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POLITIK & GESELLSCHAFT
Antje Bultmann/Hans-Jürgen Fischbeck (Hrsg.)

Gewissenlose Geschäfte

Wie Wirtschaft und Industrie unser Leben auf's Spiel setzen


Antje Bultmann, geboren 1941, studierte Verhaltens- und Sozialwissenschaften in Heidelberg, Göttinger und Tübingen. Zehn Jahre war sie als Lehrerin und Heimleiterin tätig, bevor sie ein Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart absolvierte. Sie leitete ein Projekt Umweltschutz und Kirche in München und ist Mitglied der Emst-Friedrich-Schumacher-Gesellschaft. Heute lebt und arbeitet sie als freiberufliche Journalistin in der Nähe von München. Hans-Jürgen Fischbeck, geboren 1938 studierte Physik an der Humbold-Universität in Berlin. Er: arbeitete von 1962 bis 1991 am Zentralinstitut für Elektronenphysik in Ostherhn Promotion 1966, Habilitation 1969 zum Thema der Festkörperphysik. Von 1977 bis 1990 gehörte er der Synode der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg (Ostregion) an und war Mitbegründer der Bürgerbewegung Demokratie Jetzt, 1990 wurde er erst in die Ostberliner Stadtverordnetenversammlung und später in das Berliner Abgeordnetenhaus gewählt. Seit 1992 ist er Studienleiter an der Evangelischen Akademie in Mülheim/Ruhr.
Till Bastian
Grenzwerte für Volksverdummung gibt es offensichtlich nicht...

Auszug aus dem Buch Gewissenlose Geschäfte:
Antje Bultmann gewissenlose GeschäfteAls Einstieg in die Problematik der »Grenzwerte« und ihrer Begründung genügt es, wenn wir uns einer Szene erinnern, die wir alle aus der eigenen Schulzeit kennen: Schüler Meier, zwei Bänke vor uns und ohnehin ein arger Streber, erhielt bei drei Fehlern im Diktat noch ein »Gut«; unsereins, mit einem Fehler mehr, hatte sich mit der Note »Befriedigend« zu begnügen ... »Irgendwo muß ja eine Grenze sein«, sagte der Lehrer dann - falls überhaupt eine Diskussion möglich war. Ja, irgendwo schon, aber warum gerade hier? Später wurde der Streber Meier dann mit dem Abiturnotendurchschnitt von 1,43, abgerundet zu 1,4, zum Medizinstudium zugelassen, während wir - mit dem Schnitt 1,46» aufgerundet zu 1,5 - ein Jahr warten mußten. Kein Wunder, daß alsbald die Forderung erscholl, den Zugang zum zulassungsbegrensten Arztberuf per Los, das heißt durch die völlig unpersönliche, kalte Irrationalität des Würfels regeln zu lassen.

Was lernen wir daraus? Grenzziehungen solcher Art sind immer willkürlich. Es verhält sich mit ihnen ebenso wie bei der »Abgrenzung« eines Begriffes - der »Definition« (von lateinisch finis = Ende, Grenze). Die Wissenschaftstheorie hat es längst aufgegeben, von »richtigen« Definitionen zu sprechen. Ob die Definition eines Begriffes (»Unter natürlichen Zahlen verstehen wir ...«) sich durchsetzen und allgemein üblich werden kann, ist letztlich eine Frage ihrer Brauchbarkeit, und damit basta! 

