind später nicht mehr reparabel wegen der gedächtnismäßigen Konservierung einmal gemachter Fehler. Wenn die Prozedur fehlerhaft war, verliert die Aussage ihren Beweiswert 
  • Trennung von Zufallsfehlern und systematischen Fehlern 
  • Zufallsfehler (zufälliges Herauspicken einer der Personen, obwohl die Vp sich eigentlich nicht sicher ist, ob die Person überhaupt dabei ist. Daß sie trotzdem nicht die Identifizierung verweigert, liegt an falschen Vorstellungen: (a) ich muß ein guter, konstruktiver Zeuge sein und der Polizei helfen; (b) ich bin ein Versager, wenn ich niemanden identifizieren kann; (c) Die Gegenüberstellung dient lediglich dazu, den ohnehin schon hinreichend bekannten Täter endgültig zu überführen) können am besten dadurch vermieden werden, daß (1) man die Anzahl der Alternativpersonen erhöht; (2) man die Anzahl der Zeugen erhöht, die die Person unabhängig voneinander identifiziert. (1) und (2) gelten aber nur, wenn wenn aus der Art der Gegenüberstellungsprozedur und / oder aus der Zusammensetzung der Gruppe von Alternativpersonen keinerlei Anzeichen entnommen werden können, die auf den Verdächtigen hinweisen können; also müssen alle Alternativpersonen die Merkmale besitzen, die die Zeugen frei reproduzieren konnten. 
  • Systematische Fehler 
  • Strukturelle Fehler und die Auswahl der Alternativpersonen 
    • Es muß eine ausgewogene Gruppe gebildet werden und die Vergleichspersonen müssen für den Zeugen vollwertige Alternativen darstellen. Also ist eine Kombination von objektivem und subjektivem Auswahlverfahren der Alternativpersonen derart nötig, daß die effektive Größe ok ist.
      Objektives Auswahlverfahren: unabhängig von den subjektiven Eindrücken der Zeugen werden die Vergleichspersonen dem Verdächtigen in Größe, Frisur, Gewicht, Haarfarbe, Körperbau, Barttracht, Alter und Rasse vergleichbar ausgewählt.
      Subjektives Auswahlverfahren: Die Vergleichspersonen werden so ausgewählt, daß sie den Beschreibungen und Eindrücken, die der Zeuge vom Tatverdächtigen hatte, ähneln.
      Subjektives und objektives Auswahlverfahren sind zu kombinieren!
      Die Anzahl der Alternativpersonen ist so zu wählen, daß die effektive Größe (Anzahl echter Wahlalternativen) ok ist. Die nominelle Größe ist nicht relevant. Berechnung der effektiven Größe auf S. 164f.
  • Verfahrensfehler und die Durchführung von Gegenüberstellungen 
    • (a) vorangegangene Identifizierungen
      Der Beweiswert einer Identifizierung kann nie höher sein als der Beweiswert des ersten Wiedererkennens. Ein wiederholtes Wiedererkennen ist ohne jeglichen zusätzlichen Beweiswert. Bei einer Beweiswürdigung sind die Umstände des ersten Wiedererkennens zugrundezulegen. 
      Hierfür sprechen die Befunde zum Vertrautheitseffekt (unbewußter Transfer, wenn Zeugen jemanden, den sie vor der Gegenüberstellung schon einmal gesehen haben [zum Beispiel in der Zeitung oder auch in Lichtbildern] nun wiederentdecken, aber die situative Quelle der ursprünglichen Wahrnehmung durcheinanderkriegen) und zur Selbstfestlegung (einmal getroffene Entscheidungen werden später wiederholt, besonders, wenn sie unter öffentlichen Bedingungen gemacht werden und auch, wenn sie objektiv falsch sind).
      Also sollten Zeugen vor jeder Gegenüberstellung o,ä. gefragt werden, ob er im Vorfeld bereits Bilder des Verdächtigen gesehen hat.
      (b) suggestive Instruktionen
      Da der Einfluß von suggestiven Instruktionen nicht ausgeschlossen werden kann zum Zeitpunkt der Publikation, wird empfohlen, 
      - die Zeugen ausdrücklich darauf hinzuweisen, daß der Täter möglicherweise nicht unter den Alternativpersonen ist
      - den Zeugen klar zu machen, daß das Ziel der Gegenüberstellung nicht primär in der Identifizierung einer der Personen besteht, sondern daß es für die Polizei eine genauso wichtige Info ist, wenn keine Identifizierung vorgenommen werden kann
      - den Zeugen einen Antwortbogen auszuhändigen, auf dem die Antwortkategorien "der Täter ist nicht dabei" und "ich kann mich nicht mehr erinnern" als gleichwertige Alternativen enthalten sind
      Das alles sollte schriftlich vorgelegt werden.
      (c) Kenntnis des Tatverdächtigen durch die Alternativpersonen
      Die Alternativpersonen sollten nicht wissen, wer der Tatverdächtige ist, nonverbale Hinweisreize könnten ansonsten die Wahl einschränken
      (d) Kenntnis des Gegenüberstellungsleiters
      Solche nonverbalen Hinweisreize sind auch für den Gegenüberstellungsleiter nachgewiesen, wenn der weiß, wer der Tatverdächtige ist (besonders bei Fotos)
Simultane versus sequentielle Gegenüberstellung
    Simultane Gegenüberstellungen bergen die Gefahr, daß die Zeugen relative statt absolute Ähnlichkeitsbeurteilungen vornehmen, also sich nicht bei jeder Alternativperson einzeln und isoliert fragen, ob sie dem Täter ähnlich sehen, sondern die Alternativpersonen vergleichen und sich fragen, welcher dem Täter am ähnlichsten sieht. Dies ist vor allem dann ein Problem, wenn der Täter nicht dabei ist.
    Um solchen Strategien vorzubeugen, sollten sequentielle Gegenüberstel-lungen durchgeführt werden, die ein absolutes Ähnlichkeitsurteil erfordern. Das geht so:
    - Dem Zeugen wird immer nur eine Alternativperson vorgestellt
    - Für jede Person muß einzeln entschieden werden, ob es sich dabei um den Täter handelt oder nicht. Erst danach wird die nächste Vergleichsperson präsentiert.
    - Der Zeuge weiß im voraus nicht, wie viele Personen bzw. Fotos präsentiert werden, d.h. die Alternativpersonen werden aus einem nicht einsehbaren Raum hereingeführt bzw. der Stapel mit den Lichtbildern ist für den Zeugen nicht sichtbar.
  • Nachvollziehbarkeit der Gegenüberstellungen ist sauwichtig, deswegen sollten die Richtlinien, die Köhnken auf S. 177 empfiehlt, beachtet werden. 
6.Die Besondere Problematik der Suggestion

