SLOTO ANTHROPOTECH
& das ZARATHUSTRA-PROJEKT
oder Dolly läßt grüßen

Sonderdruck der Philosophischen Kuckuckseier

Eine Anleitung zum ausdrücklichen Falschlesen

verbrochen von
Burkard Kircher  Karlsbader Str. 26  63741 Aschaffenburg
Herbst 1999

Vorneweg

 "Was Sloterdijk oder Nietzsche et alii denken, interessiert unten auf der Straße und oben in den Wipfeln der Konzerne kein Schwein.1

700 Denker gegen Sloterdijk2

Dem Karlsruher Philosophenstar Peter Sloterdijk droht, neben der "Starnberger Fatwa"3, der Verfolgung durch "linksfaschistische Philosophiepaparazzi" und deren "Mudschaheddin", sowie der intellektuellen Zumutung einer "bundesrepublikanischen Erregungsdemokratie"4, einer "expliziten Aufputschungspublizistik"5, einer "jungen Ahnungslosigkeit"6  und eines "Reizwortjournalismus"7, wenn man nicht näher zu bezeichnenden informellen Quellen glauben darf, der Ausschluß aus dem Philosophenpark. Sloterdijk habe sich, "über alle wissenschaftlich und philosophisch legitimierbaren Grenzen" hinweggesetzt, er hat "dem Ansehen der Philosophie geschadet", sagte Jürgen Mittelstraß auf dem 18. Deutschen Kongreß für Philosophie in Konstanz8. Sloto habe, so Mittelstraß weiter, ohne den Namen zu erwähnen, "nebulöse und insinuierende Andeutungen und Halbwahrheiten" verbreitet9. Dieter Thomä geht sogar soweit, dem Karlsruher Großdenker10 vorzuwerfen, "wie ein großes Kind" zu denken11

Wahrscheinlich hat die ganze Angelegenheit nun auch Slotos (nicht gerade geringe) Chancen zunichte gemacht, Präsident der Karlsruher Hochschule für Gestaltung zu werden12.

Sloto sollte, wenn man die Presse der "bundesrepublikanischen Erregungsdemokratie" verfolgt, vom philosophischen Acker sich schon schleunigst machen, zumal "die Frage nach Sloterdijk als Philosoph und sein eigenes Mißverständnis, sich als solcher zu verstehen, ins Abwegige ... führt."13

Auf dem Philosophenkongreß hat sich Sloto dann auch wohlweislich gar nicht sehen lassen. "Wo war Sloterdijk?" fragt sich denn auch die taz14. Sicherlich nicht in Poona beim Bhagwan, von dem Sloto 1980 "erleuchtet zurückkam."15, sondern auf den Titelseiten von SPIEGEL16 und ZEIT17 war er zu finden.

Heute (Ende Oktober 1999) ist freilich festzustellen, daß die ganze "Sloterdijk-Debatte" bzw. der "Sloterdijk-Habermas-Skandal"18, wie er in Frankreich genannt wird, in den bundesrepublikanischen Medien recht leise anscheinend ans Ende schon gelangt ist. Die Feuilletons schweigen und dem Fernsehen ist alles augenblicklich keine Meldung mehr wert19

Was war nun aber tatsächlich geschehen? 

Sloto trug vor

"Ich muß gestehen", schreibt der - gewiß nicht allzu dumme, wenn auch "naturbelassene" - Philosoph Ernst Tugendhat in der ZEIT20 über Slotos Elmauer Rede, "daß ich nicht verstanden habe, worum es diesem Autor überhaupt geht. Was will er eigentlich? Und gibt es irgendetwas in diesem Aufsatz, was wir jetzt besser verstehen würden?"

Das war also geschehen. Sloto hat in Elmau und schon 1997 in Basel eine Rede21 gehalten, die so recht eigentlich niemand verstanden hat22, vielleicht mit Ausnahme von Thomas Assheuer von DER ZEIT, mir von den PHILOSOPHISCHEN KUCKUCKSEIERN und Reinhard Mohr vom SPIEGEL: "Keine Frage, Sloterdijk spricht Klartext in eigener Sache ... Seine jüngste Rede über 'Menschenzucht' trägt Züge faschistischer Rhetorik"23

Der Starnberger "Altdenker"24Jürgen Habermas, den Sloto ordentlich in die Zange zu nehmen versucht25, der Denunziation26 bezichtigt und ihm schließlich auch noch die ganze "Kritische Theorie" vor der Haustüre im Starnberger See ersäuft, war nach der Lektüre des Vortrages nur noch "niedergeschmettert" und gab zu bedenken, daß Sloto das "Interesse an seinen Arbeiten und den Aufwand an Zeit und Mühe, den ich in die Lektüre seines Vortrages investiert habe" überschätzt27.