Nun ist eine Note, zum Beispiel im Zeugnis, zweifellos eine menschliche Festsetzung, und auch die ihr zugrundeliegenden Kriterien sind erkennbar »Menschenwerk«, dem niemand eine gewisse Willkür absprechen kann -»es geht aber nun einmal nicht ohne«, so wird rechtfertigend gesagt. Bei jenen Grenzwerten, die uns hier vor allem interessieren - zum Beispiel bei der »Maximalen Arbeitsplatz- konzentration (MAK)«, die für ein vermutlich giftiges Gas von der Gewerbeaufsicht erlaubt wird -, handelt es sich um Werte aus dem Arsenal der Wissenschaft, die mit naturwissenschaftlichen Methoden ermittelt und in der naturwissenschaftlichen Fachsprache niedergelegt werden - meist in Konzentrationsangaben wie zum Beispiel 1/1000 Gramm pro Liter (mg/1) oder ein Teil pro Million Teilchen (part per million = ppm). Von besonderem Interesse ist natürlich, wann eine solche Konzentration des Stoffes XY gesundheitsschädlich ist. Wieviel Gramm eines bestimmten Gasdampfes in der Atemluft führen, auf Dauer eingeatmet, bei den Angestellten einer chemischen Reinigung mit Sicherheit zu Leberschäden? Dies zu entscheiden gilt als Angelegenheit der medizinischen Experten. Diese wiederum haben ihre Empfehlungen mit der Methode naturwissenschaftlichen Experimentierens ermittelt, wobei meist der Tierversuch eine herausragende Rolle spielt. 

So erhält ein solcher arbeitsmedizinischer Grenzwert -anders als die stets strittige Note im Deutschaufsatz! -die Weihe einer vorgeblichen wissenschaftlichen Objektivität. Naiven Zeitgenossen unserer wissenschaftsgläubigen Epoche mag es dann so scheinen, als fände in diesem Grenzwert gleichsam die Sprache der Tatsachen selber ihren Ausdruck. Genau dies ist aber falsch. Auch die Grenzwerte, mit denen beispielsweise die maximale Dosis an radioaktiver Strahlung festgelegt wird, der sich ein Flugzeugpilot, eine Röntgenassistentin oder der Arbeiter im Atomkraftwerk aussetzen darf, sind willkürlich festgelegt und orientieren sich am Kriterium praktischer Brauchbarkeit.

Früher war es gängige Vorstellung, für «Schadstoffe« (man sollte besser von »Noxen« sprechen, denn nicht immer handelt es sich ja um «Stoffe« im eigentlichen Sinne) wie zum Beispiel Chemikalien oder radioaktive Strahlung lasse sich eine »Schwelle« festlegen, jenseits derer die gesundheitliche Schädigung beginne, weshalb man im Umkehrschluß unterhalb dieser Schwelle Gefahrlosigkeit vermuten könne (so, wie bei der Zeugnisnote das Überschreiten einer gewissen »Schwelle« die Versetzung gefährdet). Für eine Fülle von Noxen, und gerade für die gefährlichsten unter ihnen, gilt dies aber gerade nicht. Sie kennen keine «kritische Schwelle«. Radioaktive Strahlung etwa kann auch in noch so kleinen Dosen gefährlich werden (schon ein einziger radioaktiver Zerfall des eingeatmeten Plutonium-239-lsotops kann Lungenkrebs auslösen). Hier müßte deshalb eigentlich jenes Prinzip zur Anwendung kommen, das die Wissenschaftler als »ALARA-Prinzip« beschreiben: »As Low As Reasonably Achievable« - die Konzentration (und damit die möglicherweise verabreichte Dosis) einer Noxe sollte »so niedrig sein wie aller Vernunft nach nur irgendwie erreichbar«: so niedrig wie möglich also. 

Und damit beginnt das Problem: Was heißt »möglich« bei »so niedrig wie möglich« - und was heißt »aller Vernunft nach« (»reasonably achievable«)? Wer legt nach welchen Interessen und anhand welcher Kriterien fest, was »möglich« und was »vernünftig« ist? Hier ist offenbar bereits jener kritische Punkt markiert, an dem Willkür und Beliebigkeit in die Festlegung eines Grenzwertes Einzug finden können. Sagen wir es deutlicher: Hier öffnet sich das Einfallstor für wirtschaftliche Interessen, die mit dem Schutz von Leben und Gesundheit nichts zu tun haben, ja diesem sogar entgegenstehen mögen. Und deshalb sind Grenzwerte, wie bereits gesagt, immer problematisch,

