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"Nur ein Amokläufer" ?
- Sozialpsychologische Zeitdiagnose "nach Erfurt" 
von Richard Albrecht (Bonn)
dr@richard-albrecht.de
I.

„ „Wissen Sie, was Amok ist ?“ - „Amok ?...eine Art Trunkenheit bei den Malaien..“ - „Es ist mehr als Trunkenheit...es ist Tollheit, eine Art menschlicher Hundswut...ein Anfall mörderischer, sinnloser Monomanie [...] Amok, das ist so: Ein Malaie [...] trinkt sein Gebräu in sich hinein...und plötzlich springt er auf, fasst den Dolch und rennt auf die Strasse...rennt gradeaus...ohne zu wissen wohin...Was ihm in den Weg tritt, Mensch oder Tier, das stösst er nieder, und der Blutrausch macht ihn nur noch hitziger...Schaum tritt dem Laufenden vor die Lippen, er heult wie ein Rasender...aber er rennt, rennt, rennt, sieht nicht mehr nach rechts, sieht nicht nach links, rennt nur mit seinem gellen Schrei [...] Die Leute in den Dörfern wissen, dass keine Macht einen Amokläufer aufhalten kann...so brüllen sie warnend voraus, wenn er kommt: „Amok ! Amok !“, und alles flüchtet...er aber rennt, ohne zu hören, rennt, ohne zu sehen, stösst nieder, was ihm begegnet...bis man ihn totschiesst wie einen tollen Hund oder er selbst schäumend zusammenbricht...“  „ [1]

Literarisch hier von Stefan Zweig verdichtet: Das unerklärliche Element des Blindwütigen beim Amoklauf; der Begriff „Amok“ entstammt dem malayischen „meng-amok“ und meint, dass ein Mann in rasender Enthemmung, gleichsam in blinder Wut, alle, auf die er zufällig trifft, ohne dass sie sich ihm sichtbar entgegenstellen, wie im Rausch angreift oder/und tötet, solange, bis der Täter selbst aufgibt, zusammenbricht, sich selbst tötet oder von anderen getötet wird. Soweit -weitgehend übereinstimmend- allgemeine Lexika und ethymologische Wörterbücher. Und wie ein aktueller kritischer Kommentar liest sich diese vor etwa drei Jahren veröffentlichte psychologische Zeitdiagnose:

„Das Wort „Amok“ stammt aus dem Malayischen und bedeutet „blindwütiges Verrichten“: Amokläufer sind in Malaysia und Java ein uraltes kulturelles Phänomen. Bei den Insulanern gilt der Amoklauf als Zeichen dafür, dass die gesellschaftliche Harmonie nicht mehr vorhanden ist. Amokläufer treten dann nicht auf, wenn eine gute Regierung an der Macht ist und im Lande Wohlstand herrscht. [...] Immer häufiger setzen Menschen, darunter viele Kinder und Jugendliche, zu einem Amoklauf an, und es ist damit zu rechnen, dass es mehr werden [...] Amokläufer töten und richten sich nach ihren Taten typischerweise selbst. Von Anfang an begleitet der Suizid ihre Tat. Welche Motivation die Täter antreibt [...] bleibt verborgen. Als ultima ratio [...] wird der Gesetzgeber aufgefordert, Waffengesetze zu verschärfen. Der Ruf nach immer schärferen Gesetzen, nach erhöhten Bussgeldern, nach mehr Richern und Sozialarbeitern, nach verstärkten Polizei- und Soldatenaufgeboten bleibt auf Dauer völlig wirkungslos, weil die sozialen Bedingungen und die gesellschaftliche Ausgeglichenheit unaufhörlich destabilisiert werden.“ [2]

II.

Unabhängig davon, ob es je einen dauerhaften Zustand sozialer Harmonie gegeben hat oder überhaupt geben kann - Nikolaus Wenzels zitiertem Hinweis auf Amoklauf als soziale Institution ist in einer Hinsicht nachzugehen: Gerade bei dem, was hierzulande so umstandslos als Amok oder Amoklauf oder Amokläufer bezeichnet - auch etikettiert - wird, geht es um gesellschaftliche Umstände. Weshalb ihre (nüchterne) Beschreibung als Voraussetzung für (sozialwissenschaftliche) Erklärung/en notwendig und noch lange keine Rechtfertigung etwa des Erfurter Blutbads vom 26.April 2002 ist...jenseits aller bloss moralisierenden Kritik und der sich in ihr ausdrückenden kritisierenden Moral. Insofern geht es auch nicht vordringlich um die Persönlichkeit des 19-jährigen Täters und „Amokläufers“ Robert Steinhäuser, der als relegierter Schüler des Erfurter Gutenberg-Gymnasium ebendort maskiert eindrang und mit 71 Schüssen aus seiner Pistole insgesamt 16 Menschen -darunter 13 Lehrer/innen- tötete und sich, nachdem ihn ein Lehrer erkannte, stellte, ansprach, demaskierte und mutig abdrängte, anschliessend selbst erschoss...vielmehr geht es um sich auch in dieser Tat destruktiv ausdrückende Wirksamkeiten bekannter gesellschaftlicher Prozesse von Enttraditionalisierung, Bindungslosigkeit und Sinnverlust im Prozess beschleunigter Modernisierung. Diese gesellschaftlichen Vorgänge wurden schon Ende der achtziger Jahre als bedeutsame Umbruchsprozesse mit den Stichworten: Differenzierung - Pluralisierung - Individualisierung beschrieben [3]. Sie lassen sich als „Zustände mangelnder sozialer Regelungen“ -von Sozialwissenschaftlern seit Emile Durkheims Suicide-Studie (1897) im Fachjargon als Anomie bezeichnet - auffassen, genauer:

„Mit Norm- und Werteverlust einhergehende Bindungslosigkeit vieler einzelner ist auch Ausdruck zeittypischher Individualisierung, Differenzierung und Pluralisierung und damit als Hintergrund in die moderne Sozialwelt strukturell eingelagert: Als ´jeder für sich´ („Individualisierung“), als so undurchschaubar wie unveränderbar erscheinendes Sozialgefüge („Differenzierung“) und als Iss-eh-egal-Gefühl der neuen Wurschtigkeit im alltagsweltlichen Relativismus („Pluralismus“).“ [4]

