Psychologie
Abraham Weinstein & Nathan Süss, U.S.A. (Vorgestellt von Gerhard Hanenkamp, (V.i.s.d.P.)

 

FÜR EINE ENTSCHIEDENE ANWENDUNG DER 
PAS-DIAGNOSTIK
UND DER VON GARDNER EMPFOHLENEN KRISENINTERVENTION

 

Vorwort

An Ideen, was die Erschließung neuer Wirkungsbereiche betrifft, mangelte es in der deutschen Psychologenszene nicht. So ist es nicht  zu übersehen, dass viele Psychologen und Gemeinschaftspraxen sich mehr und mehr der Gerichts- psychologie widmen. Die Orientierung dieser sogenannten psychologischen Sachverständigen richtet sich nach hausgemachten Konzepten, ohne eine erkennbare Orientierung an internationale Erfahrungen. Ganz offensichtlich orientiert sich die Mehrheit dieser psychologisch tätigen Auftragsnehmer nicht an wertfreie Vorgaben, sondern an eine vom Auftragsgeber (das Familiengericht) vorgegebene in die gerichtliche Fragestellung implizierte Erwartung. Wer davon zu sehr abweicht bekommt keine Aufträge mehr. 

Ein gerichtspsychologischer Sachständiger begreift recht schnell, was von ihm erwartet wird, will er im Geschäft bleiben. Die Zusammenarbeit mit diesen sogenannten unabhängigen (???) psychologischen Sachverständigen, kann gerichtlich erzwungen werden (sowie deren Bezahlung eingeklagt werden kann). Eine risikolose Tätigkeit für den psychologischen Sachverständigen, die sich einer Reklamation durch den Probanden entzieht. Moral und Gewissen spielen hier offensichtlich nur eine untergeordnete Rolle. Gerichtspsychologische Auftragsnehmer haben es auf diese Weise in der Hand, die Weichen für eine lebenslange Eltern-Kind-Entfremdung zu stellen. 

(Salzgeber Aufsatz in Arial-Schrift – Kritische Anmerkungen von ...........in Times New Roman-Fett-Schrift)

Beiträge • Aufsätze • Berichte KindPrax 6/1998, Seite 167- 171 

Joseph Salzgeber/Michael Stadler
Beziehung contra Erziehung - kritische Anmerkungen zur aktuellen Rezeption von PAS
Ein Plädoyer für Komplexität

Wenn man die Situation mit einer medizinischen Notsituation vergleicht, würde dem psychologischen Sachverständigen in Familiensachen allenfalls die Rolle des Pathologen zufallen. Er könnte theoretisch nichts für den Probanden tun, weil sein Einsatz zu spät kommen würde und  die Zivilprozeßordnung darüber hinaus seine Aufgabe unmißverständlich beschränkt. Zudem müssen wir nachdrücklich darauf  hinweisen, daß hier nicht die  „Arbeitshypothese PAS“ der Patient ist,  sondern ein „hilfsbedürftiges Kind in einer Loyalitätskrise“.  Es ist hierbei völlig gleichgültig,  ob eine beobachtete Ablehnungshaltung des Kindes als „PAS“  oder  mit einer anderen Arbeitshypothese vorläufig erklärt wird. Vorrangig und das darf  nicht übersehen werden, ist nicht nur ein wirksames Konzept  wie man 
dem entgegentreten kann,  sondern auch die Früherkennung dieser Störung und eine rechtzeitige Intervention. Überall dort, wo ohne eine gerichtliche Begründung eigenmächtig ein Umgangsrecht eingeschränkt oder ausgeschlossen wird, muß unverzüglich (mit unverzüglich meinen wir innerhalb von wenigen Tagen)  interveniert werden. Dazu hat uns das neue Recht die Möglichkeit gegeben, z. B. in jedem Stadium der Elterntrennung  einen Verfahrenspfleger in der Rolle eines „Interessenvertreter des Kindes“ einzusetzen. 
 

der Beitrag würdigt durchaus die Anstöße, die Kodjoe/Koeppel durch die Einführung von PAS in die Sorge- und Umgangsdiskussion gegeben haben, warnt aber vor einer allzu monokausalen Sicht und versteht sich deshalb als ein „Plädoyer für Komplexität".

Einleitung:

Die aktuelle Diskussion um die Wahrung des Kindeswohls bei Trennung und Scheidung liest sich wie ein Lagerkampf, folgt man dem argumentativen Vortrag': Befürworter auch eines Erziehungs-, Stabilitäts- und Förderbedarfs bei einem Kind und der damit angeblich zwingend einhergehenden Selektion eines erziehungsgeeigneteren Elternteils (die Reaktionäre) und Verteidiger der postulierten Bedürfnisse des Kindes nach umfassendem Erhalt enger emotionaler Beziehungen zu beiden Eltern (die Progressiven) stehen sich vermeintlich unversöhnlich gegenüber: Ein klares Bild in Schwarz und Weiß.

Wollte man diesem Weltbild weitere Farben beimischen, müßte man sich und dem geneigten Leser - realitätsnähere? -Differenzierungen zumuten:

Ein erwähnenswerter, aber in einigen Beiträgen der jüngeren Fachdiskussion systematisch negierter Aspekt bei der Frage der Entwicklungs- und Anpassungsaufgaben eines Kindes an die Trennungssituation der Eltern betrifft die Frage nach unterschiedlichen Beziehungs- qualitäten und damit auch bedingten Erziehungskompetenzen. Beziehungs- bzw. Bindungs- qualitäten bilden sich gleichermaßen im Erleben des Kindes, durch innere Repräsentationen2 der Eltern, wie auch in dem durch eine jeweils gegebene Kompetenzstruktur geprägten Beitrag der Eltern selbst ab. 

Das Erleben des Kindes wird ja nicht erst durch den programmierenden Elternteil geprägt,  sondern hauptsächlich durch die verzögerte Abwicklung, wodurch verursachte Beziehungs- abbrüche durch bloßes Verstreichenlassen von Zeit, mitverschuldet werden (Das wird bereits im GOLSONG/VOGELER, Internationalen Kommentar zur Europäischen Menschenrechts- konvention zum Art.  6, Randnummer 326 mit folgenden Worten bemerkt: „Die unangemessen lange  Dauer des Verfahrens wird häufig gerügt, besonders viele der Beschwerden sind gegen Deutschland gerichtet. Sie ist für die Langatmigkeit ihrer Verfahren bekannt. Kommission und Gerichtshof haben deutliche Kritik geübt“).