Dies wird zum Beispiel in den Verlautbarungen der Internationalen Strahlenschutz-Kommission (International Commission on Radiological Protection = ICRP) deutlich, die 1977 in ihrer Publikation Nr. 26 für die Belastung durch radioaktive Strahlung gefordert hat: »Es darf keine Tätigkeit gestattet werden, deren Einführung nicht zu einem positiven Nettonutzen führt. Alle Strahlenexpositionen müssen so niedrig gehalten werden, wie es unter Berücksichtigung wirtschaftlicher und sozialer Faktoren vernünftigerweise erreichbar ist.« (S. 4) 

Was bedeutet aber die »Berücksichtigung wirtschaftlicher und sozialer Faktoren«? Wie geschieht sie und anhand welcher Kriterien.' Was kann diese - systembedingte - Widersprüchlichkeit bei der Formulierung von Grenzwerten in der Praxis bedeuten? 

Versuchen wir uns an einem Gedankenexperiment: Was hielten wir zum Beispiel von einem Bürgermeister, der öffentlich erklärt, das Wasser im Stadtbach sei mit gesundheitsschädlichen Schadstoffen ohnehin in nicht unerheblicher Weise belastet - deshalb habe er einer Bleihütte die Genehmigung gegeben, weitere Abwässer einzuleiten, denn auf das »bißchen mehr« komme es auch nicht mehr an... 

Das Beispiel mag absurd erscheinen. Es ist aber dennoch realistisch - leider. Denn zum Beispiel im Falle radioaktiver Niedrigstrahlung wird von offizieller Seite genau so vorgegangen. Immer wieder kann man hören, daß radioaktive Strahlung, wie sie beispielsweise durch den Normalbetrieb eines Kernkraft- werkes, durch den »Fall out« (Niederschlag) der Atomwaffentests oder der Tschernobyl-Katastrophe auftritt, gering sei im Vergleich zur »natürlichen« Strahlenbelastung, und als Risiko könne sie daher vernachlässigt werden. Daran ist richtig, daß jeder lebende Organismus auf unserem Heimatplaneten einer seit jeher vorhandenen Strahlenbelastung ausgesetzt ist, die teils aus dem Weltall auf uns eindringt (kosmische Strahlung) bzw. von den radioaktiv strahlenden Elementen in der Erdkruste geschuldet ist (terrestrische Strahlung). Diese Belastung ist naturgegeben, aber deshalb keineswegs gesund (die Epidemiologie lastet ihr etwa ein bis zwei Prozent aller Krebstodesfälle an), und es besteht keinerlei Grund, ihr weitere menschengemachte Schädigungen »aufzusatteln«! Im Gegenteil: Würde das ALARA'Prinzip wirklich ernst genommen, so dürfte eine zusätzliche zivilisatorische Strahlenbelastung eigentlich nur in extremen Notfällen - etwa bei lebensrettenden Röntgenaufnahmen! - zugelassen werden. Schon die naturgegebene Strahlenbelastung kennt keinen »Schwellenwert« und die Gleichung »von Natur aus vorhanden« = »natürlich« = »zuträglich« gilt eben nich-t, wie Tollkirsche und Knollenblätterpilz beweisen und wie das jeder afrikanische Pygmäe weiß, wenn er aus Naturstoffen sein Pfeilgift mischt. Eine verquere Argumentationsfigur, sonst eher Sache romantisierender »Alternativmediziner« wird hier in bedenkenloser Weise von der Atomlobby benutzt und ausgeschlachtet - ganz in der Manier des oben erwähnten Bürgermeisters. Und warum? Aus reinem Geschäftsinteresse.