Daß Suggestionen einen Einfluß auf die Aussagegüte einer Person haben kann, ist nicht neu und klingt plausibel. In letzter Zeit ist dieses Thema allerdings besonders aktuell geworden im Zusammenhang mit dem Verdacht des (sexuellen) Kindesmißbrauchs. Sowohl in Mainz als auch in Münster fanden Prozesse statt, die deswegen so komplex und kompliziert waren, weil mehrere Kinder mehrere Erwachsene des sexuellen Mißbrauchs beschuldigt hatten. Diese Kinder waren von mehreren Erwachsenen mit bestimmten Vorerwartungen befragt worden. Im Münsteraner Montessori-Prozeß waren die Umstände der Entstehung von vielen kindlichen Aussagen schließlich so unklar, daß das Gericht Köhnken als "Sekundärgutachter" (verschiedene andere Gutachter hatten bereits die Gluabhaftigkeit der Kinderaussagen attestiert) herbeirief. Dieser stellte fest, daß die Kinder so schlecht (im Sinne von unvorsichtig, Suggestion nicht vorbeugend) und so häufig befragt wurden, daß die wahren Umstände niemals mehr zum Vorschein zu bringen sein werden, denn (s.o.) die Qualität einer Zeugenaussage ist niemals mehr so hoch wie bei der ersten Befragung.
Hier werden die Artikel von Köhnken (1997) und Volbert und Pieters (1996) zusammengefaßt wiedergegeben.

6.1 Köhnken (1997):

  • beschäftigt am Beispiel des Montessori-Prozesses mit der Frage, wie falsche Aussagen und Überzeugungen entstehen können, ohne daß die Falschheit erkannt wird oder auch nur intendiert war. Dabei liegt der Fokus auf der Beeinflussung der Erinnerungen durch Suggestion. 
  • nennt sechs Erscheinungsformen suggestiver Beeinflussung: 