Erst solche Verfahrensverzögerungen verführen geradezu einen (von irrationalen Verlustängsten geplagten) ambivalenten Elternteil dazu,  sich die ausschließliche Zuwendung des Kindes durch eine mehr oder weniger geschickte Beeinflussung zu sichern. Gardner‘s Bestreben ist nicht die Feststellung von PAS,  sondern seine Ausbreitung durch geeignete und rechtzeitige Intervention zu verhindern. 
 

PAS ist das Ergebnis einer institutionellen Unfähigkeit, einen vermeidbaren Zustand so rechtzeitig zu beenden, daß weder der Einsatz eines Sachverständigen noch eines Therapeuten notwendig wäre.
 

„Ein Kind braucht beide Eltern" heißt noch lange nicht „Ein Kind will/liebt beide Eltern auf dieselbe Art und Weise". 

Wer sich fragt: „will ein Kind beide Eltern?“, muß auch gleichzeitig fragen, ob diesem Kind die freie Wahl gelassen wurde,  selbst und unbeeinflußt  zu entscheiden (induzierter Wille) ? Der Kindeswille wird jedoch in der Regel erst dann beachtet (so gewollt?), wenn er negativ konvertiert ist.

Die Autoren sind Dipl. Psychologen, öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige für forensische Psychologie, München.
Eine Gleichsetzung der beiden Aussagen hieße - jedem aus der eigenen Biographie unschwer zugängliche - emotionale Grunderfahrungen und Bewertungen eines Kindes zu negieren. Die Konsequenz zugängliche - emotionale Grunderfahrungen und Bewertungen eines Kindes zu negieren. Die Konsequenz hieraus ist keineswegs eine Restaurierung einer „entweder- oder"- Entscheidung zwischen Eltern; genauso wenig kann aber die im Regelfall facettenreiche Gestalt von Kind-Eltern-Beziehungen einem tabubelegten Harmonisierungsdiktat im Sinne politischer/ideologischer Werthaltungen geopfert werden.

Ganz offensichtlich wird von den Autoren übersehen, daß die einseitige Sorgerechtszuweisung auch nichts weiteres ist, als ein Harmonisierungsdiktat per Gerichtsbeschluß (wie ein Märchen mit den Worten endet „und wenn sie nicht gestorben sind.............“, kann man in Gerichts- beschlüssen nachlesen, das vorliegender Beschluß (der einseitigen Sorgerechtszuweisung), dem Kindeswohl am besten dient“  Wir reden hier von willkürlichen monatelangen ja jahrelangem Kindesentzug, der durch gerichtlicher Sanktionslosstellung  der Sorgeberechtigten,  selbst vormals harmonische Beziehungen besiegeln.  Bei der Feststellung, ob PAS vorliegt, geht es doch nicht um die „Psychologische Keule“ gegen Mütter,  sondern um die Frage, wie man eine nachweislich harmonische Vater-Kind-Beziehung (Mutter-Kind-Beziehung) so schützt, daß es eben nicht zu dieser negativen Konversion im Sinne von PAS kommt. Um es mit Klenners Worten zu sagen: „Umgangsboykott darf sich nicht lohnen“. 

 Im übrigen gilt auch von der anderen Seite her die Prämisse nicht, wonach bei-de Eltern ihr Kind immer lieben und alles tun, um dem Wohl ihres Kindes gerecht zu werden. Jeder der mit Trennungsfamilien zu tun hat, kennt die oftmals unterschiedlich ausgeprägte Bereitschaft der Elternteile, Erziehung tatsächlich zu leisten, dem Kind die notwendigen Sozialisationsbedingungen für seine gesunde Entwicklung zu bieten. Nicht zuletzt trifft nicht zu, wie wohl die meisten Jugendämter, aber auch nahezu alle am Scheidungsgeschehen beteiligten Berufsgruppen wissen, daß die Eltern immer - und nicht nur nicht vorübergehend - in der Lage sind, die Bedürfnisse ihres Kindes zu erkennen und angemessen zu 

Wir möchten an dieser Stelle  noch einmal ganz deutlich betonen, daß es nach einer Trennung oder Scheidung nicht darum geht, einen Kontakt anzubahnen, der während der Beziehung problemlos stattgefunden hat. Hier geht es auch nicht um die Qualifikation oder das Versagen des einen/oder beider Elternteile (noch weniger um eine Schuldzuweisung) . Die Untätigkeit oder der stark verzögerte Einsatz der Entscheidungsträger bringt Phänomene in das Trennungsgeschehen, die vorher nicht vorhanden oder so stark ausgeprägt waren und so massiv auch nicht eingetreten wären, wäre  es zu einer schnellen vorläufigen Regelung gekommen. 

Die jahrelang bestehende Angst, eine Scheidung ziehe unheilbaren Schaden nach sich und sei Kindern nicht zuzumuten, hat eine präzisierende Relativierung durch längsschnittliche Beobachtung von Scheidungsfamilien erfahren. Die Erkenntnis, Scheidung könne unter bestimmten Umständen von Kindern leichter verarbeitet werden als unter anderen Bedingungen, hat zu wichtigen Konsequenzen in der Rechtsprechung ebenso wie der Gesetzgebung geführt. In jüngerer Zeit scheint jedoch eine Haltung Raum zu greifen, welche die früher undifferenzierte Angst um die Kinder nunmehr durch eine ebenso undifferen-zierte Verleugnung der höchst individuellen streßvollen Anpassungsaufgaben für Erwachsene und Kinder1 ablöst.