Anderes Beispiel: Ein in der Medizin eigentlich unstrittiger »Grenzwert« besagt, daß ein (gesunder, das heißt nicht vorgeschädigter) Mann, der jeden Tag 80 Gramm reinen Alkohol zu sich nimmt (was etwa vier Flaschen Bier entspricht), sich »dafür« nach 20 Jahren mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlich- keit eine Leberzirrhose eingehandelt hat. Stellen wir uns nun vor, es würden neue medizinische Fakten bekannt, die nahele-gen, daß dies vielleicht sogar schon bei 60 Gramm Alkohol pro Kopf und Tag der Fall sein könnte. Stellen wir uns nun einen Gesundheitsminister vor, der daraufhin zu bedenken gibt, man solle daraus keine entsprechenden Empfehlungen ableiten, weil sonst der Profit (und natürlich die Arbeitsplätze!) in der Alkoholindustrie gefährdet sind. Was würden wir von diesem Mann halten? Richtig, ich auch ... Aber wenn wir für »Alkohol« das Wort »radioaktive Strahlenbelastung« einsetzen, für »Alkoholindustrie« »Atomkraftwerke« und noch ein paar andere Worte vertauschen - dann haben wir ein durchaus realistisches Bild dessen, was jahrzehntelang in allen Industriestaaten »Gang der Dinge« gewesen ist...

Ein erstes Fazit: Grenzwerte sind nicht nur willkürlich, sie sind auch immer opportunistisch. Das soll heißen, sie dienen Zwecken, die in den Daten selber nicht zu finden sind, sondern an sie herangetragen werden. Sie beinhalten keinesfalls eine rein wissenschaftlich fundierte Sachaussage, sondern sie sind der Versuch, einen Ausgleich zwischen verschiedenartigen Interessen zu finden - zum Beispiel zwischen dem Interesse des Arbeiters im Atomkraftwerk an seinem eigenen gesundheitlichen Wohlergehen einerseits, dem Interesse der Kraftwerksbetreiber-Gesellschaft an einem einträglichen Geschäft andererseits.
Der Versuch einer solchen Kompromißbildung muß nicht von vorneherein illegitim sein (nicht jeder Kompromiß ist ein fauler Kompromiß). Abwägungen zwischen Risiko und Nutzen sind immer wieder unvermeidlich. Zu ihren Grundvoraussetzungen sollte es allerdings gehören, daß die einem demokrati- schen Rechtsstaat angemessene öffentliche Diskussion erfolgt. Genau dies ist aber in der Regel nicht der Fall, weil die beteiligten Interessengruppen und Konzerne eine solche Diskussion nach Kräften zu unterbinden wissen - und um so entschiedener, je größer der materielle Vorteil ist, der dabei auf dem Spiel steht. So läuft die »Grenzwertfindung« dann oft genug auf die Frage heraus: »Für welche Zeit können wir dem Gemeinwesen wie viele Krebstote pro Jahr zumuten, ohne daß dies großen öffentlichen Unmut erzeugt?« Die Geschichte der »friedlichen« Atomenergienutzung ist ein Musterbeispiel für solche gewissenlosen Geschäfte.1

Betrachten wir nach diesem Blick in die trübe Realität von Wirtschaft und Politik nun die wissenschaftliche Ausgangslage. Da die Festlegung von Grenzwerten allgemein als Aufgabe des vorbeugenden medizinischen Gesundheitsschutzes betrachtet wird, ist es naheliegend, nun die moderne Medizin, wo sie mit solchen Grenzwerten hantiert, selber auf den Prüfstand zu stellen. 