III

Sicherlich hatte der Kolummnist Robert Leicht in einer entscheidenden Hinsicht Recht, wenn er in einem ZEIT-Satz betonte: „Eines gab es in Erfurt nicht: einen Amoklauf“ [5] - jedenfalls nicht im hier eingangs skizzierten Sinn. Denn auch wenn die Chiffren Amok - Amoklauf - Amokläufer nicht zuletzt deshalb so eingängig und suggestiv wirken, weil immer ein archaischer Rest an Unerklärbarkeit, Geheimnivollem und Rätselhaften aufscheint und das Signalwort: Amok vermutlich aus diesen Gründen immer wieder verwandt werden mag - es fehlten zumindestens zwei entscheinde und konstitutive Momente von Amoktätern: Einmal das ungeplant-rauschafte Element der Tat selbst und zum anderen die überwiegende Zufälligkeit der Opfer. Und wenn wir auch nicht alles wissen (können) über den 19jährigen Erfurter und das, was ihn zu seiner Tat am 26.April 2002 antrieb (und vermutlich auch im kriminologischen Sinn weder das Tatgeschehen selbst noch die Beweggründe des Täters jemals vollständig rational werden aufklären können): Ein A m o k l a u f war´s sicherlich nicht.

Das trifft ebenso zu auf eine weitere Chiffre, die immer öfter zur Kennzeichnung dieses und vergleichbarer Ereignisse/s benutzt wird: M a s s a k e r. Dieses Konzept ist aus politisch-militärischen Handlungsfeldern vor allem der letztbeiden Jahrhunderte entlehnt und meint meist ideologisch -typischerweise rassisch-ethnisch oder biopolitisch- begründete, politisch begünstigte und militärisch durchgeführte Massentötungen an vorher eindeutig definierten Opfern bzw. Opfergruppen. Deshalb können „kleine“ Massaker von Historikern auch als Vorformen späterer „grosser“ Völkermorde angesehen werden [6].

Demgegenüber bietet sich zur angemessenen Kennzeichnung auch des Erfurter Ereignisses vom 26.April 2002 die Verbindung zweier weiterer und durchaus geschichtlich neuer Formen
individuellen Vernichtungshandelns einzelner Täter, die zunehmend planvoll ihre Opfer wählen und gezielt töten, an: Einmal der unvorhergesehe - vielleicht sogar unvorhersehbare- plötzliche Mord an zahlreichen Opfern -insofern: „plötzlicher Massenmord“. Und zum anderen die zunehmende jugendliche und Schülergewalt im und um den Handlungsort Schule -insofern: „Schulmord“.

Wobei es (wie gleich an wenigen Beispielen zu veranschaulichen sein wird) nicht um inzwischen zunehmende schul- bzw. schüleralltägliche Gewaltphantasien und latente Drohungen -auch und insbesondere gegen Lehrer/innen-, die meist durch körperliche Gesten und verbalen Schmäh ausgedrückt werden, geht. Vielmehr geht es um sich gleichfalls häufende wirkliche Zerstörungs- und Vernichtungshandlungen. Dies waren nach einer (vermutlich nicht alle Fälle erfassenden, also unvollständigen) Zusammenstellung des „Kölner Stadt-Anzeiger“ im Zweijahreszeitraum von Ende April 2000 bis Ende April 2002 in Köln fünf Fälle exzessiver Gewaltanwendung von Schülern mit Waffeneinsatz - geplante, jedoch vor Tatausführung entdeckte, „Schulmorde“ eingeschlossen.

Zum Zusammenhang des „plötzlichen Massenmords“ hat der Saarbrücker Kriminalpsychologe Christoph Paulus [7] 1997/78 ausgeführt, dass diese „privaten“ Massenmorde an zumeist Unbeteiligten sinnnvoll zu unterscheiden sind von „Amoklauf“ und Serienmorden. Paulus führt als ersten Tatfall die Bluttat eines Ex-Marinesoldaten und Studenten in Austin (Texas) an. Dieser ermordete am 31.7.1966 zunächst seine Mutter und seine Frau und setzte dann zu einem Sturmlauf mit Waffe auf dem Campus an, bei dem sechzehn Personen getötet und dreissig weitere, teilweise schwer, verletzt wurden.

Das erste -vom Autor als „Schulmassaker“ bezeichnete- Vernichtungsereignis der hier letztinteressierenden Ereignisgruppe berichtet Rudolf H. Weiß [8] aus Levistown (Montana)
1986. Hier war der Mörder 16 Jahre alt. Als der bis um 26.April 2002 in Erfurt opferreichste „Schulmord“ gilt die Tat in Littleton (Denver) aus dem Frühjahr 1999 mit fünfzehn Toten. Und als das grauenhafteste Schulereignis in Deutschland wird die Ermordung von acht Schulkindern und zwei Lehrerinnen -darüber hinaus wurden weitere zwanzig Schüler/innen teilweise schwer verletzt- in Volkhoven (Rheinland) angesehen: Ein 42jähriger Frührentner drang am 11.Juni 1964 in eine Hauptschule ein und mordete mit seinem selbst zusammengebauten Flammenwerfer zuerst die Kinder und dann die beiden Lehrerinnen (mit einer Lanze), bevor er sich durch Pflanzengift selbst richtete.

Im Übrigen gilt bei diesen unfassbar erscheinenden Taten wie bei allen Verbrechen: Ist die Tat erst einmal begangen, wird sie damit unwiderrufbar und irreversibel. Und ihr erneutes Vorkommen wird künftig wahrscheinlicher als die Eintrittswahrscheinlichkeit der ersten Tat je war. Nicht zuletzt deshalb müssen „nach Erfurt“ gesellschaftliche Bedingungen und soziale Ursachen mehr als bisher interessieren, wenn und weil es darum gehen soll, diese Taten angemessen zu beschreiben, rational zu erklären und wo und wie immer möglich zu verhindern. Es ist dies ein konkreter Versuch, sowohl Unsichtbares sichtbar zu machen als auch Undenkbares zu denken und, mehr noch: typischerweise Unaussprechbares auszusprechen [9].