Politik und Emotionen kontra Empirie

Ist es etwa eine den neuen Zeitgeist prä-gende geringe Toleranz gegenüber leid-vollen Prozessen in der individuellen Biographie, welche zum Ruf nach neuerlich einfachen Schuldzuschreibungen und Lösungen führt?
Unter diesem Blickwinkel wird vielleicht nachvollziehbar, warum neue Erkenntnisse im Themenfeld Scheidung und Sorgerecht immer wieder kurzschlüssig ge- oder gar mißbraucht werden, anstatt zu der eigentlich viel naheliegenderen Differenzierung des Problem-feldes beizutragen. Mitunter drängt sich der Eindruck auf, der subjektiv empfundene Problem- und auch Handlungsdruck in diesem Bereich enge den Blick ein, was übrigens eine wohlbekannte Erkenntnis der Streßforschung darstellt. Dies mag bei Eltern unter der Belastung des Trennungskonfliktes durchaus noch akzeptabel sein, schwierig wird es jedoch, wenn in einer Fachdiskussion, welche mit dem Anspruch auftritt, ernst genommen zu werden, nachweislich einäugig argumentiert wird. So finden sich für jeden Leser unschwer auffindbar bereits in einem zur Untermauerung der Vorteile gemeinsamer elterlicher Sorge meistzitierten Werke 4 detaillierte Hinweise auf die Limitierungen eines solchen Modells'' unter umschriebenen Voraussetzungen - letzteres bereits unter Verweis auf empirische Grundlagen".

Ähnlich verhält es sich gegenwärtig mit Publikationen zum Thema Parental Alienation Syndrome (PAS).
In jüngsten Publikationen7, welche sich mit Überidentifikation und extremen Loyalitätshaltungen von Kindern im elterlichen Trennungskonflikt befassen, wird ausführlich auf den amerikanischen Kinderpsychiater Richard Gardner verwiesen, der in diesem Zusammenhang als diagnostische Kategorie PAS (Parental Alienation Syndrome)8 vorschlägt. Gardner9 wäre mit der Art der Zitierung jedoch schwerlich einverstanden. Er selbst hat wiederholt darauf verwiesen, daß die Diagnose PAS keineswegs verkürzt 
als Kriterium einer Sorgerechtsempfehlung taugt. Mehr noch, er hat, im Sinne der deutschen Publikationen horribile dictu, sogar festgehalten, daß er als gerichtlich herangezogener Fachmann vielfach, trotz Vorliegen eines PAS, eine Empfehlung zugunsten des verantwortlichen Elternteils gab 10. Es mag durchaus wertvoll sein, die Hintergründe solchen Vorgehens bei Herrn Gardner evtl. auch kritisch zu hinterfragen; diesbezügliche Hinweise des Autors jedoch zu unterschlagen, stimmt zumindest nachdenklich im Hinblick auf die fachliche Unvoreingenommenheit der zitierenden Autoren. Bedauerlicher-weise tragen so Erkenntnisse oder Neuformulierungen von altbekannten Phänomenen kindlichen Verhaltens und elterlichen Erlebens nicht zu einer Differenzierung des Verständnisses komplexer psychischer Vorgänge bei, sondern offenbar eher zum Gegenteil. 

Auch dem muß entgegengehalten werden, daß die Autoren Kodjoe/Koeppel keine nennenswerten Erkenntnisse unterschlagen. Das Ziel der PAS-Erkenntnisse ist nicht,  jedes umgangsunwillige Kind mit der Diagnose PAS zu belegen,  sondern die Ursachen für die Entstehung von PAS abzubauen.  PAS müßte es nicht geben, wenn die psychologische Forschung selbstbewußter auftreten und die Ursachen für die Entstehung des Entfremdungs- syndroms erkennen und anders angehen würde.  Wir sind uns aber auch klar darüber, daß sich die Justiz schwer tut, neue Erkenntnisse zur Prävention,  zügig umzusetzen. 

Gut ablesbar ist der beschriebene Prozeß auch an der Rezeption Gardners in den Vereinigten Staaten. So kommentiert ei-ne Rezension " Gardners Buch noch ganz im Sinne des Autors, wenn beschrieben wird, es sei keineswegs ausschließlich der Beitrag eines böswilligen Elternteils, der den Ausschlag zur Entstehung eines PAS gebe, sondern auch das Kind selbst leiste einen eigenständigen Beitrag. 

Falsch: Die Indoktrinierungen des sorgeberechtigten Elternteil entwickeln eine Eigendynamik im Kind. Es verbündet sich in der Regel mit dem stärkeren Partner, was von Gardner auch umfassend beschrieben wird und nimmt gegenüber dem Erziehungselternteil eine Beschützerhaltung ein.

Nach einem Verweis auf Gardners Vorschlag zur Bildung von drei PAS Subkategorien wird ausdrücklich zitiert, daß der Autor eine Sorgerechtsänderung nur in der schwerwiegendsten Ausprägung von PAS in Betracht ziehe. Dies hindert den Rezensenten jedoch nicht, als Lösung schließlich wenige Absätze später in einem Atemzug neben den Vorschlägen Gardners „a willingness to change custody even in the more moderate (Hervorhebung durch die Autoren) cases" vorzuschlagen.
In ähnlichem Trend, und damit sicherlich bedenklich für das Kindeswohl im Einzelfall, liegt, wenn das PAS nun im deutschen Sprachraum im anwaltlichen Schriftsatz bei Sorge- und Umgangsstreitigkeiten als Allheilmittel oder psychologisch verbrämte Keule auftaucht '2. Fast immer wendet sich diese Keule gegen Verhalten der Mutter als der Ursache von PAS, wenn es Probleme mit dem Umgang oder Sorgerecht gibt. 

Glücklicherweise wird gerichtlicherseits wenig oder garnichts auf anwaltliche Schriftsätze gegeben. Der Psychologe ist gerade als Anwalt des Kindes und Verfahrenspfleger gefordert. Er, und nur Er stellt die Diagnose! Nicht der Rechtsanwalt in seinen Schriftsätzen. Was ein Anwalt schreibt,  ist ausschließlich parteiliche Interessenvertretung;  In der Regel für den sorgeberechtigten Elternteil.

Man fühlt sich als Sachverständiger schon gelegentlich an den zeitweilig epidemisch geäußerten sexuellen Mißbrauchsvorwurf erinnert, in der Häufigkeit, in der nun Mütter - vielleicht als Retourkutsche - zu PAS-Müttern und damit erziehungsungeeignet erklärt werden.