Folgen wir der klassischen Auffassung von Ernst Haekkel, nach der Ökologie nichts anderes ist als die »gesamte Wissenschaft von den Beziehungen des Organismus zur umgebenden Außenwelt«, dann wäre die Medizin zweifellos nichts anderes als ein Spezialfall der Ökologie, und ihr wissenschaftliches Fundament läge in der Untersuchung und systematischen Erfassung eben jener speziellen Klasse von (Wechsel)-Beziehungen zwischen Orga--nismus und Außenwelt, die im Organismus jene Zur Standsänderung herbeiführen, die durch einen sozialen Etikettierungspro:eß als »Krankheit« bezeichnet wird. So einfach liegen die Dinge aber leider nicht. Mindestens die folgenden Komplikationen gelte es zu berücksichtigen:

  • Als »verspätete« Naturwissenschaft orientiert sich die Medizin am Weltbild der deterministischen Physik und mithin an einem Kausalitätsbegriff, der so heute nicht mehr haltbar ist. Dieser Begriff von strenger und eindeutiger Mono-Kausalität war gewiß brauchbar beim Studium der klassischen Infektionskrankheiten, wenn bei der Krankheitsentstehung wirklich ein Faktor (etwa der Pockenerreger) klar dominierte; heute jedoch sehen wir uns in immer größerem Maße mit den Problemen von Multimorbidität (= der Mehrfacherkrankung) und Polyätiologie (~ der Verursachung von Krankheiten durch ganse »Ursachenbündel«) konfrontiert (siehe auch weiter unten). Komplexe, mehrdimensionale Wirkfaktoren-Gefüge, wie sie bei der Betrachtung etwa einer Pockenepidemie keine vorrangige Rolle spielen mögen, sind hei der Erstellung ökologisch zumindest mitbedingter »Komplexkrankheiten« (ebenfalls siehe weiter unten) unerläß-lich: Hier gibt es eigentlich gar keine Einzel-»Ursachen« mehr, sondern nur noch Wirkungen und Wechselwirkungen.
  • Insofern erweist auch der klassische Krankheitsbegriff die Grenzen seiner Brauchbarkeit, ist er doch nichts anderes als eine an der Beobachtung von Kollektiven gewonnene Abstraktion, die in relativ grober Vereinfachung auf das Individuum rückübertragen wird -mit dem Erreger W konfrontiert, verhält sich eine Mehrheit des Kollektives unter den Bedingungen X und Y in der Art und Weise Z; wir sprechen dann in einem Kunstgriff von der »Krankheit Z«, die das Individuum A »hat«. Der Begriff »Krankheit Z« entspricht wissenschaftstheoretisch dem Bruch »0,82«, wenn von hundert Männern eines Dorfes zweiundachtzig verheiratet sind - »untersuchen Sie jeden Mann so ausführlich, wie Sie wollen, von >0,82< werden Sie nichts an ihm finden; und wenn er das Dorf verläßc, wird sich dieser Bruch ändern, ohne daß er sich in irgendeiner Weise verändert hat. Offensichtlich ist >0,82< eine Eigenschaft des Dorfes, nicht des einzelnen.«2 Ebenso ist das, was wir Krankheit nennen, eine Eigenschaft des Kollektives, in dem zum Beispiel zweiundachtzig von hundert Menschen auf ein bestimmtes Virus in einer charakteristischen Art und Weise reagieren. Der Kunstgriff eines individualisierenden Krankheitsbegriffes hatte gewiß heuristischen und didaktischen Wert - doch dieser Kunstgriff erweist sich angesichts des hochkomplexen ökologischen Geschehen als zunehmend fragwürdig. 
  • Auch die Epidemiologie als vermeintlich neue Grundlagenwissenschaft ist, trotz aller Bemühungen um die Erfassung und statistische Bewertung von »Risikofaktoren«, nicht jener rettende deus ex ma-china, der eine Neufundierung der Medizin bewerkstelligen könnte - jedenfalls nicht, solange diese Epidemiologie einer individualisierenden Dosis-Wir-kung-Betrachtung verhaftet bleibt (und für das Individuum dann das Risiko von 0,82 errechnet, unter bestimmten Bedingungen zu erkranken), übergeordnete humanökologische Faktoren aber grob vernachlässigt (etwa, weil sie der quantifizierenden Bewertung nicht zugänglich sind)! Hierauf hat unlängst Steve Wing überzeugend hingewiesen.3
Summa summarum: Bei den klassischen Infektionskrankheiten, in deren Bekämpfung sich unsere »Schulmedizin« heranbildete und erprobte, konnten »Randbedingungen« vernachlässigt werden, indem sich das therapeutische Interesse auf einige wenige entscheidende Variablen konzentrierte (etwa auf den Erregernachweis und auf den Einsatz eines »passenden« Antibiotikums). Bei ökologisch bedingten oder mitbedingten Krankheitsbildern sind solche Vereinfachungen fatal: weder kennen wir alle wirksamen Faktoren noch deren vermutlich sehr vielgestaltige Interaktionen - und vor allem haben wir kaum eine Ahnung, welche Variablen die entscheidenden sind. Wer hätte zum Beispiel vor zwanzig Jahren daran gedacht, daß Haarspray in großer Höhe zur Verdünnung der Ozonkonzentration beiträgt? 

