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Die Quoten-Idioten
Warum ARD und ZDF die Zuschauer verachten/von Jens Jessen

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat sich in eine ausweglose Lage manövriert. Schon jetzt verstehen die Bürger nur noch mühsam, warum sie staatliche Sendeanstalten mit zwangsweise erhobenen Gebühren unterstützen sollen, während sich die privaten allein durch Werbung finanzieren. Bald werden die Zuschauer das Gebührenprivileg gar nicht mehr verstehen. Denn ARD und ZDF arbeiten planmäßig daran, die letzten Unterschiede in Programmangebot und „Bildungsauftrag" (so lautete ein längst verges- 
 
Sie biedern sich an
und verspielen ihr Gebührenprivileg: 

Warum zahlen wir für ein Angebot, das es auch beim privaten TV gibt? Warum denken sie nie, dass ein kluges Programm erfolgreicher als ein dummes sein könnte? 

sener Rechtfertigungsgrund) zu tilgen, mit denen erklärt werden konnte, warum das eine Fernsehsystem bezahlt werden muss, während das andere gratis ist. 

Das Mittel der Selbstdemontage ist die Quote. Im Privatfernsehen hat die Messung der Zuschauerbe- teiligung ihren guten Sinn; sie dient der Festsetzung der Werbegebühren, aber auch dazu, überhaupt festzustellen, welche Sendungen für die Werbekunden attraktiv sein könnten. Denn das Privatfernsehen muss Geld verdienen, und dieses Geld kommt von der Werbewirtschaft. Sie ist der eigendiche Abnehmer, an den sich das Privatfernsehen richtet; die Zuschauer sind nur insofern von Belang, als ihre Zahl ein Argument im Verkaufsgespräch mit den Werbekunden ist. 

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen ist aber nicht zum Geldverdienen da; es darf sich mit Werbung höchstens ein Zubrot verschaffen. Weder ARD noch ZDF haben einen rationalen Grund, die Quote zum Maßstab zu nehmen. Warum tun sie es trotzdem? Warum blicken auch sie geradezu panisch auf die Zuschauerentwicklung, setzen Sendungen ab oder verschieben sie in die Nacht, entlassen Talkmaster, gängeln Drehbuchautoren, betreiben Volksverdummung mit Heimatabenden, regeln ganz allgemein Qualität und Anspruch sofort nach unten, wenn die statistische Kurve auch nur leicht zu zittern beginnt? 

Es ist das schlechte Gewissen. Die öffentlich-rechtlichen Fernsehleute haben ein schlechtes Gewissen, weil sie der privaten Marktkonkurrenz entzogen sind und eigentlich ein beliebig gutes Programm für beliebig wenige Zuschauer machen könnten. Sie könnten, wie es die altmodischen Rundfunkstaats- verträge auch einmal vorsahen, ausschließlich tun, was sie journalistisch für geboten und künstlerisch für wertvoll halten. Sie halten diese Freiheit aber heimlich für elitär und fürchten, das Volk könnte dahinter kommen und ihnen das Gebührenprivileg wieder entziehen. Darum blicken sie so angstvoll auf die Quote: Sie ist ihnen ein tägliches Plebiszit über die Berechtigung des öffentlich-rechtlichen Rundfünksyscems.
Mit jeder Sendung, die vielleicht durchfällt, sehen sie ihre Zukunft bedroht. Intendanten und Programm- direktoren der ARD haben kürzlich ein so genanntes Optimierungspapier verabschiedet, das alle Trübsal und Kompliziertheit aus Fernsehfilmen vertreiben möchte. Zur Hauptsendezeit sollen nur „spannend, heiter-komisch oder emotional anrührend erzählte, alltagsnahe Geschichten" gesendet werden, von denen man glaubt, dass sie die Quote sichern. 

Diese Strategie wird allerdings nicht die Zukunft sichern. Sie gerade verwischt die Unterschiede (und seien sie nur noch theoretisch) zum Privatfernsehen und ist daher für die Rechtfertigung der öffentlich- rechtlichen Sonderstellung genauso zerstörerisch wie ein dauerhaftes Produzieren über die Köpfe der Zuschauer hinweg. Eine ARD und ein ZDF, die nichts anderes wollen, als mit RTL oder SAT l im heiter-komischen Genre zu konkurrieren, sind überflüssig und ordnungspolitisch bedenklich, weil sie den Markt durch Subventionen verzerren. 