IV.

Zunächst aber kommen sie alle, die Hinweise, besonders derer, die seis die Antworten kennen bevor die Fragen überhaupt gestellt sind, sei´s immer schon alles gewusst haben wollen oder sei´s auch schon immer die ganz einfachen Antworten auf schwierige Fragen kannten. Und wie die hochentwickelte Medienmaschinerie, gleichsam wie geölt, „nach Erfurt“ anlief so kursierten denn flugs jene „monokausalen“ Deutungen aller „terribles simplificateurs“: Etwa in der Hauptrichtung, dass nicht nur ´die Medien´ Schuld seien an der allgemeinen Vorrohung ´unserer Jugend´ - sondern dass im besonderen jene modernen computerisierten Spiele mit ihrem Suchtcharakter, etwa das fiktiv-tödliche „counterstrike-game“, entscheidend zur Erfurter Bluttat beitrugen...eingängig bestätigt vom Vater des Erfurter Lehrermörders, der zugestand: „Es ging [Robert] immer ums Schiessen, es ging ihm immer um Gewalt.“
Insofern nicht verwunderlich, dass der amtierende bayrische Ministerpräsident Dr. Edmund Stoiber als ´Kanzlerkandidat´, vermutlich wider besseres Wissen, Öffentlichkeitswirksam in diese populistische Kerbe haute und ein konsequentes Ausleihverbot gewaltbezogener Videos und Computerspiele forderte; wobei sicherlich auch alle verantwortlichen Mitarbeiter/innen der bayrischen Staatskanzlei und des CSU-Medienreferats wissen: Wenn und insofern (welche) Medien (auch immer), die neuen im „world wide web“ des Internet eingeschlossen, überhaupt wirken können, dann nur, wenn bei den Menschen, die sie nutzen, auch den jungen, wenigstens gewisse Grundvoraussetzungen dafür als ähnlich gerichtete (also z.B. rachebezogen-gewaltbereite) Voreinstellungen oder „Dispositionen“ schon vorhanden sind. Insofern können Medien einstellungsverstärkend wirken. Aber nie selbst neue Einstellungen schaffen. Das gilt auch und insbesondere etwa für „killing games“, nach deren Regeln im Computer bei Verfolgungsjagden vorher bestimmte Opfer zu ermorden sind.

Sowenig das Schüren neuerlicher „German Angst“ (Friedrich Ani) angebracht ist - so sehr verwirrt auch die andere Seite derselben Medaille: Vor allem die gutmenschig-sozialpädagogische Verkoppelung der Stichworte „Pisa“ und „Erfurt“ führt in eine weitere Sackgasse. Denn sicherlich geht es auch im deutschen Schulsystem um ausweisbare Leistungen und um (spätere) Lebens­chancen­zuweisungen über Auswahlprozesse im (Aus-) Bildungsbereich. Nun soll nachdem der „Pisa“-Schock (zu) rasch abklang „Erfurt“ als Anschub zur - sicherlich erforderlichen - bildungs­politischen Diskussion herhalten. Dies jedoch meint sowohl die instrumentelle Vernutzung des Schullehrer­massenmord vom 26.April 2002 als auch seine thematische Überfrachtung. Insofern verhält sich dieser „aufgeklärte“ öffentliche Diskussionsstrang antipodisch zum „traditionellen“ law & order-Populismus: Beide ziehen als politische Positionen, wenn auch in je anderer Weise, von den gesellschaftlichen Ursachen der bedrückenden Vernichtungs­handlungen durch jugendliche Täter ab; wobei mir dreierlei unbestreitbar erscheint: Erstens die Bedeutung theoretisch leicht eingeforderter und paktisch schwer verwirklichbarer nachhaltiger „Kultur des Hinschauens“ (Dieter Lenzen). Zweitens, dass, wie die unmittelbare schulkarrierische Vorgeschichte der Erfurter Morde zeigt, perspektivloses Aussortieren (des späteren Täters durch Schulverweis im Herbst 2001) das Gegenteil aller Zuwendung/en ist. Und drittens, dass jede Schuldzuweisung an einzelne Handlungs­zusammenhänge, Institutionen, Rollenakteure im Insgesamt des Bildungs-, Sozialisations- und Erziehungs­prozesses -typischerweise und wechselseitig von/an Lehrer(schaft) oder Eltern(schaft) als hauptsächliche „Sozialisisationsagenten“- angesichts der Dringlichkeit der nur consensual lösbaren schweren Aufgabe, nämlich Verhinderung dieser und ähnlicher Taten, so grundfalsch wie konterproduktiv wirken kann.

V.

Wenn auch auf anderer Ebene, der wissenschaftlichen, angesiedelt, so wirkt der Deutungsansatz des bekannten Göttinger Soziologen und Gewaltforschers Wolfgang Sofsky ähnlich verwirrend. Hatte Sofsky bereits 1996 in seinem Essay „Traktat über die Gewalt“ [10]
diese als auch die Moderne bestimmtendes, gleichsam unentrinnbar-endloses soziales Schicksal der Menschheit ausgemacht -so hält der Autor jetzt die Erfurter Bluttat tatsächlich für einen prototypischen „Amoklauf“ und damit für weder vorherseh- noch für verhinderbar [11]. Und auch wenn der Soziologe Sofsky einen psychologisch wichtigen Hinweis aus der Welt des Täters gibt, nämlich auf die „Maskierung des Täters“ als „Schlüsselelement“ der Tat, so verkennt er doch den Charakter der Erfurter Mordtat grundlegend. Denn es handelte sich nicht um einen „Amoklauf“. Sondern um einen strategisch  g e p l a n t e n, also nicht spontanen, Schullehrer(innen)massenmord, bei dem die Maskierung für den Täter insofern nötig war, um sich über die auch bei ihm vorhandene Hemmschwelle der Tötung anderer Menschen hinwegsetzen zu können, um folgend so strategisch wie fachkundig mit Waffengewalt Macht, hier gegen die verhasste Lehrergruppe als Aggressionsobjekte, ausüben und sich für dieser zugeschriebene Ohnmachtserfahrungen rächen zu können: Unter den Ninjamaske wurde das real vollzogen, was vermutlich in der Täterphantasie schon monatelang und immer wieder durchgespielt worden war: die Ermordung der als übermächtig wahrgenommenen vermeintlichen Todfeinde am Ort der Demütigungen und Kränkungen. Dort werden die Lehrer/innen im Angesicht ihres Todes einen Moment lang so ohnmächtig wie es der Täter jahrelang war. (Das Maskentragen ist im Übrigen dem „blinden“ Amokläufer fremd und verweist im hier von Sofsky angesprochenen Zusammenhang auf etwas ganz Anderes: Nämlich die relative Wirkungslosigkeit sowohl medialer Gewaltspiele als auch praktischer Schiessübungen. Wäre es nicht so, hätte sich der Täter mittels Maske nicht verwandeln müssen, um sich selbst in Tötungsbereitschaft zu versetzen).- Ist die entscheidende (Hemm-) Schwelle, die Bereitschaft zur Tat - nämlich innerhalb der menschlichen Gattung die eigenen „Artgenossen“ planvoll zu töten - erst einmal mit welchem (Masken-) Vehikel auch immer überschritten, wird´s bodenlos bis zum Blutbad ohne Ende...