Es kann nun wirklich nicht darum gehen, daß sich eine wissenschaftliche Erkenntnis gegen Mütter wendet.
Ob sich eine Mutter oder ein Vater  gegen die Interessen des Kindes stellt, das Kind muß als schwächster Part davor geschützt werden, weil eine elterliche Haltung, PAS in einem Kind zu erzeugen, einen emotionalen Mißbrauch darstellt, der so nicht hingenommen werden darf. Keinem Elternteil darf nach der Trennung ein Recht zugestanden werden, ein Kind gegen den anderen zu beeinflussen. Die Beziehungen des Kindes zu schützen, muß vorrangig bleiben. Es geht auch nicht darum, Böswilligkeit bei einem Elternteil festzustellen, ihn möglicherweise zum Sündenbock abzustempeln, um ihm möglicherweise das Sorgerecht streitig zu machen,  sondern ausschließlich um eine wirksame Interessenvertretung des Kindes. Einen aus einer jahrelangen Untätigkeit resultierenden/vermeidbaren Schaden mittels eines psychologischen  Sachverständigengutachtens zu konstatieren ist nach wenigen Wochen schlichtweg überflüssig,  ja sogar schädlich.  Anstelle einer psychologischen Untersuchung eines vermeidbaren Schadens,  sollte die rechzeitige Krisenintervention treten. Aus welchen Motiven auch immer der Sorgeberechtigte sich als Entfremder (Alienator) betätigt, ihm muß klar gemacht werden, daß es Konsequenzen hat, wenn er sein kindeswohlschädigendes Verhalten nicht korrigiert.   Ein Kind muß unmittelbar  davor geschützt werden.

Ist PAS etwas Neues?

Im Beitrag von Kodjoe und Koeppel wird moniert, daß den Sachverständigen in der BRD wesentliche Erkenntnisse der aktuellen Fachwissenschaften nicht bekannt sind '\ Das unter PAS beschriebene Phänomen ist nicht neu und war auch schon bekannt, ehe es von Herrn Gardner beschrieben und mit PAS benannt worden ist. Arntzen beschreibt in seinem Buche „Elterliche Sorge und Umgang mit Kindern" das PAS mit „Gegeneinstellung" und gibt bereits Hinweise für eine Intervention durch den Richter 14. Er erwähnt die vom ihm so bezeichnete „Umgangsvereitelung" durch den Sorgeberechtigten und empfiehlt, unter Berücksichtigung aller anderen Kriterien, auch eine Sorgerechtsabänderung zu erwägen”. Er formuliert an anderer Stelle relativ differenziert Gründe, die zu einem Abbruch des Umgangs eines Kindes mit dem getrenntlebenden Elternteil führen (er nennt es direkte oder indirekte Verhinderung) ", Berk spricht von „Sabotage" 17, Lempp"' gibt verschiedene Gründe an, die auch in den Motiven des Sorgeberechtigten liegen, die zur Ablehnung des persönlichen Kontaktes des Kindes zum nichtsorgeberechtigten Elternteil führen und nennt es „identifikatorische Übernahme von Elternargumenten"19, Wendl nennt es „beharrliche Ablehnung von Besuchskontakten durch das Kind"20. Es ließen sich noch weitere Autoren aufzählen. Es würde den Rahmen sprengen, auf alle die Urteile zum Umgangsrecht einzugehen, die sich mit diesem früher noch nicht so bezeichneten PAS befaßten21.

Es ist höchst überflüssig zu untersuchen, wer  als Vorläufer auf  Phänomene hingewiesen hat,  die dem von Gardner als PAS  einführte Störung ähneln. Was hat es genützt, wer hat auf sie gehört, und was haben diese Autoren für die entfremdeten Kinder tun können um dieser Störung wirksam zu begegnen? Doch sicherlich nichts Nennenswertes!?  Im Gegenteil haben sie sich viel zu lange an Erklärungsversuchen aufgehalten und sich offensichtlich mit Dingen beschäftigt, die uns jahrzehntelang nur wenig  weitergebracht haben.

Ursachen für Beziehungsprobleme, die zu Kontaktabbruch führen. Zur Häufigkeit von Kontaktabbrüchen finden sich in der Fachwelt unterschiedliche Daten. Napp-Peters22 berichtet in ihrer Nachfol-geuntersuchung in Deutschland nach 12 Jahren von einer ca. 50%igen Häufigkeit von Kontaktabbruch zum nichtsorgeberechtigten Elternteil. Johnston 23 zitiert Daten aus früheren Studien in den USA, wonach die geschätzte Rate von nicht funktionierenden Umgangskontakten in den USA zwischen 10% und 50% schwankt. Unter Bezug auf Wallerstein und Kelly24 wird berichtet, daß aus deren Studie 20% der Kinder eine merkliche Konflikthaltung bezüglich des Umgangs erkennen ließen. 11 % lehnten tatsächlich Umgangskontakte klar ab.

Kontaktabbrüche können durch die Person des Elternteils bedingt sein, bei dem das Kind lebt, aber auch durch die Person des Elternteils, der nicht mit dem Kind zusammenlebt, sie können weiter in der Person des Kindes liegen, aber auch in Gründen, die sachlicher Natur sind, wie fehlende Zeit, große Entfernung, in einem Konglomerat mehrerer Faktoren unterschiedlicher Zusammensetzung. Dazu zählen zum einen Charakteristika der Beziehung mit dem Umgangsberechtigten, wie eine geringe emotionale Tragfähigkeit der Beziehung mit dem Umgangsberechtigten, dessen geringe Zuwendungs- und Förderkompetenzen, wie auch eine Verärgerung seitens der Kinder im Hinblick auf die Interesselosigkeit des betreffenden Elternteils. Auch ausbleibende Unterhaltszahlungen können für ältere Kinder Gründe darstellen, den säumigen Elternteil „zur Strafe" nicht mehr besuchen zu wollen. Loyalitätskonflikte führen zur Kontaktvermeidung, wenn die Spannungen zwischen den Eltern so unerträglich sind, daß die Kinder es über kurz oder lang nur noch schaffen, die Zuneigung zu einem Elternteil - zumeist bei dem sie leben und von dem sie abhängig sind -zuzulassen und die Gefühle zu dem getrennt lebenden Elternteil abspalten. 

Nach Gardner braucht das Kind bei der Erhaltung seiner Kontakte ein Gefühl der Sicherheit besonders dann, wenn die Bindungstoleranz des sorgeberechtigten Elternteils sehr schwach ausgeprägt ist und Störaktionen zu erwarten sind. Das geht natürlich nur von außen und dem sorgeberechtigten Elternteil muß rechtzeitig klar gemacht werden, daß er  im Interesse des Kindes einzulenken hat.