  • Induzierung von Stereotypen: Kind wird gesagt, daß angeklagte Person böse Dinge getan hat und jetzt aber im Gefängnis sitze und nix mehr antun könne: Soll vermutete Ängste und Blockaden beim Kind überwinden, suggeriert dem Kind aber, daß die fragliche Person böse ist und man ihr einiges Schlimmes zutrauen kann. 
    Wiederholte Befragung: ständiges und langes Befragen läßt einen Befragungsdruck entstehen, dem die Kinder nicht stand halten können. Kinder neigen dazu, bei der Wiederholung von Fragen die richtige Antwort zu verwerfen und eine andere Antwort zu geben. Eine Antwort, die zunächst vielleicht nur gegeben wurde, um den Befragungsruck abzustellen, können sich leicht verfestigen und zu Erinnerungen werden, ohne daß dieser Prozeß bewußt sein müßte. 
    Nachträgliche Information: Es werden dem Kind Informationen vorgegeben, die bis zu dem Zeitpunkt von ihm selbst noch nicht erwähnt wurden. Diese werden übernommen (Paradigma des misinformation effect nach Loftus). 
    Konfromitätsdruck: Wenn mehrere vermeintlich betroffene Kinder vorhanden sind, liegt es nahe, einem befragten Kind die von anderen bereits gemachten Aussagen als positive Beispiele vorzuhalten. 
    Systematische Konditionierung: Selektive Verstärkung erwarteter Antworten und Ignorierung bzw. offen aversive Konsequenzen für Angaben, die nicht den Erwartungen der Befrager entsprechen. Befragungsdruck an sich ist schon eine äußerst aversive Situation, die erst beendet oder gelindert wird, wenn die erwarteten Angaben gemacht werden. 
    Explizite Aufforderung zu Konfabulationen: Konjunktivbefragungen ("Was könnte er denn gemacht haben?") und aufgedrückte Interpretationen von Zeichnungen und Träumen der Kinder oder auch die häufige Aufforderung an die Kinder, sich ein fiktives Ereignis vorzustellen. Folge: "Quellenzuschreibungsfehler" ("source misattribution"). 
  • Mit dem Nachweis solcher suggestiver Befragungsmechanismen ist aber noch nicht die Frage geklärt, wieso es überhaupt zu sugestiver Befragung kam. Dazu zieht Köhnken vor allem Theorien der Sozialpsychologie heran: 
  • Theorie der kognitiven Dissonanz: Die Befrager leiden unter einem Mangel an einem Mangel an Alternativhypothesen, d.h. sie gehen von vornherein davon aus, daß Mißbrauch stattgefunden hat. Nach dieser getroffenen Entscheidung werden der eigenen Überzeugung widersprechende Informationen gemieden und konsonante Informationen gesucht (confirmation bias). Es werden also Fragen gestellt, bei denen Ja-Antworten die Ausgangshypothese bestätigen (positive test strategy) oder bei denen die Antwortmöglichkeiten auf Fragen so eingeschränkt werden, daß hypothesenkonträre Antworten weniger wahrscheinlich werden (Hypothesen-Immunisierungs-Strategie, hypothesis preservation strategy). Diese Vermeidung dissonanter Informationen tritt besonders dann auf, wenn suboptimale Bedingungen, bspw. wegen starker emotionaler Belastung, vorliegen. Diskrepante Informationen werden nur dann gesucht, wenn sie besonders leicht zu widerlegen sind. Der confirmation bias tritt nicht nur bei der Suche nach Informationen ein, sondern auch bei der Erinnerung von Infos! 
  • Gruppenprozesse: Köhnken zieht auch die Theorie des Gruppendenkens zur Erklärung der Entstehung suggestiver Befragung heran. Gruppen verfolgen unter bestimmten Bedingungen unangemessene und irreführende Strategien der Informationsverarbeitung, z.B. Selbstüberschätzung der Kompetenz der Gruppe, Druck auf Andersdenkende und zunehmend dogmatisches Denken. Das heißt, unter solchen Bedingungen ist der confirmation bias in Gruppen noch viel stärker als der für Individuen. Dies trifft vor allem auf homogene Gruppen zu. Folgen des Gruppendenkens sind: 
    • Illusion der Unanfechtbarkeit bzw. Unfehlbarkeit (Optimismus hinsichtlich der eigenen Fähigkeiten). 
    • Rationalisierung, also kollektive Rechtfertigung der eigenen Überzeugungen mit dem Ziel, negative Rückmeldungen und Infragestellungen dieser Überzeugungen von vornherein abzuwerten. 
    • Gruppeneigene Moral, die nicht in Frage gestellt wird. 
    • Stereotypisierung der Meinungsgegner (z.B. als inkompetent). 
    • Gruppen-, also Anpassungsdruck. 
    • Selbstzensur: eigene Zweifel und Gegenargumente gegen die Position der Gruppe werden herabgewürdigt. 