Es kommt aber noch eine zweite Torheit hinzu. Allein auf die Quote zu blicken bedeutet den Abschied von jeder verantwortlichen Programmarbeit. Das Publikum abstimmen zu lassen provoziert in den Anstalten die Mentalität von Dealern, die beliebig gefährlichen und verdummenden Stoff anbieten, wenn er nur zuverlässig süchtig macht. Es fragt sich jedoch, ob die öffentlich-rechtlichen Sender nicht eher die Rolle von Ärzten einnehmen müssten, die gelegentlich auch eine Medizin verabreichen, die nicht schmeckt, aber für die Demokratie gesund ist, und von der die Zuschauer vielleicht sogar merken könnten, dass sie gut tut. Selbst in den frei finanzierten Zeitungen publizieren Journalisten Beiträge, von denen sie wissen, dass sie ihre Leser ärgern, die sie aber für moralisch geboten halten. Davon kann im
Fernsehen nirgendwo die Rede sein. 

Es ist sogar noch schlimmer. Denn in Wahrheit erlauben die Sender ihren Zuschauern gar keine wirkliche Abstimmung; mangels Alternative. Auf jede Quotenverschlechterung reagieren die Fernsehleute stets nur mit einer Verflachung des Programms; niemals kommen sie auf den Gedanken, dass eine Sendung vielleicht zu banal und zu dumm gewesen sein könnre und man es mit einem klügeren Programm versuchen müsste. In dieser Publikumsverachtung zeigt sich der wahre Grund des schlechten Gewissens. Weit davon entfernt, mit ihrem Populismus der elitären Versuchung zu entgehen, zeigen die Fernsehleute damit vor allem die Geringschätzung des Zuschauerurteils. Hat etwas nicht gefallen? Dann war es nicht blöd genug. 

Wie man den Zuschauer im Seichten ertränkt

Einen anderen Gedanken können die Anstalten nicht fassen. Gerne verweisen sie in diesem Zusammen- hang anklagend auf die geringe Zuschauerbeteiligung bei der Verfilmung von Klemperers Tagebüchern; dass die Verfilmung langweilig und töricht war, scheint ihnen für die Publikumsreaktion nicht von Betracht. Langeweile gilt ihnen geradezu als Ausweis von Niveau; deswegen verweisen sie anspruchsvolle Zuschauer auch gerne beleidigt auf arte. 

Die Programmmacher können sich immer nur vorstellen, dass der angestrebte Anspruch die Zuschauer verschreckt; nicht können sie sich vorstellen, dass dem Zuschauer der Anspruch vielleicht recht wäre, wenn er nur erfüllt würde. Dass ein ehrgeiziges Fernsehspiel auch witzig sein kann, halten sie offenbar für ebenso ausgeschlossen, wie dass eine Comedy-Serie depressiv stimmen könnte. Ist ihnen jemals der Gedanke gekommen, dass Alf auch intellektuell anspruchsvoller war als die Klemperer-Verfilmung oder eine der tragisch verheulten Kultursendungen? 

Jedenfalls rechnen sie fest damit, dass der Durchschnittszuschauer zu einem solchen Urteil niemals kommt. Die in systematische Programmarbeit übersetzte Verachtung des Publikums ist der eigentliche Skandal des öffentlich-rechtlichen Systems. Eine Demokratie lebt davon, dass sie hoch von ihren Bürgern denkt; sie muss ihnen zutrauen, dass sie sich ein qualifiziertes Urteil über Politik und Gesellschaft bilden und in einer Wahlentscheidung niederlegen. Gewiss sind Zweifel an dieser idealen Urteilskraft erlaubt; aber wenn solche Zweifel von öffentlich geförderten Sendern gehegt werden, dann müssen diese ihren öffentlichen Auftrag eben ernst nehmen und das soziale, politische, auch ästhetische Urteil ihrer Zuschauer trainieren. 

Tatsächlich tun ARD und ZDF weder das eine noch das andere. Sie vertrauen ihren Zuschauern nicht, und sie fördern sie nicht. Mit ihrem Quotenzynismus arbeiten sie nur an ihrer Entmündigung. Das ist eine Einstellung, die zu einer plebiszitären Diktatur passt, in der man den Bürger gängelt, ablenkt und manipuliert, damit er sich nicht unqualifiziert in das politische Geschehen einmischt. Das Privatfernsehen kann eine solche Verachtung zeigen; es ist dem Markt verpflichtet und nicht der Demokratie. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen aber ist verpflichtet, den mündigen Bürger zu wollen. 