Wie unterschiedlich Trennungsreaktionen verlaufen, zeigen die oftmals unterschiedlichen Reaktionen von Geschwistern; dabei mag bei einem Kind vieles auf PAS gemäß Gardner hinweisen, das weitere Kind aber möglicherweise intensiven Kontakt zum getrenntlebenden Elternteil pflegen. Eine kleine Untergruppe fällt unter die Kategorie von Kindern, die mit einem Elternteil eine gemeinsame Abwehrfront gegen den anderen Elternteil bilden. Generell bestehen Alterseffekte, wonach es in erster Linie die 9-12 jährigen Kinder sind, die vermehrt Bündnisse mit dem einen gegen den anderen Elternteil eingehen. Bei den betroffenen Kindern fanden sich deutliche Anzeichen von psychischer Belastung; auf der Seite des alliierten Elternteils, statistisch gehäuft Müttern, Verwirrung und Ärger. Interessant ist die Feststellung25, wonach, im Einklang mit Erfahrungen der Autoren, auch Allianzen zwischen Umgangs-Eltern und Kindern gegen den Betreuungselternteil festgestellt wurden.
Seite 168 Kind-Prax 6/98

 Bei Umgangsproblemen müssen, folgt man empirischen Daten bei Johnston hierzu und Erfahrungen aus eigener sachverständiger Tätigkeit, die individuellen Beiträge aller am familiären Beziehungsgeflecht Beteiligten und deren wechselseitiges Zusammenwirken be-rücksichtigt werden. So ist grundsätzlich festzuhalten, daß viele Kinder aller Al-tersstufen im Zusammenhang mit dem Wechsel zwischen den Eltern mit hoher Wahrscheinlichkeit symptomatisches Verhalten26 bei Umgangskontakten zeigen. Das jeweilige Verhalten hat u. a. altersspezifische Besonderheiten. Wichtig ist jedoch die Feststellung, daß der von Kindern gezeigte Widerstand gegen Um-gangskontakte ebensowenig einen stati-stisch bedeutsamen Zusammenhang mit grundsätzlicher emotionaler Verstörtheit der Kinder noch der beteiligten Eltern hatte. Demnach sind kindliche Verhaltensprobleme anläßlich von Umgangssituationen erwartungsgemäße Reaktionen auf je entwicklungstypische Trennungsängste.
Bestanden offene Konflikte zwischen den Eltern, war der Widerstand gegen Umgang größer. Daher spielt wohl die Belastung der Kinder durch den Elternkonflikt eine angststeigernde Rolle für Kinder. Umgekehrt ist davon auszugehen, daß Eltern sich eher Sorgen machen und leichter in diesbezügliche Auseinandersetzungen geraten, wenn sie beim Kind Probleme anläßlich des Wechsels zwischen den elterlichen Wohnorten erleben".
Es gibt generelle entwicklungstypische Trends in der Art, wie Kinder Umgangs schwierig- keiten ausagieren. Diese verändern sich längsschnittlich mit zunehmendem Alter der Kinder, bis die Kinder sich dem evtl. fortdauernden Streit zwischen den Eltern schließlich als Jugendliche zu entziehen beginnen. Trotz dieser generellen Trends ist die individuelle Variationsbreite erheblich, und es gibt dementsprechend Kinder, die überdauernd in die elterlichen Konflikte verstrickt bleiben, wenn letztere unvermindert über lange Zeit andauern. Diesen Kindern gelingt dabei ebensowenig die entwicklungsnotwendige Ablösung von den Eltern wie den Eltern voneinander.
Auch Eltern selbst unterscheiden sich in ihrer Empfindlichkeit gegenüber den Verletzungen, die ein scheidungsbedingter Partnerverlust mit sich bringt. Eltern, die in diesem Kontext zu krankheitswertigen Verläufen tendieren, sind naturgemäß wenig in der Lage, einem Kind die notwendige Unterstützung und Sicherheit im Trennungsgeschehen zu vermitteln. Sie signalisieren Kindern ein starkes Bedürfnis nach Solidarität und behindern gleichzeitig die notwendige Ablösung. Kinder müssen solchen Eltern gegenüber sensibel auf deren Bedürfnisse eingestellt bleiben, was u.a. den Kontakt zum anderen Elternteil behindern kann. Überidentifikationen mit einem Elternteil können auch als unverarbeiteter Teil aus dem Erleben dramatischer Auseinandersetzungen zwischen den Eltern bleiben. Schließlich ist auch das Verhalten eines zeitweise abgewiesenen Elternteils dem Kind gegenüber bedeutsam. Ein abgewiesener Elternteil, der Zurückweisung eines Kindes nur als Resultat von „Gehirnwäsche" bewertet, entwertet gleichzeitig die Einstellung des Kindes. Dies ist insbesondere für Kinder im Alter von Präadoleszenz und Adoleszenz sehr verletzend. Vorwürfe gegenüber dem Kind, wie sie dann nicht selten auch aus dem erweiterten Umfeld des abgelehnten Elternteils laut werden, dienen eher, diese Haltung des Kindes zu verstärken. Es mag durchaus sein, daß bei dem Kind eine Sehnsucht nach Kontakt, aber auch Akzeptanz durch den zurückgewiesenen Elternteil zugrunde liegt. In dem Maße, wie dieser jedoch seinerseits mit durchaus verständlicher Verletzung reagiert, wird das Dilemma des Kindes immer unlösbarer. Die Fragen, wie nach einer Sorgerechtsänderung wegen PAS der Elternteil angesichts der Vorgeschichte seinerseits Kooperations- bereitschaft und Bindungstoleranz aufbringen kann, weiter, wie das Kind die Konfliktsituation erträgt, wenn es den nun „Umgangsberechtigten" besucht, dessen Einstellung sich ja nicht schon aufgrund der ergangenen Sorgerechtsänderung zum „Positiven" hin verändert hat, und nicht zuletzt, wie das Kind auf die Lebensveränderung reagiert, bleiben bei diesem Beitrag ausgespart.
An der Theorie von PAS ist zu monieren, daß eine vermehrte Aufmerksamkeit auf ein angenommenes Hauptverschulden eines Elternteils gerichtet ist. Der Bei-trag des Kindes selbst gerät in den Hintergrund, der abgelehnte Elternteil schließlich wird nur noch in der Opfer-rolle wahrgenommen.
Die Fachwelt muß hier wohl damit leben, daß mehr Fragen offen bleiben als beantwortbar sind - schon gar nicht mit simplifizierenden Schuldkonzepten und daraus abgeleiteten Lösungen. Weiter besteht die Gefahr, daß eine Bewertung des Kindeswohls nur noch auf der Bezie-hungsebene erfolgt. Andere für das Kindeswohl entscheidende Kriterien wie Wille des Kindes, Förderkompetenz, Bereitschaft und Fähigkeit der Eltern - auch desjenigen, bei dem das Kind nicht dauernd lebt -, auf die Bedürfnisse des Kindes einzugehen, Kontinuität, Beziehungen des Kindes zu weiteren Bezugspersonen und peer-groups treten an den Rand. Viele anwaltliche Schriftsätze und manche Diskussionen zeigen eine sehr große Toleranz gegenüber unangemessenem Verhalten des Elternteils, bei dem das Kind nicht lebt, mit gleichzeitiger Forderung nach Umgang in jedem Fall, da die Beziehung des Kindes zu diesem, in Form von gericht-lich angeordnetem Umgang, das wich-tigste für das Kindeswohl sei.