Wenn auch keineswegs so verwirrend, aber doch vereinseitigt, hat der noch bekanntere Hannoveraner Kriminologe und derzeitige Landesjustizminister Prof. Christian Pfeiffer KriminologeChristian Pfeiffer unter der eingängigen Überschrift „warum männer amok laufen“ [12] seine Deutung der Erfurter Mordtat vorgestellt. Hatte Pfeiffer schon früher betont, dass „der seit Mitte der achtziger Jahre zu beobachtende Anstieg der Gewaltkriminalität sowohl in Deutschland als auch in den anderen europäischen Ländern zu 80 bis 90 Prozent den Männern“ zuzurechnen ist [13] und dies als machokulturelle „männliche Dominanz“ gekennzeichnet, die auch unter kriminalpräventiven Aspekten dringlich aufzuheben ist, so überakzentuiert er in seinem aktuellen Deutungsversuch zum Erfurter 26. April 2002 diese Einzelheit, indem er sich auf die Risikotätergruppe der „jungen Männer“ und deren biographische Zusammenhänge konzentriert. Und so wohlmeinend sich Pfeiffers auf langfristige Prävention angelegten Hinweise von der Wurschtigkeit eines Sofsky, der meint, diese Massenmorde liessen sich generell eh nicht verhindern, abgrenzen - so wenig lassen sich seine Forschungsergebnisse in möglichst wirksame Präventions­massnahmen übertragen.-. Im Übrigen würde der Kriminologe dann wissenschaftlich falsifiziert und öffentlich blamiert werden, sobald in e i n e r der von ihm untersuchten europäischen Gesellschaften auch nur e i n e Jugendliche oder e i n e junge Frau eine „Erfurt“ vergleichbare Tat seis planen (und wie ich hoffe: rechtzeitig an der Ausführung gehindert) seis ausführen würde.

Das für mich Bedenkliche an diesen beiden zitierten aktuellen soziologisch-kriminologischen Deutungsversuchen von Sofsky und Pfeiffer zum „Amoklauf“ von Erfurt ist, dass beide letztlich ideologisch argumentieren und das Vernichtungsereignis lediglich als Illustrationsmaterial eigener schon jahrelang publizierter wissenschaftlicher bzw. politischer Positionen benutzen. Insofern sind beide im Wortsinn: voreingenommen und stellen sich letztlich nur erneut entsprechend ihrer Positionierungen in einer so funktionierenden Medienmaschinerie öffentlich selbst dar.

VI.

Schaut man sich um im bunten Reigen von Erklärungs­ansätzen, die weitgehender als beide vorgenannten „Erfurt“ sozial- und handlungs­wissenschaftlich erklären wollen und auf „Gesellschaft“ als System ausgerichtet sind, dann sind sicherlich zwei bemerkenswert: Einmal der „konservativ“-erziehungs­wissenschaftliche des Münsteraner Pädagogen Johannes Schwarte und zum anderen der „progressiv“-psychologische von Götz Eisenberg.

Schwartes Grundthese zum gegenwärtigen gesellschaftlichen Milieu und sozialen Klima, in denen sich alle speziellen Erziehungs- und allgemeinen Sozialisations­prozesse bewegen (müssen), lautet [14]: Seit etwa zweiundhalb Jahrzehnten gibt es in Deutschland (hier vor allem gemeint der ehemaligen Bundesrepublik) eine so durchgreifende „gesellschaftliche Erziehungsvergessenheit“, dass Kinder sich selbst überlassen sind, durch Erziehung namentlich in Familien [15] und durch Eltern [16] und Sozialisation namentlich durch Lehrer/innen und (Massen-) Medien kaum noch Grenzen erfahren, so dass Entzivilisierung und Rebarbarisierung von Jugendlichen, Heranwachsenden und jungen Erwachsenen mit geringen Scham- und Hemm­schwellen bzw. weitgehend ohne diese eine einsichtige Folge  gesellschaftlich-allgemeiner Sozialisationsdefizite sind [17]. So versucht dieser Autor auch den empirisch zunehmend auftretenen neuen Tätertyp bei den uns „Nachgeborenen“ zu deuten und durch gleichsam eruptiv auftretende Gewalt bis hin zum plötzlich ausrastenden Mord „ohne Motiv und Gewissen“ zu kennzeichnen.- So bedenkenswert wie empirisch zutreffend Johannes
Schwartes Hinweise auch sein mögen: Aus allen Tendenzen zur sei´s Individualisierung von Kindheit, seis familiärer („familialer“) Verinselung, seis kindlicher Vereinsamung im Zusammenhang mit Individualisierung von „Nachgeborenen“aufzucht in Deutschland seit Mitte der siebziger Jahre folgt „ableitungs­pädagogisch“ nicht, dass Rebarbarisierung und
Enzivilisierung der folgenden Generationen notwendige Folge dieser Mängellagen sein müssen.