Habermas, der alte Fuchs, ist also "nicht dabei"28 und läßt - wie Sloto vielleicht richtig vermutet - schreiben. "Auf Habermas ist Verlaß, und das System Habermas sorgt dafür, daß die Rechnung aufgeht. Wenn es Habermas nicht gäbe, müßte Sloterdijk ihn erfinden."29

Besonders muß es Sloto aber geärgert haben, daß Habermas ihn nur mit einem Leserbrief abfertigt und ihn keines schwergewichtigen Artikels in der ZEIT gewürdigt bzw. nicht zum Telefon gegriffen hat, um mit - wie er meint - einem "ebenbürtigen Kollegen"30 mal einen kurzen Diskurs zu führen, zumal sie doch beide schon längere Zeit im gleichen Verlag veröffentlichen würden. 

Von Habermas könnte Sloto denn auch schon noch einiges an "strategischem Handeln" und Umgang mit einer strukturell sich wandelnden Öffentlichkeit lernen. Sloto schäumte, was nicht verwundern wird, im Berliner Tagesspiegel: "Wenn ich an meine völlig naturbelassenen Denunzianten denke, würde ich allerdings wünschen, die Kunst, gebildete und sympathische Menschen hervorzubringen wäre doch schon ein wenig weiter."31

Die taz kann sich den folgenden Kommentar denn auch nicht verkneifen: "Peter slottert weiter ... Alle Achtung, Herr Sloterdijk! Den Wunschtraum, sich einen gebildeteren und sympathischeren Jürgen Habermas mittels Gentechnik heranzuzüchten, hat noch keiner öffentlich geäußert."32

Vielleicht ist aber alles auch ganz anders und Sloto bastelt nur an seinem eigenen Denkmal. "Mit dem jüngst verstorbenen Volksschauspieler Willy Millowitsch hat Peter Sloterdijk gemeinsam, daß er die Verlockung, bereits zu Lebzeiten sein eigenes Denkmal bewundern zu können, nicht als Geschmacksverirrung von sich weist, sondern (und dies unterscheidet ihn freilich vom 'Kölschen Jung', dem allenfalls passives Gewährenlassen vorzuwerfen war, als die Kölner ihm sein Monument auf den Eisenmarkt pflanzten) eigenverantwortlich, sozusagen als Architekt seiner eigenen Hybrid-Skulptur zu Werke geht und die Sache selbst in die Hand nimmt, solange sich das Publikum in dieser Frage noch zögerlich zeigt."33

Es könnte aber auch sein, daß "es keiner hellseherischen Fähigkeiten (bedarf), um zu prophezeien, daß nichts, aber auch gar nichts von den Empörungen, Verdächtigungen und Verleumdungen übrig bleiben wird die ... wellenartig durch die Feuilletons gingen. Eine genaue Lektüre des Vortragsmanuskripts reicht für diese Prognose aus."34
Also: Fakten, Fakten, Fakten!

Hard Facts35

"... ausgerechnet am grellen Ende der nationalhumanistischen Ära, in den so sehr36 verdüsterten Jahren nach 1945, sollte das humanistische Modell noch einmal eine Nachblüte erleben; es handelt sich dabei um eine veranstaltete und reflexhafte Renaissance, die das Muster für alle seitherigen kleinen Reanimationen des Humanismus liefert." (S. 15)

Dumm gelaufen, hätte man doch wissen können, daß "moderne Großgesellschaften ... ihre politische und kulturelle Synthesis nur noch marginal über ... humanistische Medien produzieren." (S.14) Wir leben also, meint Sloto, "posthumanistisch" (ebenda).

Erschrecken sollten wir ob dieser "Tatsache" nicht sonderlich, denn das ganze humanistische Geschwafel kann uns schon gestohlen bleiben, weil der anthropotechnisch zurechtgezüchtete und gezähmte Mensch die Ideale des Humanismus im Superlativ schon verwirklichen könnte, wenn es "der Menschheit oder ihren kulturellen Hauptfraktionen gelingt, zumindest wieder wirkungsvolle Verfahren der Selbstzähmung auf den Weg zu bringen ...Ob ... die langfristige Entwicklung auch zu einer genetischen Reform der Gattungseigenschaften führen wird - ob eine künftige Anthropotechnologie bis zu einer expliziten Merkmalsplanung vordringt; ob die Menschheit gattungsweit eine Umstellung vom Geburtenfatalismus zur optionalen Geburt und zur pränatalen Selektion wird vollziehen können - dies sind Fragen, in denen sich, wie auch immer verschwommen und nicht geheuer, der evolutionäre Horizont vor uns zu lichten beginnt" (S. 46/47) "Aus diesen Fragesätzen haben einzelne Publizisten Präskriptionen gemacht." (N 59/60)