Diese Auffassung legt nahe, daß das, was wir heute als »Zivilisationskrankheiten« bezeichnen, sozusagen die »gemeinsame Endstrecke« einer Fülle komplizierter Wechselwirkungen bildet - schließlich wird eine Störung immer erst dann sichtbar, wenn irgendwo »ein letzter Tropfen das Faß zum Überlaufen bringt«. Das Vorliegen solcher Mechanismen zeigte sich nicht nur im Falle des sogenannten Robbensterbens - hier fand man in der Leber der sezierten Tierkadaver erhebliche Schwermetallkonzentrationen, im Fettgewebe hingegen eine starke Anreicherung mit polychlorierten Biphenylen (PCBs), und zudem war die Tierpopulation auch noch mit einem dem Erreger der Hundestaupe ähnlichen Virus durchseucht. Diesem Verstärkungseffekt, der am Ende zum Massentod der Meeressäugetiere führte, hätte offenkundig durch einen isolierten, das heißt einzelstoff-bezogenen Grenzwert gar nicht wirksam vorgebeugt werden können! Ahnlich verhält es sich wohl auch beim Waldsterben, für das ja nach heutigem Kenntnisstand ebenfalls kein einzelner Schadstoff als Ursache angeschuldigt werden kann, weshalb der Münchner Forstbotaniker Peter Schutt in genialer Wortwahl den Begriff »Komplexerkrankung« vorgeschlagen hat, um den Gesamtvorgang zu kennzeichnen. Solche »Komplexer krankungen«, denen durch, einzelstoffzentrierte Vorsorge offenbar nicht beizukomrnen ist, werden bei allen Organismen auftauchen, die die Endstrecken von Anreicherungsprozessen besiedeln - was für Robben gilt, aber auch für Bäume und für uns Menschen. 

Bei dem größten Kollektiv unter den Opfern der Tscher-nobyl-Katastrophe von 1986, bei den sogenannten »Liquidatoren«, das heißt den zu Aufräumungsarbeiten abkommandierten Personen, beobachten wir heute eine drastisch erhöhte Todesrate - wobei diese Menschen überwiegend vorzeitig an Krankheiten sterben, die »eigentlich« nicht tödlich sein »müßten«. Der Kiewer Arzt Juri M. Schtscherbak hat für dieses Phänomen schon 1987 ein erworbenes Immunmangel-Syndrom vermutet und in Anlehnung an den heute vor allem zur Kennzeichnung der HIV-lnfektion verwendeten Begriff »AIDS« (»Acquired Immunodeficiency Syndrom« = Erworbenes Immunmangelsyndrom), der aber eigentlich ganz unspezifisch ist, den Begriff »Tschernobyl-AIDS« vorgeschlagen; Die der radioaktiven Belastung geschuldete mehr oder minder erhebliche Schwächung der körpereigenen Abwehr läßt alle möglichen, für einen gesunden Menschen überwindbaren Krankheiten zu einer tödlichen Gefahr werden .. ,4