ähnlich wie Johannes Schwarte schliesst der Butzbacher Gefängnis­psychologe Götz Eisenberg zunächst sowohl an Kulturtheorie und Sublimierungsthese Sigmund Freuds [18] als auch an Hinweise Alexander Mitscherlichs zur „vaterlosen Gesellschaft“ (1963) und zur „Moment­persönlichkeit“ (1966) im allgemeinen an, versucht jedoch in den letzten Jahren zunehmend, diese zu einer umfassenden politisch-psychologischen „Diagnose unserer Zeit“ auch mithilfe seiner Schlüsselmetapher „Kälte“, welche juventile Gewalt hervorbringt, weiterzuführen [19]. Wie alle Globalisierungs­kritiker geht Eisenberg davon aus, dass wirtschaftliche Globalisierung und soziale Modernisierung auch in Deutschland in den letztbeiden Jahrzehnten solche Umbrüche schuf und auch die psychische Ausstattung der jungen Generation so nachhaltig veränderte, dass immer weniger Kinder, Jugendliche, Heranwachsende und junge Erwachsene mit ihren Lebenserfordernissen fertig werden, also auch ihr je eignes Leben persönlich-praktisch nicht bewältigen können. Dabei gilt dem Psychologen Eisenberg e i n bestimmtes Merkmal auffälliger Persönlichkeiten (das sog. „Borderline-Syndrom“) als „sozialpsychologische Signatur“ unseres Zeitalters und jeder „Amoklauf“ als nach aussen gebrachter Ausdruck ungebändigter Wut und Hassausbrüche männlicher Jugendlicher/junger Männer (nach innen gewendete Selbstzerstörungen - etwa als sog. „Magersucht“ - wertet er idealtypisch als entsprechende Destruktions­handlungen junger Mädchen/Frauen).

Bevor sich dieser Autor speziell mit dem von ihm als „Amoklauf“ gewertenen Schullehrer-Massenmord des 26.April 2002 auseinandersetzt, hat er seine Thesen zu den ihn interessierenden besonderen Formen „extremer Emotionen“ (Klaus Wahl) knapp und prägnant zusammengefasst: Dabei deutet Eisenberg den in den letzten Jahren herausgebildeten Gewalttyp und seine vor allem in Deutschlands westlichen Bundesländern zunehmenden „amokartigen Formen“ psychologisch als vagabundierenden „Hass des nazistisch gestörten oder des Menschen mit einer Borderline-Störung“, der „neuartige Formen von weitgehend objektloser Erziehungs­verwahrlosung“ ausdrückt und „auch in seiner Entladung anonym, individualisiert und objektlos ist“: Psychologisch gesehen ein „Ich-Erhaltungsmechanismus“ und Selbstschutz „gegen eine ständig drohende psychische Fragmentierung, die wie ein seelischer Tod erlebt wird“; genauer:

„Eine archaische Wut hält sich dicht unter der Oberfläche auf und bricht bei der kleinsten Zurückweisung und Kränkung durch. Die Deregulierung von Wirtschaft und Gesellschaft geht mit einer psychischen Deregulierung einher, die inhaltslose Flexibilität und Ich-Schwäche zur kollektiven Tugend erhebt und Kollateralschäden in Gestalt von rapsusartigen Gewaltdurchbrüchen nach sich zieht. Wer psychische Strukturen und charakterliche Prägungen verflüssigt, um die Menschen für die gewandelten Funktions­imperative des flexiblen Kapitalismus herzurichten, zerstört jene inneren Zwangs­apparaturen gleich mit, die bislang dafür sorgten, dass Aggressionen sich in gesellschaftlich lizensierten Formen entäusserten [...] Unter den Realitäts­einbrüchen der Gegenwart ist der familiäre Binnenraum zusammengebrochen, die Eltern verblassen zu Statisten. Was wir gegenwärtig gehäuft antreffen, sind psychisch vermittelte soziogene Erkankungen, die unmittelbar die Pathologie des gesellschaftlichen Ganzen widerspiegeln und weniger Ausdruck einer familiär vermittelten Störung der Kindheits­entwicklung sind.“ [20]
Und speziell zum „Amoklauf“ betont Götz Eisenberg nach dem 26.April 2002 in einem online-Interview mit ZEIT-wissen anschaulich die destruktive Seite dessen, was schon ein Jahrzehnt vorher als „defizitäre Vergemeinschaftung“ und „verstörte Vergesellschaftung“ [21] im allgemeinen erkannt wurde:

„Dem Amoklauf scheint der soziale Tod vorauszugehen. Ein Mensch fällt aus seiner Ordnung der Dinge und brütet im Privaten und im Innern über seinen Unglücksvorräten. Die Erfahrung von Unglück, Demütigung, Kränkung sind dann am explosivsten, wenn sie nur noch in sich kreisen. Gesellschaftliche Konflikte stauen sich in einem seelischen Innenraum, der zu eng ist - bis sich die im Innern tobende Schlacht nach aussen verlagert. Die Vorstellung, andere Menschen in Furcht und Schrecken versetzen zu können, wird zu einer Quelle von Macht und Überlegenheits­gefühlen. Um dem unerträglichen Gefühl von Angst und Ohnmacht zu entgehen, wird das Innere selbstmörderisch und mörderisch aussen in Szene gesetzt [...] In einem von Verwöhnung bestimmten Klima kann die Versagung eines vergleichsweise läppischen Wunsches dazu führen, dass ein archaischer Racheimpuls ausgelöst wird.“ [22]


VII.

