Die Zeit  Nr. 40 30.September 1999 54.Jahrgang
Was ist deutsch?
Sloterdijk und die geistigen Grundlagen der Republik 
/VON THOMAS ASSHEUER 

Verstehe, wer will. Seit Jahren warnen ungezählte Ethik-Professoren vor den Gefahren der Gentechnik für das humanistische Menschenbild. Nichts passiert. Doch kaum hält ein Philosoph einen Vortrag, der dem Humanismus die Totenglocke läutet, entzündet sich eine Kontroverse, die alles in den Schatten stellt. 

Und doch. Könnte es sein, dass der Urheber des „deutschen Bebens", der Schriftsteller und Philosoph Peter Sloterdijk, eine falsche Fährte gelegt hat? Geht es ihm wirklich nur um
Gentechnik? Oder dreht sich  der Streit um etwas ganz anderes: um den Geist der Berliner Republik? 

Worum geht es? 

Ein Philosoph hält einen Vortrag -und die Republik streitet. Auch die ZEIT-Redaktion debattiert. Auf Thomas Assheuer antwortet nächste Woche Roger de Weck 

In der Tat, so kann man es sehen. Sloterdijk spielt landauf, landab mit dem Gedanken an ein neues, verbindliches Weltbild, das der alten Gesellschaftskritik ein Ende bereitet. Er wünscht sich einen kulturellen „Immunschutz" und einen Sinn stiftenden Mythos, unter dessen Dach einsame Gegenwartsmenschen Zuflucht suchen können. Allerdings, aufSloterdijks Mythen-Baustelle hat ein Kandidat nichts mehr zu suchen: der Humanismus. Er nämlich gehort ins Museum, genauso wie das jüdisch-christliche Menschenbild. Auch mit Demokratie und Menschenrechts-denken ist Sloterdijks Humanismuskritik schwer zu vereinbaren. Und wenn er jetzt den Tagesthemen erklärt, in seiner Elmauer Rede sei es ihm um Bio-EthIk zu tun gewesen, dann führt er das Publikum in die Irre. Denn Ethik, das sagt er selbst, gehört jener humanistischen Ära an, die auf dem Friedhof des Abendlandes ihre letzte Ruhe fand. 

Und was hat all das mit der Berliner Republik zu tun? Ganz einfach. Wenn Humanismus passe ist, sind Unrecht und Ungerechtigkeit kein Skandal mehr. Und siehe da, plötzlich gewinnt Sloterdijk der Krise des Sozialstaats eine gute Seite ab. Endlich, so lässt er
durchblicken, hat die egalitäre Langeweile ein Ende, und die Menschen spüren wieder die Last ihres Schicksals. Kampfeslustig streift sein Blick die tragische Zukunft. „Vor uns liegt ein Weltalter, in dem der Unterschied zwischen Siegern und Verlierern" wieder mit „antiker Härte und vorchristlicher Unbarmherzigkeit an den Tag tritt". 

Das sollte reichen. Doch einige schwarzgrüne Kesselpauker aus dem Orchestergraben der Republik entdecken in Sloterdijks Phantasmen eigene Wünsche. Dass auch Antje Vollmer mitspielt, ist symptomatisch, und ihre Polemik in der FAZ (27. 9. 99) liest sich wie ein
Dokument dafür, dass nach dem politischen Niedergang der Grünen ihr intellektueller auf dem Fuße folgt. Vollmer liebt Sloterdijks Stil („schön dunkel und raunend"), straft mit
preußischem Rohrstock das ungebildete Deutschfeuilleton („ohne textliche Grundlage"), sinniert über das „historisch Böse an sich" - und verpasst beinahe die Arche Noah zur Flucht aus dem jüdischchristlichen Abendland. Aber dann kommt es. Die „Ritter der Übermoral", klagt sie, versperren ihr den Zutritt in die „sinnlichen Gärten" des nationalen Bildungsguts. Auf Hochdeutsch: Linker Geist („Denk- und Leseverbot") sabotiert die kulturelle Identität aller Deutschen. 

Andere pusten ins selbe Horn. Selbst im Tagesspiegel heißt es deutsch, aber glücklich, das altlinke Alarmsystem der Sloterdijk-Kritiker habe sich stets gegen die .Wiederkehr des
Deutschen in den Deutschen" gerichtet. 