    Elterngruppen, die z.B. vermuten, daß ein Kindergärtner ihre Kinder mißbraucht haben könnte, schrecken skeptische Teilnehmer, die an die Unschuld des Beschuldigten glauben, ab, indem Konmformitätsdruck auf sie ausgeübt wird. Dadurch wird die Gruppe noch homogener, unterliegt also mit höherer Wahrscheinlichkeit den Gruppendenken-Prozessen. Plötzlich finden alle Mitglieder, daß sie die gleichen Überzeugungen haben, was wiederum diese Überzeugung richtiger erscheinen läßt (Theorie der sozialen Vergleichsprozesse, Festinger, 1954). Zusätzlich tritt in solchen Fällen leicht eine Verantwortungsdiffusion ein: Jede Person verläßt sich auf das Urteil der anderen.
  • Köhnken stellt fest, daß also zur Begutachtung der Glaubwürdigkeit von Zeugenaussagen nicht nur die Aussage an sich herangezogen werden darf, sondern auch die Entstehungsbedingungen dieser Aussage und der allgemeine Hintergrund der Befragungen berücksichtigt werden müssen. So war es bspw. im Montessori-Prozeß so, daß die Aussagen der Kinder alle sehr glaubwürdig (weil z.B. detailreich) waren, eine reine Aussagenanalyse also nicht ausreichte. Zeugenaussagen können, zieht man nicht die Hintergründe ihrer Entstehung heran, sehr glaubhaft sein. Dies ist besonders dann der Fall, wenn die Zeugen selbst an das glauben, was sie fälschlicherweise ausgesagt haben. Die hier beschriebenen Mechanismen der Suggestion sind also in der Lage, Zeugenaussagen für alle Beteiligten glaubhaft zu verfälschen. 
6.2.Volbert & Pieters (1996)
  • Überblicksartikel zu Befunden und theoretischen Erklärungen der Suggestibilität von Kinderaussagen 
  • Zunächst Aufstellung von Bestimmungsstücken von Suggestion: 
  • suggerierte Info entspricht nicht dem tatsächlichen Ereignis 
  • Inadäquatheit der Info wird vom Empfänger nicht wahrgenommen 
  • es liegen keine Motive für eine Übernahme der suggerierten Info vor 
  • Suggestion manifestiert sich im Zusammenwirken von aktiver und passiver Suggestion (S.184) 
  • Historischer Abriß (S.185f.): Suggestibilität ist kein stabiles Persönlichkeitsmerkmal 
  • Befunde: 
  • Alterseffekte: In einigen Studien zeigte sich, daß Kinder unter 6 bis 7 Jahren, besonders Kinder zwischen 3 und 4, anfälliger sind und Kinder ab 10 Jahren bereits nicht mehr von Erwachsenen hinsichtlich Suggestibilität unterscheidbar sind. Allerdings gibt es auch Studien, die keine Alterseffekte finden. Möglicherweise liegen die Inkonsistenzen an den denkbar unterschiedlichen Versuchsanordnungen 
  • Aussageveränderungen durch Suggestive Einflußnahme sind seltene Ereignisse (in Labor- und Feldstudien), die nur bei sehr wenigen kindlichen Vpn beobachtet werden können, aber wenn Suggestion wirksam ist, ist sie ein sehr ernstzunehmendes Problem. 
  • Welche Aussagen sind durch Suggestion beeinflußbar? 
    • nachträgliche Suggestionswirkung auf periphere Details 
    • nachträgliche Suggestionswirkung auf zentrale, realistische, für das Kind relevante, zum Teil negativ getönte Ereignisse 
    • Suggestion sowohl durch spezifische Fehlinformation ("Er hat dir deine Sachen ausgezogen, nicht wahr?") als auch durch unspezifische Fehlinformation ("Der Babysitter hat vielleicht etwas Schlimmes gemacht"). Suggestionseffekte also auch ohne Suggestivfragen! 
    • Auch Aussagen über nicht stattgefundene Ereignisse können durch suggestive Techniken induziert werden (Loftus-Implantate: lost in a shopping mall, Arztuntersuchung). Dabei ist interessant, daß die suggestiv beeinflußten Personen später fest an die falsche Erinnerung glauben und daß Psychologen die falsche Aussage (auf Video) für glaubwürdig halten (eben weil die Kids die Aussage selber glauben) 
    • Werden Interviewer falsch informiert über die Realität, beeinflussen diese Hypothesen die Aussagegüte der Kinder auch dann, wenn der Interviewer explizit vor Suggestionen gewarnt wurde. Ein zweites Interview durch eine andere Person, die sich auf die Angaben über das Erste Interview stützt, verschärft die Suggestiveffekte noch. 
  • Theorien zur Erklärung der Wirksamket von Suggestionen in Aussagen von Kindern: 
  • Kognitive Ansätze: Die Übernahme nachträglicher Fehlinformation ist eine Funktion der Stärke der Gedächtnisspuren. Eine Fehlinfo wird vor allem dann übernommen, wenn die Gedächtnisspur für die nachträgliche Fehlinfo stärker ist als die für das tatsächliche Ereignis. Belege: 
    • wiederholte Einflußnahmen fördern die suggestive Wirkung 
    • wiederholte Präsentation der Originalinfo reduziert die Anfälligkeit für Suggestion 
    • kombinierte suggestive Einflußnahmen sind effektiver als einfache Suggestionen 
    • irreführende Infos sind wirksamer, wenn sie nach einem längeren Zeitabstand nach der ursprünglichen Wahrnehmung präsentiert werden 