Die aufgebrochene Diskussion um PAS lenkt den Blick in Richtung einer Re-staurierung des Verschul-dengedankens, der bei ganzheitlicher Betrachtung der gegenseitigen Bedingtheiten der Beiträ-ge aller Beteiligten wohl in den selten-sten Fällen haltbar sein wird. Die For-schung gibt hier schlaglichtartige Einblicke, stellt jedoch vor allem den Mangel an empirisch gesicherten Kennt-nissen fest.

Ganz offensichtlich haben die Autoren Salzgeber und Stadler nur einen  schlaglichtartigen Einblick in die gesamte PAS-Literatur. Auch hier, wie inzwischen im Nov. 1998 in Bad Boll vorgestellt,  gibt es sehr wohl empirische Studien über das Entfremdungssyndrom. Bei intensiveren Recherchieren hätte das diesen Autoren auffallen müssen.  Bei sorgfältigerer wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit dem Entfremdungssyndrom,  könnte man ohne größere Schwierigkeiten herausfinden, daß sich die etablierten Psychologen  in den Vereinigten Staaten sehr intensiv mit dem PAS Phänomen auseinandergesetzt haben und es noch tun. Zuguterletzt hätte  ein Anruf (Dialog mit )  bei Prof. Gardner genügt um die Zweifel und Einwände zu diskutieren. Das haben die Autoren aber offensichtlich  nicht getan, sondern aus Teilinformationen voreilige, falsche Schlüsse gezogen. Eine umfassende Studie,  die über 12 Jahre an 1000 Personen durchgeführt wurde und von denen 700 Fälle komplett ausgewertet wurden,  stammt von den Wissenschaftlern Clawar & Rivlin (Child held hostage 1991). Eine weitere Studie über 16 Fälle stammt von den Autoren Dunne & Hedrick aus Seattle (The PAS: An analysis of sixteen selected cases, 1993).  Der Aufsatz der Autoren Salzgeber und Stadler liest sich eher wie eine Kommentierung und läßt  an gewissen Stellen eine polemische abwertende Haltung erkennen, die in einer wissenschaftlichen Diskussion nichts zu suchen hat.

Wenn Gardner oder andere Autoren davon reden, daß PAS überwiegend durch Mütter in ihren Kindern hervorgerufen wird,  so sollen die Mütter damit keineswegs abgewertet werden. Wer so argumentiert hat nicht verstanden, worum es Gardner geht. Wer immer dieses PA-Syndrom in den Kindern erzeugt, ist letztendlich nebensächlich.  Es geht ausschließlich darum,  daß bei Kindern, die sich nach einer räumlichen Trennung, in ihrer liebevollen Beziehung zu beiden Eltern unerklärlich von einem Elternteil abwenden, schnell und gezielt eingegriffen werden muß. Eine Person, die nachweislich ihr Kind trotz gerichtlich-therapeutischer Auflagen weiterhin schädigt, muß  gemäß Stufenplan mit entsprechenden Konsequenzen 
zu rechnen haben. Hier geht es ganz und garnicht darum,  einer Person (ob Mutter oder Vater)  vorzuwerfen,  schuldhaft gehandelt  zu haben oder gar als schädigenden Krankheitsverursacher zu verurteilen.

Das Parental-Alienation-Syndrome  als psychologische Keule gegen Mütter zu bezeichnen oder gar als Retourkutsche auf den Mißbrauchsvorwurf,  ist nicht nur unwissenschaftlich sondern absurd.  Die Aufgabe der Justiz in Verbindung mit der Psychologie kann es nur sein, wirksame Strategien zu entwickeln, PAS-gefährdete oder betroffene Kinder vor einer weiteren progredienten Ausbreitung dieser Störung zu schützen.  Das PAS Schädigungen zu 85 % durch Mütter verursacht  werden, darf nicht zu der Fehlannahme führen, daß das Hervorrufen durch die weibliche Natur bedingt ist,  sondern weil zumindestens nach altem Recht zu einem hohen Prozentsatz die Sorge und damit auch verbunden die Betreuung der Kinder bei den Müttern verblieb. Wir sind sicher, würde sich die Sorgerechtsrelation Mütter/Väter verschieben, so würde man auch einen entsprechend höheren Prozentsatz Problemväter haben, die ihre
Kinder entfremden.

Die Behauptung, daß die Deutschen Autoren unterschlagen, daß Gardner sich auch für den Verbleib eines Kindes bei den entfremdenden Elternteil ausgesprochen hat, ist sinnlos aus dem Zusammenhang gegriffen, weil das nicht der Regelfall ist und diese Behauptung infantil klingt, wenn man dazu keinen präzisen Verlaufsbericht hat. Dazu muß man wissen, daß nicht nur ausschließlich der Sorgeberechtigte der Entfremder sein kann, sondern in Ausnahmefällen auch der Besuchselternteil oder sogar beide Elternteile sich gegenseitig in den Augen des Kindes herabzusetzen versuchen.