„Das Deutsche in den Deutschen". Das scheint des Pudels Kern beim Streit um ein philosophisches Irrlicht. Wieder einmal deutsche Tiefe gegen flache Kritik? Deutscher Mythos gegen westliche Massenkultur? Aber welche Denker und Dichter müssen aus den „sinnlichen Gärten" des Deutschen befreit werden? Dass Heidegger 1933 ein Nazi war, hat sich auch nach 1989 nicht geändert, was kein Grund ist, ihn nicht zu lesen. Im Übrigen: Hat Anfang der achtziger Jahre nicht genau jenes linksliberale Milieu Sloterdijks Heidegger-Lektüren enthusiastisch gefeiert, dem man heute Zensur zur Last legt? Und seit langem gibt eine Feuilleton-Allianz aus Postmoderne und Neo-konservativismus den Ton an, während sich die Generation Berlin an das Horrorgemälde vom linken Übermoralisten klammert, der mit vorgehaltener Meinungspistole die deutsche Kultur in den Untergrund jagt. 

Es ist nicht zu fassen. Kaum verlangt Sloterdijk den neuen Mythos, rufen die Quartiermacher der Republik nach deutscher Identität. Immunschutz ist ansteckend. Aber hat nicnt der zu
Tode gefeierte Goethe bewiesen, dass ein klassisches Werk ein klassisches Rätsel ist - und „deutscher Geist" kein Singular, sondern Widerstreit und Zweifel, ein Abgrund der Lesarten?
Gerade die herrische Forderung nach kulturellem „Immunschutz" — was für ein Wort — zerstört den „Geist", der von Staats wegen in den Reichstag heimgerufen wird. Armes
Deutschland. Kaum sitzt die Regierung in Berlin, soll Schröder erfüllen, was Kohl nicht gelang: Ruhe überm Diskurs-Stammtisch, Reflexionsstopp und feste Werte. 

Blühender Unsinn ist auch die Forderung nach einer „metaphysischen Neugründung" der Republik, von interessierten Kreisen mit Feingespür für die innere Bedürfnislage der äußeren Nation in die Welt gesetzt. Was soll das sein? Eine Staatsschutzphilosophie mit eingebauter Feinderkennung und geistiger Krisenfederung? Auch wenn der Berliner Weltgeist seine Tropfkerze mit dem Licht der Vernunft verwechselt: Im Auge des Philosophen spiegeln sich Theorien - und nicht der Staat. Die Philosophie gehört dem freien Geist, der sich Traditionen anverwandelt und, anders als Sloterdijk, die Grenze
zwischen Spiritismus und Metaphysik zu ziehen weiß. Allerdings, auch das hat man in diesen Wochen gespürt, eine wissenschaftlich ausgen üchterte Philosophie zahlt für die
Arbeitsteilung mit der Theologie einen hohen, zu hohen Preis. Sie ruft Tiefenschwindler auf den Plan, die das Publikum nicht mit Fragen beunruhigen, sondern mit intellektueller Esoterik an der Nase herumrühren. 

Noch etwas kann man aus dem Streit lernen, der in einem bayerischen Schloss aufstieg, um der Republik die Zunge zu lösen. Die neuheidnischen Pamphlete der Rechtsintellektuellen besitzen einen Erfahrungskern, den zu verkennen niemand sich leisten kann. Aus ihnen spricht die Panik vor der bedeutungslosen Welt, die Furcht, der Medien-Kapitalismus könne einen neuen Banalisierungsschub auslösen, bei dem kein Stein und kein Wort auf dem anderen bleibt. Oder in der Lesart des liberalen Literaturwissenschaftlers George Steiner: Nach 1989 hat der Westen seine Binnenspannung eingebüßt und muss sich nicht mehr über kulturelle Werte rechtfertigen, sondern kann unmaskiert zeigen, was ihn im Innersten zusammenhält: Geld, Macht und Wissen. Doch inzwischen stehen die „Kinder der Freiheit" einer Welt, die fast nur die Börsenkurse als legitime Notierung des Schicksals anerkennen will, mit Skepsis gegenüber. Weil die linke Kulturkritik sanft verdämmert, weil postmoderne Denker die Erfahrung des Lebens gern im Säurebad der Ironie auflösen, kommt Fundamentalkritik von rechts. Und nicht zufällig endet Sloterdijks zweiter Band der Sphären mit Spenglers Klage über die trostlose Freiheit der Stadt-Nomaden. 