Götz Eisenberg hat in weiteren Annäherungsversuchen an „Erfurt“ und die Hintergründe versucht, sowohl die Psychodynamik des Schullerermassenmords als „erweiterten“ Suicide einerseits als auch die zeitgeschichtlichen Rahmenbedingungen für dieses neuste deutsche „Selbstmordattentat“ [23] andererseits zu beschreiben und zu deuten [24]. Dabei geht es zu Recht um indirekte Folgen und vermittelte Wirkungen des bisher, von der Opferzahl her, zahlenmässig grössten und aktionistisch spektakulärsten „Amoklaufs“ vom 11.September 2001 in New York (World Trade Center) und Washington/D.C. (Pentagon) mit seiner realen und symbolischen Bedeutsamkeit. Denk- und sprachanalog zum gegenwärtigen sicherheitspolizeilichen Ansatz betont Eisenberg, dass es auch innerhalb der deutschen Gesellschaft, gleichsam in ihrer Mitte und bisher unauffällig, „Amok-Schläfer“ gibt: äusserlich kaum auffällige menschliche Bomben voller „reinem Hass“, die bei geringstem Anlass explodieren können. Und auch Eisenbergs Hinweis auf die Rolle von Massenmedien trifft zu: Dass nämlich allein durch umfassende Medienverwertung des Ereignisses selbst dieses lange vorherrschendes Medienthema war und insofern zugleich bei „anomisch“ Ausgegrenzten mit ihrem tödlich aufgestauten Hass als „Modell des Fehlverhaltens“ gelernt wurde. Insofern war und ist „Erfurt“ weder Beginn und Ende, sondern könnte selbst wiederum bisher zögerliche Imitationstäter und deren Grandiositätsphantasien anregen und auf ihrem praktischen Vernichtungsweg befördern (wie etwa auch „Nanterre“ vier Wochen vorher den Erfurter Täter beeinflusst haben könnte: Dort erschoss am 27.3.2002 ein 33jähriger Mann im Rathaus acht Kommunalpolitiker und verletzte darüber hinaus neunzehn Menschen).

Bei allen psychologisch sensitiven Hinweisen zu Tatablauf, Täterpersönlichkeit und familiärem „Normalmilieu“ von/um „Erfurt“ verdeutlicht der Autor, dass die „traditionellen Formen sozialer Integration“ auch hier nicht wirksam werden konnten, weil alle „Verletzungen im Lebenslauf“ des Täters schon zu schwerwiegend waren und seine Entgemeinschaftlichung bereits zu weit fortgeschritten war. Zutreffend akzentuiert Eisenberg die (objektive) „anomische“ Lage und den (subjektiven) „Sinnentzug“ (Alexander Kluge) des Täters. Zugleich verallgemeinert er ein K e r n problem des gegenwärtigen Modernisierungsprozesses:

 „Lebensprogramme und Orientierungen von Menschen zerfallen schneller als sie neue hervorbringen können.“

Und doch bleibt der Analytiker Götz Eisenberg vage und abstrakt, wenn er im Sinne einer schlechten Unmittelbarkeit aus ökonomischer Weltmarktbezogenheit, Globalisierung und Flexibilisierung seinen neuen allgemein-soziopathischen („fragmentierten“) Identitätstyp als jüngeren -sozial „normalen“- Zeitgenossen herleitet - ohne zu bedenken, dass hier einige weitere Faktoren gerade auf der angesprochenen Ebene dichter Beschreibung und verstehender Deutung wesentlich sind: Etwa und als erstes Beispiel das Moment „plötzlicher Entwertung der Person“ wie von Elias Canetti für die Inflation in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg betont [25] - was auch die reziproke zunehmende Opferzahl, die für Täter „zählt“, verdeutlichen kann. Oder als zweites Beispiel das Moment fehlender sozialer Handlungsfelder und institutioneller Kanalisierungen in einer Gegenwartsgesellschaft wie der deutschen ohne reale soziale Bewegungen für Gerechtigkeit zum Auffangen revoltischer Stimmungen gegen subjektive Ohmachtsgefühle infolge tiefempfundener sozialer Ungerechtigkeit/en und persönlicher Kränkung/en [26]. Oder als drittes Beispiel: Entsprechend dem Doppelcharakter von sozialer Lage und personaler Disposition gibt es tatsächlich Handlungsfallen und „Alternativen, vor die ein Mensch nicht gestellt werden sollte“ [27]. Viertens und als letztes Beispiel zur Verdeutlichung eines Paradox´ unserer Moderne: Je weniger personale Zuwendung einerseits, soziale Gerechtigkeit anderseits empirisch erfahren wird, desto grösser die Sehsucht danach, desto mehr werden „Zuwendung“ und „Gerechtigkeit“ verklärt und desto bedeutsamer die Institution „Zuwendung“ bzw. „Gerechtigkeit“.

Unabhängig von diesen -wenigen- kritischen Hinweisen verdeutlichen Götz Eisenbergs Hinweise zumindest richtungweisend dreierlei: Erstens, dass wie beim malayischen „Amoklauf“ so auch bei zeitgenössischen „plötzlichen Massenmorden“ einzelner Täter, wenn diese sich vorher unauffällig verhielten, eine zutreffende Prognose n i c h t möglich sein kann, weil das Merkmal „Unauffälligkeit„, selbst zu allgemein und damit nicht trennscharf genug ist.
Zweitens, dass die allgegenwärtige Mediengesellschaft insofern Täter und Tathandlungen beeinflussen kann, dass trotz des eigenen Tods ein Stück schlagzeilen­produzierter Bedeutung geschaffen wird, die Tat also den Täter überlebt. Und drittens: Wenn denn derzeitige gesellschaftliche Lagen und soziale Bedingungen „Anomie“ als nicht institutionell regelbare Zustände ebenso hervorbringen wie den neuen Tätertyp des privaten Massenmord-“Schläfer“ - dann mag erstaunen, warum es bisher so w e n i g entsprechende Vernichtungshandlungen und Massenmordaktionen wie „Erfurt“ - auch, aber nicht nur - in der deutschen Gesellschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts gibt.

VIII.

Als „gelernter“ Sozialwissenschaftler der siebziger Jahre möchte ich jenseits aller Aufgeregtheiten und Aktualitäten von und um „Erfurt“ auf einen gesellschaftlichen Gesamt­zusammenhang verweisen, ein Grundproblem unseres gegenwärtigen Zeitalters („late modern age“ [Anthony Giddens]) kennzeichnen und im Sinne einer Theorie des Sozialen auf mittlerem Niveau („middle ranged“ [Robert King Merton]) bleiben - also weder den grossen Bogen von Globalisierungs­folgen bis in die psychische Struktur Jüngerer schlagen noch die kleinen Lagen deutscher Familienmilieus nachzeichnen.