Auch fälschlicherweise unterstellter Vorwurf sexuellen Mißbrauchs muß nicht einhergehen mit PAS. „Mißbrauch mit dem Mißbrauch" wurde zum Schlagwort, über dessen faktische Häufigkeit Schätzungen vorliegen. Die Fachwelt geht hierbei davon aus, daß keineswegs grundsätzlich ein im Zusammenhang mit einem Scheidungskonflikt geäußerter Mißbrauchs- verdacht auf einer bewußten, zielgerichteten Falschbeschuldigung beruht 28. Es wird im Gegenteil auf eine Vielzahl von Motiven verwiesen, die erklären können, daß sich ein Kind erst im Kontext elterlicher Trennung offenbart. Gleichzeitig mag es in Einzelfällen auf der Basis einer extrem kritisch-ablehnenden Haltung zu Interpretationen des kindlichen Verhaltens kommen, die schließlich in einen Mißbrauchsverdacht münden. Ein Kind mag dann wiederum unter höchst spezifischen Voraussetzungen geneigt sein, sich einer solchen elterlichen Vermutung anzuschließen. Der Zusammenhang zwischen einem falschen Vorwurf sexuellen Mißbrauchs und PAS, wie Kodjoe und Koeppel29 in ihrem Beitrag erwähnen, kann der Fall sein, muß aber nicht, und entbindet im Einzelfall nicht von einer genauen Klärung der Mißbrauchsfrage.
Kind-Prax 6/98 Seite 169

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Auch die Weigerung zur Mitarbeit bei der Begutachtung oder Befragung eines Kindes durch einen Sachverständigen oder Mitarbeiter des Jugendamtes oder ASD kann nur der Richter würdigen. Begutachtung und Beratung im familiengerichtlichen Kontext ist freiwillig, die Verweigerung einer Begutachtung oder Befragung des Kindes durch den Sachverständigen auch im Hinblick auf vermutetes PAS ist per se kein Hinweis auf PAS, sondern für den Sachverständigen zuerst nur die Wahrnehmung eines Rechts auf Nicht-Mitwirkung.

der gezielte Hinweis auf die Nichtmitwirkung, schürt damit die Entstehung von PAS

Die Nicht-Mitwirkung als ein Recht zu bezeichnen, ist geradezu ein willkomende Einladung zur Verweigerungshaltung. Ein Alienator (entfremdender Elternteil) wird diesen Hinweis genauso mißbrauchen, wie er  emotional sein Kind mißbraucht. Auf diese Weise besteht die Gefahr, um es mit Klenners Worten zu sagen, daß ein Unrechtsbewußtsein erst  garnicht entsteht.

Was leistet PAS?
Eine kategoriale Bestimmung ist meist nur unzureichend in der Lage, einen in sich geschlossenen Ausschnitt der Realität zu erfassen. Dies wird in den Problemen bei der Abgrenzung von vermuteten ursächlichen Bedingungen bei Umgangsproblemen deutlich. Wie bereits von Gardner in die Kategorie aufgenommen, spielt neben einem (Fehl-) verhalten eines Elternteils auch der Beitrag des Kindes eine erhebliche Rolle. Oben wurde der Nachweis versucht, daß Umgangsprobleme wohl kaum jemals ohne zirkuläres Ineinandergreifen der Beiträge aller Beteiligten, auch des „Opfer-Elternteils", zu denken sind.
So ist der entscheidende Beitrag solcher Kategorienbildungen weniger in ihrer klaren Abbildungsleistung zu suchen, sondern günstigstenfalls in einer Erleichterung von Kommunikation zwischen Fachleuten. Diese Diskussion eröffnet zu haben, ist das Verdienst von Kodjoe und Koeppel. Es ist so aufgrund der definitorischen Bestimmung, was unter PAS zu verstehen ist, dem mitunter anzutreffenden Versuch allzu globaler Zuschreibung kindlicher Ablehnungstendenzen - im Rechtsverfahren in der Regel mit gleichzeitiger Nahelegung entsprechender Konsequenzen - gut zu begegnen. In diesem Sinne steht PAS ganz in der Tradition der psychiatrischen Diagnostik-Systeme, denen es auch zu allererst um einen vereinheitlichten Sprachgebrauch ging.

Die Autoren verkennen ganz und gar, daß nicht erst die gesicherte Diagnose PAS, besser Feststellung von PAS einen Handlungsbedarf bedingen. Gardners vorgeschlagene Inter- ventionen führen  so klar und eindeutig zum Ziel, daß man notfalls auch ohne den Begriff PAS auskäme. Die Feststellung richtet sich nicht gegen den erziehungsberechtigten Elternteil,  sondern beschäftigt sich vorrangig mit der Frage, wie man einer Entfremdung (als eine Beziehungsstörung) entgegentreten kann. Erst wenn der sorgeberechtigte Elternteil den sensiblen Anbahnungsprozeß durch destruktive Störaktionen behindert, kommt der Begriff PAS ins Spiel. Nicht erst die Feststellung, daß ein Elternteil PAS in seinem  Kind hervorruft, ist ein Grund zum Handeln. Der Prozeß der Wiederanbahnung von Kontakten ist immer der Gleiche, ob bei dem Sorgeberechtigten eine PAS-Haltung festgestellt wird oder nicht.  GARDNERS Verdienst ist es nicht, daß er den Begriff  PAS als einen vorläufigen Arbeits- begriff geprägt hat,  sondern einen Katalog von Maßnahmen empfiehlt, die es verhindern sollen, daß eine lebenslange Entfremdung zwischen einem Kind und einem Elternteil eintritt.  Entwicklungsstörung............Der Gesetzgeber hat  teilweise schon unabhängig von den 
PAS Erkenntnissen einen Handlungsbedarf erkannt und die Rolle des Verfahrenspflegers, der auch ein Anwalt für die Kinderinteressen sein sollte,  wesentlich mehr verbessert, als das nach altem Recht der Fall war. der Einsatz, die Befugnisse und die Kompetenz eines Verfahrens- pflegers bestimmen den Erfolg für die Wiederherstellung gestörter Kontakte. Der psycho- logische Sachverständige ohne Eingriffslegitimation kann keine positive Rolle spielen und nützt wenig.