Nun liegen die Karten auf dem Tisch. Die Berliner Republik gewinnt an Kontur. Im Schlagschatten von Sloterdijk versammelt sich die Koalition derer, die den „Geist der Bundesrepublik" überwinden wollen. Das ist ihr gutes Recht. Doch damit, so ahnt Patrick Bahners in der FAZ, eröffnen sich Aussichten auf den geistigen Bürgerkrieg. Eine Kulturkritik, mit aggressivem Ressentiment gegen Sozialstaat und „Massenkultur" aufgeladen, ist durchaus geeignet, die demokratische Kultur zu vergiften. 

Die Evolution in eigener Regie

In einem Punkt hat Sloterdijk Recht: über die Normen für gentechnische Eingriffe muss öffentlich debattiert werden/ Von Walther Ch. Zimmerli

Je mehr man es dreht und wendet: Das, was inzwischen der „Sloterdijk-Streit" heißt, entwickelt sich zu einer auf unterschiedlichen Bühnen inszenierten, wundersamen Chamäleon-Affäre. Die Zuschauer reiben sich inzwischen fast täglich erstaunt die Augen über'des Streites neue Kleider. Da war einmal die Empörung über einen — mehr oder minder geheimen — als faschistoid gebrandmarkten Skandaltext zur biologischen Menschenzüchtung, nicht mehr ganz taufrisch allerdings, war er doch schon Jahre zuvor einem kunstsinnigen Basler Publikum vorgetragen worden ohne größeren Eklat. .(Merke: Wenn man dasselbe in Basel oder auf Schloss Elmau sagt, es ist eben nicht dasselbe!) 

Aus der Elmauer Empörung wurde hand-kehrum ein geschichtsphilosophischer Wettstreit in Sachen Nekrologie nach dem Muster: Sagst du meine Kritische Theorie tot, schreibe ich
einen Nachruf auf deinen Postmodernismus. Dass es auch in unserer philosophischen Zunft, aller Rede vom Ende des Humanismus und der Zukunft der Anthro-potechniken zum Trotz, ungezähmt und spürbar menschelt, lässt sich unschwer an dem Gezänk verletzter Eitelkeiten ablesen, das schon bei leichter Fremdeinwirkung unter dem schnell abblätternden Rationalitätsfirnis zum Vorschein kommt. Kaum verwunderlich auch, dass bei diesen Debatten die Gewährsleute Platon, Heine, Nietzsche, Heidegger und — horribile dictu — auch Robespierre mehrfach in teils abenteuerlicher Weise die Seiten und die Farben wechseln. 

Bedauerlich ist allerdings, dass in der Hitze des Gefechts auch schon mal vergessen wird, worüber man sich eigentlich streiten sollte. Statt die im Elmau-Vortragstext - zugegebenermaßen mehr provokant als kompetent - ausgesprochene Botschaft zu diskutieren, hat man sich männiglich darauf geeinigt, lieber über den Boten zu klatschen; statt des gemeinten Sackes schlägt man vorsichtshalber gleich den Esel; es könnte sich ja um einen trojanischen handeln. 

Den philosophischen Beobachter, der von der — zumindest voreiligen —Todesanzeige der Kritischen Theorie unbeirrt an seinem ideologiekritischen Geschäft festhält, wundert das
kaum, hat doch Habermas schon vor fast vierzig Jahren den Strukturwandel der medialen Öffentlichkeit trefflich diagnostiziert. Nicht nur Sloterdijk spielt ftir die Galerie. Und der Streit um Leute befriedigt eben den schlüssellochguckerischen intellektuellen Voyeuris-mus mehr als ein Streit um die Sache. 

Nun aber, da der Kampf bereits in die vierte Runde geht, zeigt das Publikum deutliche
Ermüdungserscheinungen, was den Personality-Teil betrifft. Und langsam beginnen sich die Showdown-müden Leser daran zu erinnern, dass es einmal ein Thema gab. Ernst Tugendhat ist es zu danken, dass wir jetzt über Sloterdijks Thesen in einer konzisen Kurzfassung verfügen (ZEIT Nr. 39/99). Die aber macht klar, dass es sich von Anfang an gar nicht um einen Sloterdijk-Streit handelt. Sloterdijk hat nur in der ihm eigenen Sensibilität für Fragen, die publikumswirksam zu diskutieren an der Zeit ist, auf Probleme hingewiesen, die anderswo längst kompetent verhandelt werden. 