Wenn überhaupt das Gerede von der Moderne Sinn machen soll - dann soll hier bewusst ans Konzept von „abstract society“ und „homo duplex“ des niederländischen Soziologen Anton Zijderveld erinnert werden:

„Das Bedürfnis nach ´Entäusserung´, die Abhängigkeit von ihn sich selbst entfremdenden Institutionen, ist eine Grundbefindlichkeit des Menschen. Der Mensch muss - als auf Kommunikation angewiesenes Wesen - den Bereich seines Bewusstseins und Innenlebens und gleichzeitig damit auch in Richtung auf die Institutionen überschreiten,die sein Verhalten lenken und organisieren. Sobald er sich diesem Kommunikationsprozess versagt, ist er der Gefahr des Manipuliertwerdens ausgeliefert, und zwar nicht nur der Manipulation durch abstrakte Institutionen, sondern auch der Manipulation durch seine eigenen unkontrollierten Emotionen. Der Mensch ist konstitutionell darauf angewiesen, sich im Gleichgewicht zwischen beiden Pole zu halten, zwischen dem privaten Bereich seiner eigenen Leiblichkeit und seines persönlichen Bewusstseins und den traditionellen Strukturen sowie dem Kollektivbewusstsein seiner sozio-kulturellen Umwelt. Wenn der Mensch aufhört, ein homo duplex zu sein, und sich der Manipulation durch die entfremdeten Kontrollapparate der abstrakten Gesellschaft überlässt oder aber sich auf eine antisoziale, von romantischem Absolutheitsstreben erfüllte Individualität reduziert, ist seine Menschlichkeit aufs äusserste gefährdet. [...] Die Demokratie als eine Gesellschaftsform, in der jeder einzelne die Möglichkeit hat, seine Fähigkeiten zu realisieren und ein sinnvolles Leben zu führen, ist nur dort möglich, wo der Mensch homo duplex bleibt und die Kraft und den Willen hat, seine romantischen Sehnsüchte der Rationalität institutioneller Strukturen einzufügen. Die Exaltationen des Absolutheitsstrebens wird er aufgeben müssen, dafür aber die Fähigkeit zum gesellschaftlich schöpferischen Selbstausdruck gewinnen. Der homo duplex ist weder Rebell noch Konformist, sondern ein Wanderer zwischen Konsens und Unzufriedenheit („Dissens“), der all die Unsicherheiten und Spannungen der demokratischen Gesellschaft auf sich nimmt.“ [28]

Dies aktiv handelnd einzulösen ist in den letzten dreissig Jahren erheblich schwieriger geworden. Und zwar nicht wegen dieser oder jener Einzel- oder Besonderheit. Sondern weil sich sozials t r u k t u r e l l wenigstens zweierlei grundlegend verändert hat: Einmal ging jeder posttotalitäre Gesellschaftsentwurf [29] immer davon aus, dass die Vermittlung von Individuum und Gesellschaft, von Person und Sozialcharakter, grundsätzlich möglich ist und dass hier die wichtige Aufgabe von intermediären Gruppen („intermerdiary organizations“) liegt -z.B. Freiwilligenorganisationen wie Vereinen-, damit der einzelne nicht wie etwa in totalitär verfassen Strukturen „atomisiert“ wird [30], damit immer schon der Gefahr doppelter Entfremdung, nämlich zu sich selbst u n d zur ihn umgebenden sozialen Welt, ausgesetzt ist und als „vereinzelter einzelner“ (allzu) leicht verzweifelt. Was Ende der fünfziger Jahre William Kornhauser, auch zur Begründung pluralistischer Gesellschaften, zur „Massengesellschaft“ als „politics of mass society“ beschrieb [31], mag heute zeitgemäss als „Zivilgesellschaft“ (società civile) ausgedrückt werden.
Dass nicht nur in der deutschen Gegenwartsgesellschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts alle herkömmlichen intermediären Gruppen empirisch geschwächt sind - und damit zugleich das allgemeine „institutional setting“-, bedarf nicht erneuten Plausibilitätsvortrags. Und dass bisher keine neuen gesellschaftlichen Einrichtungen (im Sinne von Funktionsäquivalenten), die deren Aufgaben wahrnehmen könnten, konzeptionell in Sicht und wenigstens ansatzweise praktisch erprobt sind, ist ebenso deutlich.

Hinzu kommt ein zweitens wesentliches Strukturelement, das alle entwickelten Gegenwartsgesellschaften bestimmt: soziale Asymmetrie. Der US-amerikanische Soziologe
James Coleman hat bereits von zwanzig Jahren auf i n n e r gesellschaftliche Machtverschiebungen zugunsten anonymer Grossorganisationen („impersonal corporative actors“), den entwickelten (Wohlfahrts-) Staat eingeschlossen, aufmerksam gemacht und damit Prozesse angesprochen, die allgemein alle Handlungsmöglichkeiten der lebenden Subjekte („natural persons“) einschränken bis hin zur Bedeutungslosigkeit einzelner Individuen [32]. Dies aber meint vor allem auch E n t personalisierung des gesamten gesellschaftlichen Handlungssystems und betrifft besonders alle „Nachgeborenen“, die, wie jede nachrückende Generation, nichts Vorgefundenes blank akzeptieren können, sondern sich -als „Wechselwirkung zwischen dem fertig Gestalteten und dem Suchen nach eignem Ausdruck“ (Peter Weiss)- ihre eigene soziale Welt immer erst handelnd erobern müssen.