Umgekehrt erlaubt die Begriffsbestimmung auch einen Ausschluß und die Feststellung, was PAS nicht ist. Das Vorliegen eines PAS kann ein Hinweis auf eine erheblich eingeschränkte Kompetenz in einem Teilbereich von Erziehungskompetenzen eines Elternteils sein, welcher im Zusammenhang mit anderen Kriterien zum Kindeswohl für die gerichtliche Fragestellung zu bewerten ist. Somit mag PAS auch bei Erwägungen über Konsequenzen im Sinne einer Sorgerechtsabänderung eine Rolle spielen. Als vordringliches oder gar einziges diesbezügliches Entscheidungskriterium würde es jedoch die Beziehungsrealität einer Trennungsfamilie unzulässig verkürzen. Ob die berechtigte Zuschreibung von PAS auf einen Elternteil im Sorge- oder Umgangsstreit zu einer Verhaltensänderung führt, wird, weil die Konsequenz einer gerichtlich bewirkten Sorgerechtsänderung droht, als Hoffnung formuliert; für den Erfolg einer diesbezüglichen Praxis ist bislang keine nennenswerte empirische Grundlage, geschweige denn Überprüfung bekannt. Daher liegt es wohl nahe, sich auf die vorliegenden Äußerungen des erfahrenen Praktikers Gardner sowie weiterer sachkundiger Praktiker zu beziehen, die eher als Mahnung zur Vorsicht denn als Aufforderung zu entschlossenen Sorgerechtsänderungen taugen.

Wir können den Autoren nur raten, nicht über den letzten, sondern über den ersten Schritt nachzudenken. Das kann weder eine Sorgerechtsänderung, noch deren Androhung sein.  Bei dem Normalfall wird erst einmal eine positive Eltern-Kind-Beziehung bis zur Trennung und eine Kooperationsbereitschaft des sorgeberechtigten Elternteils unterstellt. Es geht hier nicht, das müssen wir betonen, um die Herstellung einer Beziehung zu einem Elternteil, die vorher nicht bestand,  sondern um die Erhaltung und den Schutz einer bestehenden Beziehung. Es soll auch durch eine rechtzeitig einsetzende Krisenintervention die Gefahr einer Entfremdung verhindert werden. Der psychologische Sachverständige wird doch in der Regel  erst dann eingesetzt, wenn nichts mehr geht, wenn die Situation festgefahren oder aussichtslos ist.  Sein Einsatz entspricht dem des Arztes, der zu spät gerufen wird und nicht mehr helfen kann.  Was einem Kind dabei zugemutet wird, ist ein rein polemischer Einwand, denn die Integration eines Kindes, dessen beide Eltern versagt haben,  in eine völlig fremde Familie oder in ein Heim wird ja auch ohne Rücksicht zugemutet. Der Einwand  der staatlichen Verordnung von Zwangsharmonie,  fehlender Kooperationsbereitschaft oder  der fehlenden Zustimmung des Kindes könnte hier auch  gemacht werden. Danach wird jedoch nicht gefragt, sondern krasse Aktionen (Maßnahmen)  ohne Rücksicht auf Verluste durchgeführt. Auf ein Sachverständigengutachten wird in der Regel sogar verzichtet.

PAS ist als Superkriterium, das im Falle von Umgangsproblematiken, Loyalitätskonflikten, fehlender Kooperationsbereitschaft oder Bindungstoleranz, negativer Äußerung des betreuenden Elternteils über den anderen, das Kindeswohl besser als alle anderen definiert, ebenso-wenig geeignet, wie früher einmal andere Kriterien, wie das Kontinuitätsprinzip, die kindlichen Bindungen oder der Kindeswille. Im Einzelfall sind für die Beantwortung der gerichtlichen Fra-gestellung alle psychologischen Faktoren, auch die Erziehungskompetenz, abzuwägen, da das Kind auch ein Recht auf Erziehung hat, nicht nur das auf Beziehung zum anderen Elternteil um jeden Preis.

Gardner unterstreicht die Bedeutung von Erziehungsbedingungen für ein Kind, wenn er als möglicherweise gefahrvollen Ausfluß unrealistischer Modelle gemeinsamer elterlicher Verantwortung daraufhinweist: „... automatic awarding ofjoint custody seidom takes into consideration the logistics of school attendance. Accordingly it can cause problems in the educational realm as well".
Es wäre dagegen hilfreich, im interdisziplinären Austausch fortlaufend Erfahrungen und Erkenntnisse vorzubringen und gemeinsam zu reflektieren. Dabei ist die Bereitschaft, gesichert geglaubte Positionen zu hinterfragen, ebenso gefordert wie die Geduld, neue Perspektiven zunächst zu überprüfen. Beides stelt hohe Anforderungen an die Fachleute die typischerweise mit hohem Engagement dem täglichen Handlungsdruck ausgesetzt sind, der von der individuellen Problemlage Scheidungsbetroffene ausgeht.
Die Sehnsucht nach einfachen Lösungen ist in diesem Zusammenhang nur allzu menschlich und allzu verständlich. Sie ist gleichermaßen illusionär angesichts der Komplexität der Einflußfaktoren welche die persönliche Bewältigung de Lebenskrise „Trennung und Scheidung' für die Betroffenen darstellt.
Hierzu zum Abschluß nochmals ein Zitat aus einem Klassiker32:
„Unsere Forschungsarbeit hat gezeigt daß viele Faktoren bei der psychischer Anpassung eines Individuums mitwirken und sie beeinflussen. Es isl verlockend, sich auf den einen oder anderen Aspekt zu konzentrieren, aber das würde in die Irre führen: Das Zusammenwirken der Faktoren bestimmt unser Wohlbefinden in den Jahren nach der Scheidung. Unsere Forschungen lassen darauf schließen, daß die Form des Sorgerechts und die Besuchsregelungen nur einzelne Fäden in dem Beziehungsgeflecht sind, das die Lebensqualität der Familie nach der Scheidung bestimmt. (...) Es gibt viele Ehen und Scheidungen, und deshalb sollte es nach einer Scheidung auch viele verschiedene Formen der Familie geben. Die formalen Abspra-chen zwischen den Eltern und den Kin-dern - wer mit wem wo Zeit verbringt -prägen die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern in Familien nach der Scheidung offenbar genauso wenig wie in in-takten Familien. Gemeinsam verbrachte Zeit garantiert ebenso wenig ein gutes Eltern-Kind-Verhältnis, wie eine gute Ehe daraus wird, wenn man einen Mann und eine Frau zusammen in ein Haus, ein Zimmer oder ein Bett steckt. Die Beziehungen selbst sind entscheidend." 
Kind-Prax 6/98

Autor:Abraham Weinstein & Nathan Süss
Datum 18.06.1999 G*A*B - Datum: 27.12.99    Mail: c/o brain@gabnet.com
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