Längst beeinflussen die Menschen ihre Entwicklung 

Lässt man all die Nietzsche-Philologie und Heideggerei beiseite, geht es bei dem von Sloterdijk angesprochenen Problemfeld vordringlich um drei Fragen: 

1. Gilt die „große biologische Rahmenerzählung" von der Evolution nicht nur deskriptiv und als ex-post-Erklärung, sondern auch präskriptiv und prognostisch? Anders: 

Wenn die Evolutionsbiologie uns lehrt, dass jede Spezies sich entweder biologisch weiterentwickelt oder ausstirbt, warum sollte das nicht auch für Homo sapiens sapiens gelten? Und was würde das bedeuten, vorausgesetzt, er stürbe nicht aus? 

2. Bedeutet die uns spätestens seit Herder geläufige These, dass die kulturelle Evolution der Menschen Fortsetzung der natürlichen Evolution sei, auch, dass Homo sapiens sapiens nun seine natürliche Evolution „in die eigene wissenschaftlich-technische Hand" nimmt? 

3. Vorausgesetzt, die beiden ersten Fragen könnten bejaht werden, nach welchen Prinzipien und Normen sollen wir über die von uns selbst vorzunehmenden evolutionären
Veränderungen unserer eigenen Spezies beraten und dann vielleicht auch entscheiden? 

Es bedarf weder "besonderen Scharfsinnes noch spezieller Schulung, um zu bemerken, dass zum einen die beiden Fragen sich nur scheinbar auf objektive, das heißt „bloß"
biologische-evolutionäre Sachverhal-te beziehen und dass zum anderen beide Fragen de facto bejaht werden müssen: Schließlich ist Evolution als wissenschaftliches Konstrukt mindestens auch eine Kulturleistung. Und dass wir unsere Entwicklung bereits jetzt durch Wissenschaft und Technik nachhaltig beeinflusst haben und weiterhin beeinflussen, dürfte auch diesseits der Anwendung gentechnischer Methoden außer Frage stehen. Man denke nur an die Veränderungen der auch biologischen Zukunft von Homo sapiens sapiens durch solch relativ unkontroverse technische Leistungen wie die Erfindung von Brillen, die 
Entwicklung von Antibiotika oder die Produktion von Insulin. 

Aber auch ein Bereich, der gegenwärtig explosionsartig wächst, sollte hier nicht vergessen werden. Der Mensch hat — völlig ohne genetische Anthropotechnik — bereits eine
ungeheure Erweiterung seiner kognitiven Apparatur vorgenommen: Das Internet, verstanden als weltweit dezentral verteilte DAI (Distributed Artificial Intelligence) gehört zu den kulturellen Anthropotechniken, hinter deren schierer Leistung einstweilen alle Golem- und Frankenstein-Fantasien verblassen - von angeblich intelligenteren Mäusen ganz zu schweigen.

Und selbst im engeren biologischen Bereich, den wir hierzulande (aus guten Gründen der Erinnerung an die „beispiellos verdüsterten Jahre" nicht nach, sondern vor 1945) ungern
„Züchtung" nennen, gilt, dass wir Menschen einen Teil unserer Evolution in eigene Regie genommen haben. Nicht die Produktion eines „besseren", „höheren" Menschen meine ich, die in Fachkreisen lakonisch als „Verbesserungstherapie" (enhancement therapy) bezeichnet und weitgehend tabuisiert wird. Sondern schon die genetische Beratung, die heute bereits auf molekularbiologische Diagnosen heterozygot übertragener Erbkrankheiten zurückgreifen kann, verändert, wenn auch indirekt, den Genpool der Spezies. Die Gefahr einer backdoor to eugenics hat Troy Duster hier bereits 1990 gewittert, und man muss zugeben: So ganz zufriedenstellend sind die dagegen vorgebrachten Entkräftungsargumente nicht ausgefallen. 