    •  

       

      Innerhalb der kognitiven Ansätze, die die Stärke der Gedächtnisspuren betonen, gibt es verschiedene konkurrierende Hypothesen:

    • Hypothese des destruktiven Aktualisierens: nachträgliche Information überschreibt die ursprüngliche oder verschmilzt zumindest mit ihr (vgl. zu diesen Debatten Hell, 1993, Köhnken, 1987, Sporer, 1993) 
    • Koexistenzhypothese: die ursprüngliche Gedächtnisspur bleibt erhalten, ist aber schwerer abrufbar, da eine Konkurrenz zwischen beiden spuren besteht. 
    • Hypothese des Lückenfüllens: Keine Veränderungen der Gedächtnisspuren. Nachträgliche Fehlinformationen führen dann zu entsprechenden Aussageveränderungen, wenn keine Erinnerung an das ursprüngliche Ereignis gibt. 

    • Geht man also von der Annahme aus, daß ein Zusammenhang besteht zwischen der Stärke einer Gedächtnisspur und der Empfänglichkeit für Suggestion, dann läßt sich die höhere Suggestibilität von Kindern damit erklären, daß
    • ihre Fähigkeit, Informationen effektiv zu verarbeiten, noch weniger gut entwickelt ist 
    • sie über schwächere Gedächtnisspuren verfügen 
    • sie in stärkerem Maße einzelne Aspekte eines Ereignisses enkodieren und weniger interpretative und zusammenhängende Gedächtnisrepräsentationen besitzen 
    • schwächere Kodierungen oder eine Schwächung einer Gedächtnisspur eine stärkere Anfälligkeit für Suggestion zur Folge hat. 
  • sozialpsychologische Ansätze: 
    • Hypothese der Antworttendenzen: Fehlinformationen werden auch dann übernommen, wenn eine Erinnerung eigentlich gut ist, die Person aber dies Erinnerung als weniger zuverlässig einschätzt als die von einem kompetenten Dritten vermittelte Info oder weil sie die beeinflußte Person so verhält, wie sie glaubt, daß es von ihr erwartet wird. Dafür spricht, (a) daß bei einem Kind das Bemühen, die Erwartungen der erwachsenen Autoritätsperson zufrieden zu stellen, besonders relevant ist, (b) Kinder Erwachsene meist für glaubwürdig halten, denn von ihnen erwerben sie normalerweise Informationen. Sie sind es gewöhnt, daß Erwachsene Fragen stellen, auf die diese selbst die Antwort wissen. 
Volbert und Pieters vermuten, daß kognitive und soziale Faktoren bei der Produktion von Suggestioneffekten eine Rolle spielen: Ist nur eine schwache Gedächtnisspur vorhanden, werden Fehlinfos evtl. in höherem Maße übernommen, besonders die von Personen mit hoher Autorität. Außerdem ist denkbar, daß ein Kind zu Beginn des Suggestionsprozesses vor allem auf die sozialen Anforderungen (also die Erwartungen) eines Erwachsenen reagiert und im Verlauf zunehmend selbst von der Richtigkeit der Fehlinfo überzeugt ist.
  • Erklärungen im Rahmen des Quellenüberwachungsansatzes (vgl. z.B. Johnson & Rayeâs [1981]Reality Monitoring und Quellenunterscheidung) 
    • Vor allem jüngere Kinder können unter komplexen Bedingungen große Schwierigkeiten haben, richtige Quellenzuordnungen zu treffen, vor allem, wenn die Quellen ähnlich sind oder ein langes Intervall zwischen Ursprungsereignis und Test liegt. Es gibt Hinweise darauf, daß Kinder unter vier Jahren grundsätzliche Schwierigkeiten haben, die Quelle einer Information anzugeben.
      Bei der Fähigkeit, Quellen anzugeben für infos, gibt es einen Alterseffekt, der erklärt werden kann Mangel an metamemorialen Strategien, schlechterer Nutzung von Abrufstrategien, Altersdifferenzen bei der Enkodierung quellenrelevanter Information.
  • Erklärungen im Rahmen der Theory of Mind 
    • Die meisten 3jährigen schienen zwar zu verstehen, daß jemand über wissen verfügen kann, was jemand anderes nicht hat, aber sie können nicht begreifen, daß jemand Annahmen haben kann, die in Konkurrenz zu ihrem eigenen Wissen über einen Sachverhalt stehen können. Ihnen fehlt also ein Konzept für false beliefs, deshalb erscheint es wenig wahrscheinlich, daß sie ein Verständnis dafür entwickeln können, getäuscht oder von jemandem aufgrund falscher Annahmen mit subjektiv wahren, aber objektiv falschen Vorgaben in einer Befragung konfrontiert zu werden.
  • Volbert und Pieters argumentieren für eine stärkere Berücksichtigung entwicklungspsychologischer Aspekte bei der Betrachtung der Suggestibilität von Kindern. 
7. Techniken zur Verbeserung der Zeugenaussagen