Zur Verteidigung seines Programms hat ein RTL-Intendant einmal gesagt: Im Seichten kann man nicht ertrinken. Das ist wahr, die Sender können im Seichten nicht untergehen. Wohl aber kann man den Zuschauer im Seichten ertränken. 

WANDEL BEI DEN ÖFFENTLICH-RECHTLICHEN: 
 

Alte Tante voll im Trend
Die BBC, Mutter aller Rundfunkanstalten, sucht nach einer neuen Identität /
Von Jürgen Krönig

Heiß geht es zu in der Führungsetage der BBC. Greg Dyke, der neue Mann an der Spitze, räumt gerade das mittlere Management ab - 1100 so genannte suits müssen gehen. Dyke orientiert sich dabei an der US-amerikanischen Businesskultur. Er verabscheut die weit verzweigten Hierarchien, die sein Vorgänger John Bin etabliert hatte. Bereits als Chef des Fernsehens von Pearson hatte Greg Dyke sich öffentlich über die Schwierigkeit mokiert, von der BBC eine schnelle, klare Entscheidung zu bekommen: Das sei „wie durch Sirup schwimmen". Deshalb schleift er jetzt resolut die alte Ordnung, lässt die Luft aus der aufgeblähten Bürokratie und bekämpft das Heer von Management-Con-sultants und Aurpassern, die den Redakteuren fürchtbar auf die Nerven gingen. Abgeschafft hat er den „internen Markt", der Redaktionen dazu gezwungen hatte, für überteuerte Preise CDs und Archivmaterial von anderen Abteilungen innerhalb der BBC zu kaufen. Mehr Geld soll in Programme fließen. Bislang gab die BBC 75 Prozent ihrer Einnahmen für Programme aus, binnen drei Jahren will Dyke auf 85 Prozent kommen. Nur so lassen sich seine vielen ehrgeizigen Pläne, allen voran die Schaffung neuer digitaler TV-Kanäle, verwirklichen. 
BBC steht unter Druck: Immer mehr TV-Kanäle locken die Massen, allein Murdochs Sky Digital bietet 180 an; der gefürchtete elektronische Programmführer könnte im Verbund mit dem marktreifen „Intelligent Video Recorder" die Zuschauer bald schon in Programmdirektoren verwandeln - all das treibt den BBC-Gewaltigen den Angstschweiß auf die Stirn. 

Doch besteht wirklich Grund zur Panik? Gewiss - die BBC wird immer kleiner in einer Welt der Elefantenhochzeiten: Gegen AOL/Time Warner, NewsCorp oder Viacom/CBS ist Großbritanniens Public Broadcaster ein Zwerg, trotz jährlicher Einnahmen von rund acht Milliarden Mark. Ansonsten jedoch steht die BBC so gefestigt und sicher da wie schon lange nicht mehr. Das Gerede vom Anachronismus, der nicht mehr in die moderne Welt passe, ist verstummt. Kaum noch zu vernehmen sind die Propheten des freien Medienmarktes, die früher gerne und lautstark gegen die „Zwangssteuer" der Gebühren wetterten und denen die Gazetten eines Rupert Murdoch stets offen standen. 

Niemand auf der Insel denkt derzeit daran, das politische und finanzielle Arrangement in-frage zu stellen, von dem die BBC lebt. Im Gegenteil. Die Regierung Blair war besonders generös. Sieben Jahre lang steigen die Gebühren jährlich nach dem Modus „Inflationsrate plus anderthalb Prozent". ARD und ZDF dürften voller Neid über den Kanal blicken. 

Ein weiteres Plus gegenüber Deutschland: 

Die britischen Politiker haben der BBC eine ungewöhnliche Doppelexistenz gestattet: Innerhalb des Königreiches muss sie strikt öfiendich-rechtlich und werbefrei operieren; außerhalb der Landesgrenzen darf sie ihre andere Seite zeigen. BBC Worldwide agiert kommerziell und durchaus hemdsärmelig: Der durch Werbung finanzierte Infokanal BBC World macht CNN und anderen Nachrichtensendern weltweit Konkurrenz, ist ständig auf der Suche nach weiteren Allianzen. Nun auch in Deutschland: Mit
Flextech und Discovery werden gemeinsame Kanäle betrieben, und in den USA gibt es über Kabel ein BBC America. Was dem ohnehin schwächlichen, chronisch unterfinanzierten und politisch höchst gefährdeten Public TV der Vereinigten Staaten das Leben noch schwerer macht. 