Ich habe oben geschrieben, daß sich die moderne Medizin auf der Ebene des Individuums mit der »Polyätiologie« - der Auslösung von »Komplexkrankheiten« durch vielfältige, sich kombinierende Wirkfaktoren, die eigentlich nicht mehr als »Ursachen« bezeichnet werden können - und mit der »Multimorbidität« herumzuschlagen hat (der Vielfacherkrankung eines Einzelindividuums). Auf der Ebene der »Wirkfaktoren« entsprechen dem zwei andere S achverhalte, die die Dinge noch weiter komplizieren - die »Synergie«, das heißt das bereits erwähnte, sich wechselseitig in der Schadwirkung verstärkende Zusammenwirken mehrerer Faktoren (zum Beispiel radioaktive Strahlenbelastung plus Virusepidemie), und die »Akkumulation«, das heißt die Anreicherung der meist sehr langlebigen Schadstoffe zum Beispiel im Knochen oder im Fettgewebe.5 Grenzwerte, die als aktuelle Konzentrationen oder Wirkmengen (»Aktivitäten«) eines Einzelschadstoffes, bezogen auf einen begrenzten Zeitraum, festgelegt sind, sind daher von vornherein problematisch. Sie taugen wenig, um die (schleichende) Gesundheitsgefährdung in der Lebenswelt der Industriegesellschaft zu beschreiben. Sie berücksichtigen nämlich in aller Regel nur die akute Giftwirkung. Und von Kombinationseffekten wissen sie nichts. Oder anders gesagt: Nur im Hinblick auf Frühschäden durch Einzelschadstoffe geben sie eine Grenze an, unter der ein solcher Schadstoff eventuell als unbedenklich erachtet werden könnte. Ein sicherer Schutz vor möglichen Spät' schaden ist damit aber keinesfalls gegeben. Dies insbesondere dann nicht, wenn einem solchen Spätschaden durch die Kombination mit anderen Schadfaktoren der Boden bereitet wird! So kann man ja den Tod der Robbe in der Nordsee durchaus auch als »Spätfolge« einer übermäßigen Schwermetallanreicherung in der Leber ansehen, den Tod des Tschernobyl-Liquidators an einer Lungenentzündung im Jahre 1996 als »Spätfolge« seiner Strahlenbelastung zehn Jahre zuvor usw. usw. 

Zumindest bei Schadstoffen, die sich im Körper anreichern, sollte also die zu erwartende Einwirkungsdauer (»Expositionszeit«} - sie ist nabeliegenderweise für Kinder lang, für ältere Erwachsene kurz - in die vorhandenen Grenzwerte eingebaut werden. Daß dies nicht geschieht, ist ein wissenschaftlicher Skandal - ebenso wie das Faktum, daß solche Grenzwerte noch immer überwiegend auf den männlichen Erwachsenen von 70 Kilogramm Körpergewicht bezogen sind und die besondere Empfindlichkeit des kindlichen Organismus in keiner Weise berücksichtigen.

Aus diesen Überlegungen zu den Problemfeldern von »Synergie« und »Akkumulation«, die hier natürlich nur im Schnelldurchgang erörtert werden konnten, ergibt sich in aller Klarheit; Der alte Satz des Theophrastus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus, daß es von der Dosis abhänge, ob ein Stoff als Gift oder als Heilmittel zu betrachten sei (»Die Dosis macht das Gift« - was ja bedeuten würde, daß es eben doch einen »Umschlagspunkt« gibt und daß es mithin entscheidend sei, den richtigen »Grenzwert« zu erkennen) - dieser zur Standardformel so vieler Mediziner geratene Satz muß also in nicht unerheblichem Maße umgeschrieben werden. Für immer mehr ökologisch relevante Fälle gilt: Nicht »die Dosis (eines Einzelstoffes) macht das Gift« -die Kombination von Dosis und Einwirkungsdauer, mithin die mögliche Anreicherung plus die Existenz zusätzlicher Wirkfaktoren und die von ihnen bewirkten Synergieeffekte bestimmen das »Insgesamt« der Giftwirkung und damit das Erscheinungsbild der »Komplexerkrankung«.