Aus den vorangegangenen Ausführungen ist deutlich geworden, daß der Erstaussage eine immense Bedeutung zukommt, wenn es darum geht, die kontrollierbaren negativen Einflüsse auf Zeugenaussagen zu beseitigen. Die anderen, nicht kontrollierbaren Einflüsse (z.B. postevent information durch Zeitungsbilder) sind von den folgenden Ausführungen zumindest zum Teil unbetroffen, denn sie sind eben maximal nur abschätzbar. Dennoch gibt es Techniken, die versuchen, auch solche Einflüssen im nachhinein minimal zu halten.

Im folgenden werden von Psychologen vorgeschlagene und teilweise auch schon erprobte Verfahren zur Verbesserung der Güte von Zeugenaussagen vorgestellt.
Zunächst einmal sind Empfehlungen zu nennen, die vor allem bei Mißbrauchsprozessen dem Problem vorbeugen sollen, daß in Gerichtsverhandlungen nicht mehr nachvollzogen werden kann, unter welchen Umständen die Erstaussage zustande gekommen ist:

  • Befragung nur durch Psychologen 
  • Befragung nur durch geschulte Ermittlungsbeamte, die sich der Gefahr der Suggestion bewußt sind und z.B. speziell für Mißbrauchsbefragungen trainiert wurden. 
  • Tonband- oder gar Viedeoaufzeichnung der Erstbefragung, so daß ggf. in der Gerichtsverhandlung die Umstände, unter denen die Aussage zustande kam, nachvollzogen werden können. 
Nicht ganz unabhängig von solchen Überlegungen wurde von dem Psychologen Geiselman und seinen Mitarbeitern ein Verfahren zur Verbesserung von Zeugenaussagen entwickelt, das seitdem viel beachtet und häufig evaluiert wurde: das Kognitive Interview (vgl. z.B. Malpass, 1990, Beyer et al., 1994).
Es beruht auf insgesamt vier Strategien zur Verbesserung der Gedächtnisleistung:
(1) Rekonstruktion des Wahrnehmungskontextes: Der Zeuge soll sich möglichst genau an die Umstände erinnern, unter denen er das interessierende Ereignis wahrnahm. Hierbei kann der Interviewer mit Hinweisen und Fragen helfen (vgl. dazu den Textausschnitt zur geleiteten Erinnerung).
(2) Aufforderung zum freien und möglichst detailreichen Bericht: Der Zeuge soll - ungeachtet seiner Erwartungen, was der Interviewer wissen will - "frei assoziieren" und alles berichten, was ihm in den Sinn kommt, periphere Details gibt es somit nicht.
(3) Aufforderung zum Erinnern und Berichten des Ereignisses in umgekehrter Reihenfolge
(4) Aufforderung zum Erinnern und Berichten des Ereignisses aus der Perspektive einer anderen an der Situation beteiligten Person
Während die ersten beiden Methoden eine möglichst große Übereinstimmung zwischen der mental vorgestellten und der tatsächlichen Episode erreichen wollen, sollen die beiden anderen Methoden dadurch mehr Informationen zugänglich machen, daß andere Abrufpfade genutzt werden.
1987 wurde das Kognitive Interview von Geiselman und Mitarbeitern weiterentwickelt und wurde fortan "enhanced cognitive interview" genannt. Die detaillierteste Beschreibung findet man bei Fisher und Geiselman (1992), aber auch Köhnken (1995) beschreibt die Technik.