[1] Stefan Zweig: Der Amokläufer [1922]; wieder in: Der Amokläufer. Erzählungen. Ffm.   1989, Fischer-TB 9239, zit. S. 105/106
[2] Nikolaus Wenzel: Amoklauf ins Dritte Jahrtausend; „http://www.psychopolitik.de/Wenzel.htm
[3] Richard Albrecht: Differenzierung - Pluralisierung - Individualisierung. Hinweise auf neue Vergesellschaftungstendenzen in der bundesdeutschen Gesellschaft; in: neue praxis, 20 (1990) 5, S. 449-455; ders. in: Gewerkschaftliche Monatshefte, 41 (1990) 8, S. 503-512
[4] Richard Albrecht: Gewalt und kein Ende ? In: liberal, 43 (2001) 2, S. 100; ders. In: Der Allgemeinarzt, 17/1999, S. 1597; „www.gabnet.com/psy/kurztext1-inflation-der-liebe.htm
[5] „http://www.zeit.de/2002/18/Politik/200218_robertleicht_2904.html“
[6] Immanuel Geiss: Geschichte des Rassismus. Ffm: Suhrkamp, ed.suhrkamp N.F. 530, 1988
[7] Zusammenfassend beschrieben von Christoph Paulus: „http://www.uni-saarland.de/fak5/ezw/abteil/motiv/paper/profil.htm
[8] Rudolf H. Weiß: Gewalt, Medien und Aggressivität bei Schülern. Göttingen: Hogrefe, 2000
[9] Am Beispiel Genocide/Völkermord beschrieben von Richard Albrecht: Die politische Ideologie des objektiven Gegners und die ideologische Politik des Völkermord im 20. Jahrhundert; in: Sociologia Internationalis, 22 (1989) 1, S. 57-88
[10] Wolfgang Sofsky: Traktat über die Gewalt. Ffm.: S.Fischer, 1996
[11] Frankfurter Rundschau/FR, 2.5.2002, S. 2
[12] Ebda. (Magazin), 4.5.2002, S. 3
[13] Wolfgang Pfeiffer: Machos, Feinde der Menscheit, ZEIT-online-Essay [undatiert, 6 S.]
[14] Johannes Schwarte: Gewalttätigkeit als Folge von Sozialisationsdefiziten. Plädoyer für eine staatliche Sozialisationspolitik; in: Aktuelle Fragen der Politik, H. 48, St.Augustin 1997, S. 29-45
[15] Zusammenfassend Richard Albrecht: „Patient Familie“ - Einblicke in mikrostruktuelle Lagen; in: Karin Böllert/Hans-Uwe Otto (Hrg.), Die neue Familie. Lebensformen und Familiengemeinschaften im Umbruch. Bielefeld: KT-Verlag, 1993 (=Kritische Texte), S.10-32; zuletzt Renate Schmidt, SOS Familie. Ohne Kinder sehen wir alt aus. Berlin: Rowohlt, 2002
[16] Eindruckvolle Fallstudien zur Überforderung von Eltern bei Klaus Wahl: Die Modernisierungsfalle. Gesellschaft, Selbstbewusstsein und Gewalt. Ffm.: suhrkamp/stw 842, 1989; ders.: Studien über Gewalt in Familien. Gesellschaftliche Erfahrung, Selbstbewusstsein, Gewalttätigkeit. München: Verlag DJI, 1990
[17] Johannes Schwarte: Entzivilisierung bei Kindern und Jugendlichen; in: Neue Ordnung, 54 (2000) 1, S. 1-9
[18] Sigmund Freud: Das Unbehagen in der Kultur [1930]; wieder in ders.: Das Unbehagen in der Kultur und andere kulturtheoretische Schriften, Ffm: Fischer-TB 10453, 1996; dazu Richard Albrecht: Leidverhütung und Leidensschutz. Sozial-psychologische Hinweise zu Sigmund Freuds „Unbehagen in der Kultur“ und einigen seiner praktischen Konsequenzen; in: Kultursoziologie, 6 (1997) 1, 57-72
[19] Götz Eisenberg/Reimer Gronemeyer, Amok - Kinder der Kälte. Über die Wurzeln vom Wut und Hass. Reinbek: rororo-aktuell 22738, 2000
[20] Götz Eisenberg: Gewalt, die aus der Kälte kommt; in: Frankfurter Rundschau/FR, 8.9.2000
[21] Richard Albrecht: Aus der Not eine Tugend ? Von sozialer Ausgrenzung zum neuen kulturellen Modell mit ganzheitlichen Lebensorientierungen; in: liberal, 33 (1991) 4, 16-23; ders. in: SWS-Rundschau, 31 (1991) 3, 363-382
[22] „http://www.wissenschaft-online.de“
[23] Christoph Reuter: Mein Leben ist eine Waffe. Selbstmordattentäter -Psychogramm eines Phänomens. München: C.Bertelsmann, 2002
[24] Götz Eisenberg: Die niedergerissenen Grenzen im Innern des Menschen; Die menschlichen „Ungeheuer“ entspringen unserer Normalität; in: Frankfurter Runschau/FR, 3.5. [und] 11.5. 2002, jeweils S. 7 („Dokumentation“)
[25] Elias Canetti: Masse und Macht [1960]; Ffm.: Fischer-TB 6544, 1980, S. 202-207
[26] Barrington Moore jr.: Injustice. The Social Bases of Obedience and Revolt. London: Macmillan, 1978
[27] Klaus Schlesinger: Am Ende der Jugend; in: Berliner Traum. Fünf Geschichten. Ffm: Fischer-TB 2101, 1980, S. 174
[28] Anton C. Zijderveld: The Abstract Society. A Cultural Analysis of Our Time [1970]; dt. Ausgabe: Die abstrakte Gesellschaft. Zur Soziologie von Anpassung und Protest. Ffm.: S.Fischer, 1972 (=Conditio Humana), S. 145/146
[29] Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft [1951]; dt. Ausgabe zuletzt München: Serie Piper 645, 1986, hier S. 609 ff. - Die erste mir bekannte dichte Beschreibung atomistisch-totalitären Alltags bei Hermann Brill: Deutsche Ideologie 1937; in: ders., Gegen den Strom. Offenbach: Bollwerk-Verlag, 1948 (=Wege zum Sozialismus 1), S. 19-60
[30] dabei sehe ich vom theoretischen Problem, inwieweit der Prozess der Universalisierung des kapitalistischen Marktes selbst totalitäre Züge trägt, ab. Franz Neumann hat 1944 so argumentiert in: Behemoth. The Structure and Practice of National Socialism 1933-1944. Pb.ed. N.Y.: Harper & Row, 1966
[31] William Kornhauser: The Politics of Mass Society. N.Y.: Free Press, 1959
[32] James S. Coleman: The Asymmetric Society. Syracuse (N.Y.): Syracuse University Press, 1982
 



Autor: Dr.Richard Albrecht (Bonn) Datum: 25.08.2002 Mail: dr@richard-albrecht.de
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