Für den Umgang mir all diesen Veränderungen in unserer ökologisch schwer geschädigten Lebenswelt ist die moderne Medizin nur unzureichend gerüstet. Und die — einzelstofflich orientierten - Grenzwerte, deren Festlegung ohnehin in nicht unerheblichem Maße durch außerwissenschaftliche (Wirtschafts)-Interessen bestimmt wird, sind ein Teil ihres unzureichenden Handwerkszeuges. Für das politisch-ökonomische Establishment besteht allerdings nur wenig Anlaß, an diesem unerquicklichen Zustand etwas ändern zu sollen.

Zum Abschluß noch eine Klarstellung. Ich möchte nicht mißverstanden werden: Die Festlegung von Grenzwerten - aber bitte anhand öffentlich diskutierter Kriterien! - ist in vielen Lebensbereichen immer noch wichtig und unabdingbar. Nur muß ihre Bedeutung erkannt und relativiert werden. Grenzwerte sind alles andere als ein Allheilmittel oder eine Schutzgarantie - oft sind sie, wie hoffentlich gezeigt werden konnte, recht problematisch, und ihre Erörterung lenkt nicht selten vom Wesentlichen ab. Die gesamte Diskussion über die gesundheitlichen Auswirkungen der ökologischen Krise unter dem Gesichtspunkt der Grenzwertfestlegung zu führen ist jedenfalls ebenso abwegig wie jene hektische Umweltpolitik, die sich der medienwirksamen Suche nach dem »Schadstoff der Woche« verschreibt. Einer Gesellschaft freilich, der es leichter fällt, bei hohen Ozonkonzentrationen in der Außenluft die Bewegungsfreiheit der Kinder einzuschränken (»Vom Spielen im Freien muß abgeraten werden«) als die »Freie Fahrt für freie Bürger« bzw. für die schadstofferzeugenden Kraftfahrzeuge dieser Bürger anzutasten, wird eine offene, ehrliche Diskussion über dieses gesundheitsgefährdende Problemgemenge wohl kaum möglich sein.


Anmerkungen

1.)  Vgl. hierzu: T. Bastian, K. Bonhoeffer (Hrsg. i: Thema Radioaktivität,Wiss. Verlagsgesellschaft, Stuttgart 1990 - auch die dort angegebene weiterführende Literatur, T. Bastian: Wahnwitz  Atomkraft, Selbstverlag der Int. Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs (IPPNW), Berlin 1995
2.)  W. Ross Ashby: Einfuhrung in die Kybernetik Frankfurt a. M. 1974, S. 181
3.)  St. Wing: »Grenzen der Epidemiologie", in Medizin und Globales Überleben 2/1994. S 25-35
4.)  Vgl. J. M. Schtscherbak: "Zehn Jahre Tschernobyl-Katastrophe«, in: Spektrum der W1ssenschaft 5 1996, S. 84-89. »Tschornobyl« ist die ukrainische Schreibweise des in der russischen Variante berüchtigt gewordenen Ortsnamens.
5.)  Vgl. hierzu R. Scholz;- »Biochemische Wirkungsmechamsmen von Umweltnoxcn. Gefahren durch Akkumulation und Synergismus von Schadstoffen«, in: Der informierte Arzt/Gazette Medicale 5/1994, S. 341-349


Wichtige Anmerkung:

Die Bücher 
"Gewissenlose Geschäfte"  & "Auf der Abschußliste"

Antje Bultmann gewissenlose Geschäfte
Antje Bultmann/Auf der Abschußliste

von Antje Bultmann sind leider beim Knaur®-Verlag vergriffen.

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Gerhard Hanenkamp
 

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Autor: Antje Bultmann/Hans-Jürgen Fischbeck (Hrsg.) 
Datum 12.09.2001                                     Mail: Antje Bultmann
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