Einer der Hauptpunkte des Kognitiven Interviews besteht darin, daß der Interviewer dem Befragten die Kontrolle überläßt und selbst nur Unterstützung beim Abrufprozeß bietet. Es sollen so wenig Fragen wie möglich gestellt werden. Wenn Fragen gestellt werden, ist die Fragensequenz dem Abrufprozeß angepaßt. Fragen folgen meist auf einen zunächst freien Bericht. Weitere Prinzipien sind:

  • Der Interviewer wird angehalten, eine entspannte, freundliche Atmosphäre zu schaffen. 
  • Die Aussagen des Befragten sollen verstärkt werden, allerdings nicht selektiv. 
  • Auf nonverbales Verhalten der Interviewer ist besonders zu achten. 
  • Ein extrem wichtiges Prinzip verbietet dem Interviewer, den Befragten zu unterbrechen. 
  • Pausen sollen, wenn nötig, eingelegt werden. 
Das Kognitive Interview verläuft insgesamt in 11 Phasen:
Begrüßung und "Personalisierung" des Interviews: Schaffung einer persönlichen Atmosphäre (z.B. auch dadurch, daß der Befragte häufig mit dem Namen angesprochen wird). 

Rapport etablieren: Um ein Sicherheitsgefühl beim Befragten herzustellen, sollen zu Beginn Fragen gestellt werden (z.B. über Hobbies, Lieblingsfilme etc.), die vom Befragten positiv beantwortet werden können und ihn deshalb in eine positive Stimmung versetzen. Der Interviewer soll auch Selbstöffnung betreiben, um ein Modell darzustellen. 

Erklärung des Zwecks des Interviews: Es folgt der Hinweis auf das kritische Erlebnis des Befragten, welcher ermutigt wird, sofort alles zu berichten, was ihm spontan dazu in den Kopf kommt. 

Wiederherstellung des Kontextes: Hier sind Fragen des Interviewers, z.B. nach Details oder auch Stimmung und sensorischen Erlebnissen zur Zeit des relevanten Geschehens angebracht. Dem Befragten soll viel Zeit gelassen werden dabei. 
Freier Bericht: und zwar ohne Unterbrechung, auch, wenn der Report mal stoppt 
Frageteil: "When an interviewee is asked a question about a certain element of the event, he or she will often activate a mental picture of that element and read out the requested information. If the next question refers to a different picture the first picture has to be abandoned and the interviewee dredges up a different picture. Each act of drawing up a new picture code into consciousness interrupts the memory search and requires some mental effort. (Köhnken, 1995, S.226)" Also soll so gefragt werden, daß das aktuelle "mental picture" aufrechterhalten und vollständig ausgeschöpft wird. Die Fragen sollen in einer Weise gestellt werden, die zu Beginn noch sehr offen, dann aber immer spezifischer wird. 

Abruf aus einer anderen Perspektive (s.o.) 

Abruf in umgekehrter Reihenfolge (s.o.) 

Zusammenfassung durch den Interviewer in den Worten des Befragten. 

Schluß: Dank, vor allem, wenn das berichtete Erlebnis belastend und emotional negativ war. 

In den meisten Studien zeigt sich das Kognitive Interview Methoden der Hyponose, des Standardinterviews und der geleiteten Entdeckung überlegen (Malpass, 1990).
Köhnken (1995) berichtet von einer Metaanalyse seiner Arbeitsgruppe über Evaluationsstudien zum Kognitiven Interview und findet einen mittleren Effekt von 0,86 im Vergleich zu einem Standardinterview. Dieser Wert bezieht sich auf die Anzahl korrekt erinnerter Details. Leider produziert das Kognitive Interview im Vergleich zu Standardinterviews auch mehr inkorrekte Details, immerhin mit einem mittleren Effekt von d = 0,3!