BBC erfreut sich also bester Gesundheit; zudem ist sie wohlgerüstet für die New Economy. Mehr denn je gilt schließlich die Faustregel „Contentis King. Und da hat man einiges zu bieten, nicht nur die Teletubbies, die an 140 Länder verkauft wurden. Das Ansehen der Corpo-ration hat bislang noch nicht einmal dadurch gelitten, dass sie mittlerweile auch ziemlich viel mittelmäßiges Fernsehen produziert und manchmal an zu viel Political Correctness leidet. 

Die privilegierte Stellung der BBC geht der kommerziellen Konkurrenz in Großbritannien sichtlich auf die Nerven. BSkyB stänkert unaufhörlich gegen den digitalen Kanal BBC News 24, den sich die Corporation bei minimaler Einschaltquote 50 Millionen Pfund im Jahr kosten lässt. Wegen ihrer Internet-Praktiken will Independent Television News (ITN) gar vor Gericht ziehen. Der BBC soll untersagt werden, ihre erfolgreiche Website BBC.CO.UK weiterhin kostenlos an kommerzielle Internet-Portale von Yahoo, British Telecom und Voda-fone abzugeben. Der Arger der Konkurrenten ist verständlich: Eine durch Gebühren finanzierte Dienstleistung wird reichen Kunden ohne jegliches Entgelt überlassen. Dabei mangele es der BBC zugleich am nötigen Geld, sich auch nur die Höhepunkte der englischen Pre-mierleague, des Gegenstücks zur Fußballbundesliga, zu sichern, bemerkte der Chief Executive von ITN und legte damit den Finger auf einen wunden Punkt. Gegen die kommerziellen Giganten mit multinationalem Hinterland kann sie beim besten Willen denn doch nicht mithalten. Das hat die schmerzliche Niederlage im Preispoker um Erstligafüßball unterstrichen. 

Die Euphorie über die Medien-Revolution ist vorbei 

Doch noch lässt es sich selbst in diesen finanziellen Grenzen angesichts des Wohlwollens der Politiker ganz gut leben. Die Unterstützung auf allen Seiten des politischen Spektrums, bei Traditionssozialisten, Konservativen und den marktfreundlichen Reformern um Tony Blair, hat triftige Gründe. Die Euphorie über die Revolution im Mediensektor ist verflogen. Stattdessen hat sich ein erstaunlicher Konsens herausgebildet: Die BBC muss erhalten und vor den Marktkräften geschützt werden, die ihre Werte „korrumpieren" könnten. 

Das hehre Leitmotiv hatte bereits der frühere Generaldirektor John Birt bei jeder sich bietenden Gelegenheit formuliert. Pathetisch hatte er die BBC als ein zivilisatorisches Bollwerk bezeichnet, das allein den entfesselten Kräften der Globalisierung trotze, die für „die ständige Verfügbarkeit des Derben, Vulgären und Sensationellen" sorgten und die britische Kultur nachhaltig zu beschädigen drohten. Große Worte, wenn man sich anschaut, was BBC l, das Massenprogramm der Corporation, seit längerem an seichter Kost bietet. Doch ungeachtet aller BBC-Sünden ernten solche Sprüche in Parlament und Regierung Beifall, selbst bei den Tories, die noch vor ein paar Jahren die BBC am liebsten zerschlagen und privatisiert hätten. 

Auch das neue BBC-Regime unter Greg Dyke stimmt gerne die eingängige Melodie öffendich-rechtlicher Überlegenheit an. Mark Thompson, Fernsehdirektor der BBC und engster Vertrauter des neuen Generaldirektors, sprach kürzlich gar von einer „moralischen und metaphysischen Identität" der Corporation. Doch bewahren solche Sprüche Dyke und Thompson nicht davor, einen radikalen Kurswechsel anzupeilen. Sie halten trotz aller Stabilität gravierende Entscheidungen für notwendig. 