Wir sehen deutlich, dass Sloterdijk in einer Beziehung Recht hatte (ob er es nun so gemeint hat oder nicht): Die Frage nach Regeln und Normen, mit deren Hilfe wir uns in den
anstehenden Einzelfällen für oder gegen gentechnische Eingriffe entscheiden müssen, wird zur Zentralfrage. Nicht erst in hoffentlich nie eintretender menschenzüchterischer Zukunft,
sondern schon seit Jahrzehnten und jetzt in zunehmendem Maße. Der von Christian Geyer (FAZ 16. September) propagierten Irrmeinung, dass Sloterdijks Rede schon dadurch legitimiert sei, dass bislang die „drängende Aktualität dieses Jahrhundertthemas in einem signifikanten Missverhältnis zu seiner philosophischen Bearbeitung" stehe, könnte leicht abgeholfen werden: Schon ein Blick in die Literatur und auf die vielfältigen Institutionen, die kenntnisreich und mit Erfolg an der biopolitischen Entschei-dungsfindung mitwirken, würde genügen. Man denke an die ersten Ethik-Experten-Hearings beim Bundesforschungsministerium in den frühen achtziger Jahren oder den breiten gesellschaftlichen Diskurs im Umfeld der Gentechnik-Enquete-Kommission. Und so kurz kann unser Gedächtnis gar nicht sein, dass wir uns nicht wenigstens an die im vergangenen und in diesem Jahr vehement geführten öffentlichen Debatten um die „Bioethik-Konvention" erinnerten. 

Indessen — das ist noch nicht alles; es geht Sloterdijk um die Elite. Dass es mit dem Griff in das Züchtungsgruselkabinett doch nicht so ganz ernst war, sieht man daran, dass Sloterdijk
nun unversehens wieder mit einem Konzept aufwartet, das sich „an den Prämissen der liberalen Elitebildung" orientiert (Ta-gesspiegel-\w&vf\ew, 19. September). Der dahinter zu entdeckende Gedanke des Optimierungswettkampfes erweist sich allerdings als eingebauter kulturalistiacher Selbstzerstörungssprengsatz für die zuvor propagierte Menschenzüchtung. 

Nicht in der abwegigen Züchtungsidee liegt also die Bedeutung von Sloterdijks „Menschenpark"-Rede, sondern allein in ihrer geschilderten massenmedialen Funktion. Wie der Subtext zum Menschenpark-Streit wirkte eine in der vergangenen Woche lancierte Meldung, dass es Genforschern aus der Schweiz und den USA gelungen sei, „lebensfähige Tiere als Miniaturen zu kreieren", was etwa für Norbert Lossau in der Welt vom 24. September offenbar hinreichender Anlass für einen Leitartikel zur Beantwortung der bangen Frage war: „Erster Schritt zum Mini-Menschen?" Solange die Gentechnikdebatte mit Publizität dieser Art rechnen muss, hat die Bio- und Genethik ihre Schularbeiten noch nicht zufriedenstellend gemacht.
Es zeigt sich: Die Debatte über die ethischen Regeln für die Anthropotechniken wird zwar kompetent gerührt, aber offenbar nicht in genügend breiter Öffentlichkeit. 

Insofern hat Sloterdijk seine Schuldigkeit getan. Jetzt kann er gehen und an seinem „Sphären"-Projekt weiterarbeiten. Oder sich vielleicht einmal in einem Pflanzenzüchtungslabor darüber informieren, wie schwierig das, was er den schaudernden Zuhörern als Menetekel an die Elmauer Wand geschrieben hat, schon bei Zuckerrüben oder Mais zu realisieren ist — von den Menschen ganz zu schweigen. 


W. Ch.Zimmerli

lehrt Systematische Philosophie in Marburg. Von Oktober an wird er die private Universität in Witten/Herdecke leiten 

 

Siehe auch:
Burkard Kircher:
SLOTO ANTHROPOTECH
& das ZARATHUSTRA-PROJEKT
oder Dolly läßt grüßen


Autor: Assheuer/Zimmerli
Erstellungsdatum 9.02.1998 G*A*B - Datum:                Mail: brain@gabnet.com
Verteiler: HAUPT / MÄNNER / BOYSPOLITIK /JUSTIZ / WIRTSCHAFT/ LITERATUR/ KUNST / BÜCHER / TOURISMUS / PSYCHOLOGIE / PHILOSOPHIE / PHYSIK  / CHRONOLISTE
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