8. Zusammenfassung

Die Forschung zur Psychologie der Fehleranfälligkeit von Zeugenaussagen und der Verbesserung letzterer hat eine Vielzahl von potentiell negativen, also die Aussagezuverlässigkeit einschränkenden oder gar ausschließenden Faktoren identifiziert, die nur teilweise kontrollierbar sind. Es gibt allerdings Methoden, die in der Lage sind, die Güte von Zeugenaussagen zu verbessern. Aber auch diese Verfahren können nicht voll befriedigen, geht doch mit einer Erhöhung der Anzahl richtig erinnerter Details oft auch ein Anstieg falsch erinnerter Details einher.
 

9. Literatur

Bartol, C.R. & Bartol, A.M. (1994) Psychology and law. Research and application. Pacific Grove: Brooks/Cole.
Beyer, M., Berger, C., Suhling, S., Taapken, N. & Wiesenfeldt, T. (1994). Experimentelle Untersuchung zur Güte von Zeugenaussagen unter Variation der Befragungsmethode und der Abrufumwelt. Unveröffentlichter Bericht, Institut für Psychologie der Universität Göttingen.
Christianson, S.-V. (1997). On emotional stress and memory: We need to recognize threatening situations and we need to "forget" unpleasant experiences. In L. Greuel, T. Fabian & M. Stadler, Psychologie der Zeugenaussage (33-46). Weinheim: Psychologie Verlags Union.
Cutler, B.L. & Penrod, S.D.(1990). Faktoren, die die Zuverlässigkeit der Personenidentifizierung beeinflussen. In G. Köhnken und S. L. Sporer (Hrsg.), Identifizierung von Tatverdächtigen durch Augenzeugen (25-51). Stuttgart: Verlag für Angewandte Psychologie.
Cutler, B.L., Penrod, S.D. & Martens, T.K. (1987). The reliability of eyewitness identification. The role of system and estimator variables. Law and Human Behavior, 11, 233-257).
Fisher, R.P. & Geiselman, R.E. (1992). Memory-enhancing techniques for investigative interviewing. Springfield: Charles Thomas.
Geiselman, R. E., Fisher, R. P., Mac Kinnon, D. P. & Holland, H. L. (1986). Enhancement of eyewitness testimony with the cognitive interview. American Journal of Psychology, 99, 385 - 401.
Hell, W. (1993). Gedächtnistäuschungen. In G. Gigerenzer & S. Fiedler (Hrsg.), Kognitive Täuschungen (13-38). Heidelberg: Spektrum. 
Johnson, M.K. & Raye, C.L. (1981). Reality Monitoring. Psychological Review, 88, 67-85.
Köhnken, G. & Sporer, S. L. (Hrsg.). (1990). Identifizierung von Tatverdächtigen durch Augenzeugen. Stuttgart: Verlag für Angewandte Psychologie.
Köhnken, G. (1987). Nachträgliche Informationen und die Erinnerung komplexer Sachverhalte - Empirische Befunde und theoretische Kontroversen. Psychologische Rundschau, 38, 190-203.
Köhnken, G. (1990). Fehlerquellen im Gegenüberstellungsverfahren. In G. Köhnken und S. L. Sporer (Hrsg.), Identifizierung von Tatverdächtigen durch Augenzeugen (157-177). Stuttgart: Verlag für Angewandte Psychologie.
Köhnken, G. (1995). Interviewing adults. In R. Bull & D. Carson (eds.), Handbook of psychology in legal contexts (215-233). Chichester: John Wiley and sons.
Köhnken, G. (1997). Suggestive Prozesse in Zeugenbefragungen: Formen und theoretische Erklärungsansätze. Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform, 80, 290-299.
Loftus, E. F. (1979). Eyewitness testimony. Cambridge, Mass.: Harvard University Press.
Malpass, R. S. (1990). Techniken zur Verbesserung der Gedächtnisleistung. In G. Köhnken und S. L. Sporer (Hrsg.), Identifizierung von Tatverdächtigen durch Augenzeugen (S. 135 - 156). Stuttgart: Verlag für Angewandte Psychologie.
Sporer, S.L. (1993). Der Falschinformationseffekt: Verschmelzung, Koexistenz oder Abruffehler. In L. Montada (Hrsg.), Bericht über den 38. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Psychologie in Trier 1992 (345-356). Göttingen: Hogrefe.
Volbert, R. & Pieters, V. (1996). Suggestive Beeinflussung von Kinderaussagen. Psychologische Rundschau, 47, 183-198.
 

Autor:Stefan Suhling  Datum 18.06.1999 Mail: c/o brain@gabnet.com
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