Greg Dyke ist sogar bereit, eine heilige Kuh zu schlachten und formatierte Kanäle zu schaffen, wie sie beim Radio vor Jahrzehnten bereits eingerührt worden sind. Das wäre ein revolutionärer Akt. Seit den Tagen des legendären Gründers Lord Reim hat die BBC, getreu dem Auftrag, zu informieren, zu erzie-1 hen und zu unterhalten, der Nation stets ein 

Mischprogramm angeboten; sie mixte das Leichte mit dem Ernsten, das Populäre mit dem Didaktischen. Doch unter Dyke könnte sich das ändern. Seiner Ansicht nach hat das klassische Mischprogramm bald ausgedient. Untersuchungen von digitalen Fernsehhaushalten ließen in Broadcasting House, dem Sitz der BBC, die Alarmglocken schrillen. Die Zuschauer wechseln häufig die Kanäle; nach einem leichten Unterhaltungsprogramm bleiben sie nicht mehr aus purer Bequemlichkeit bei dem nachfolgenden, anspruchsvolleren Angebot hängen. 

Deshalb denken die Reformer um den BBC-Boss an streaming. BBC l soll sich in einen reinen Unterhaltungskanal wandeln und von schwergewichtigen Informationsprogrammen entlastet werden. Diese wechseln zu BBC2, das sich zum „seriösen" Kanal mausert. Aus dem digitalen BBC Choice soll ein Kanal für die Jugend werden. Und BBC Knowledge wird sich nach diesem Konzept in einen elitären Kultur-und Kunstkanal verwandeln. 

Die Pläne haben Kulturwelt und Politiker alarmiert: Notfalls müsse man die BBC vor sich selbst schützen. Es gibt gute Argumente gegen die neue Strategie: Gibt die BBC das öffentlich-rechtliche Mischprinzip auf, könnte sie langfristig ihre Existenzberechtigung infrage stellen; sie drohte den Teil ihres Publikums zu verärgern, der sich ganz anders verhält als die Zuschauer in den digitalen Fernsehhaushalten. Viele ihres Publikums sind nicht an den technischen Möglichkeiten interessiert. 

Die Reformer um Dyke legen einen Techno-Determinismus an den Tag, der zu voreiligen Reformen führte, durch die eine solide Hörerbasis unnötig dezimiert wurde. Weil Technologien verfügbar werden, schließt man in Führungsstäben sogleich, alle würden sich ihrer bedienen. 

Mindestens so problematisch ist ein anderer Aspekt der angepeilten BBC-Reform: Das  öffentlich- rechtliche Prinzip wird unterminiert, wenn aus den Massenkanälen die Inhalte entfernt werden, die dazu dienen, öffendich-rechtlich überhaupt zu definieren. Es beleuchtet das Dilemma, dass völliger Stillstand auch keine Alternative ist. Die BBC muss über den Tellerrand schauen und sich fragen, wie sie den Herausforderungen der Zukunft zu begegnen hat. Die Gefahr ist nicht zu leugnen, dass sie den Entwicklungen vorauseilen könnte und so noch schneller unter die Schwelle von 30 Prozent aller
Zuschauer gerät, an der die Debatte um die Gebührenfinanzierung erneut mit aller Schärfe entbrennen wird. Ob dann noch auf die Politiker Verlass sein wird, die sich heute als eherne Hüter des Public Broadcasting gerieren, dürfte fraglich sein. 

So oder so - BBC-Chef Greg Dyke ist nicht zu beneiden. Die Regierung zieht bereits die Zügel an. Medienminister Chris Smith erinnerte vielsagend daran, dass die BBC nicht frei schalten und walten könne. Bei der Erneuerung der BBC Charter hatte sich die Regierung Blair nicht nur für eine großzügige finanzielle Regelung entschieden. Zugleich sicherte sie sich die gesetzliche Handhabe, unerwünschte Entwicklungen zu verhindern. Die „radikale Umgestaltung" eines Kanals bedarf künftig der Genehmigung durch den Kultur- und Medienminister. Und der scheint fest entschlossen, notfalls ein Veto einzulegen, falls die Führungsriege der BBC zu weit ins digitale Neuland vorpreschen sollte. 

Ins Bild passt da auch die Absicht, die Selbstregulierung der BBC durch das Board of Governors abzuschaffen. Aber zumindest dürfte die BBC unter das Dach eines neuen übergreifenden Medienregulators rücken. 


© beim Autor/DIE ZEIT 2000 Nr. 36
Autor: Jens Jessen / Jürgen Krönig Datum 29.09.1998 Mail: brain@gabnet.com
Verteiler:HAUPT / MÄNNER / BOYS / POLITIK /JUSTIZ/ WIRTSCHAFT /LITERATUR  / BUCH / KUNST / TOURISMUS / PSYCHOLOGIE / PHILOSOPHIE / PHYSIK  / CHRONOLISTE
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