Nun gut, was sollten sie auch machen, wenn es weiter unten mit bezug auf Plato heißt, daß schon dieser "das Programm einer humanistischen Gesellschaft (entwirft), die sich in einem einzigen Voll-Humanisten, dem Herren der königlichen Hirtenkunst, verkörpert. Die Aufgabe dieses Über-Humanisten wäre keine andere als die Eigenschaftsplanung bei einer Elite, die eigens um des Ganzen willen gezüchtet werden muß." (S. 54)

Exkurs: Sloto 1990

Wir hätten Sloto besser lesen sollen! Schon 1990 finden sich Versatzstücke der "philosophisch" aufgemotzten Elmauer Rede im Nachwort des 1550zigsten Bandes der edition suhrkamp:
"Die USA besitzen, wie es scheint, ein unerschöpfliches Reservoir an think-big- Talenten, die im Plauderton über Planetarisches und Menschheitsgeschichtliches reden können, ohne unseriös zu wirken. Ein sympathisches Beispiel bietet Leon Festingers Buch Archäologie des Fortschritts ...,an dessen Ende sich eine Spekulation über die biologischen Perspektiven menschlicher Evolution findet:

'Eine neue Spezies, die von der unseren nicht verschiedener wäre als wir vom Homo sapiens..., könnte, wenn sie über mehr Einbildungskraft, eine effizientere Sprache und ein sie zum raschen logischen Denken befähigendes Nervensystem verfügte, mit den von uns geschaffenen technischen Zivilisationen fraglos sehr viel besser fertigwerden. Die Entwicklung einer solchen Spezies hinge keineswegs von umfassenden Mutationen zahlreicher Strukturgene ab. Wahrscheinlich würden einige scheinbar geringfügige Abänderungen der Aktionsmechanismen der Gene völlig genügen ... Die Frage lautet demnach, ob im Fall solcher Modifikationen genetischen Materials ein natürlicher Ausleseprozeß diese neue Gattung befähigen würde, die Herrschaft anzutreten ... Meine eigene Begrenztheit macht es mir unmöglich, diese Frage auf irgendeine überzeugende Weise zu beantworten. Ich vermag nicht einmal zu erkennen, ob sich derzeit überhaupt irgendwelche Ausleseprozesse in der Menschheit vollziehen und wenn ja, in welche Richtung sie tendieren. Ich hoffe jedoch, daß sie stattfinden. Ich hoffe, daß in fünf- oder zehn- oder zwanzigtausend Jahren eine neu uns an Leistungsfähigkeit überlegene menschliche Spezies existiert.'


Ist das ein neuro-rassistisches Programm? Offenbar nicht, denn wenn auch die 'biologische' Tonart dieser Überlegungen unüberhörbar ist, so handelt es sich doch ebenso offensichtlich um einen universalistischen und generösen Biologismus, der auf eine intelligentere Menschheit im ganzen zielt, nicht auf eine neurobiologische Apartheid oder eine Klassenherrschaft der Intelligenzmutanten über die Altmenschen heutigen Typs. Aber was geschähe in den Übergangsjahrtausenden? Das Schlimmste ist möglich, aber auf jeden Fall nichts Schlimmeres als das, was geschieht, wenn es keine Selektion von intelligenteren und generöseren Menschen gibt."37

Anleitung zum Falschlesen

Und hier sind wir, wenn man nach den Hard Facts weiterliest, ohne uns der äußerst mühsamen und wenig ertragreichen kritischen Analyse von Slotos Heidegger, Nietzsche und Plato38 Lektüre zu unterziehen und der Frage nachzugehen, ob Gentechnik bzw. eine "Anthropotechnik" in der Lage überhaupt wäre, "zähmende" Eingriffe vorzunehmen, angelangt. Auch wir bedienen uns der "schamlosen Strategie der Falschleser." (N 59) 

Sloto ist letztendlich ein ziemlich feiger Hund. Er tastet sich in seinem Vortrag zu der ihn umtreibenden Frage vor, wie in der "posthumanistischen Gesellschaft" ein "Humanismus", wenn auch Sloterdijkscher Prägung, zu verwirklichen sei. Es hilft nichts, seine latente, raunende und schon ans Frivole grenzende Sympathie für Anthropotechniken, die er durch einen "Codex" schon gezähmt wissen möchte, ist evident - nur sagen tut er halt nicht, was er denn letztendlich möchte, läßt den Leser im Nebel stochern und sich immer ein offenes Hintertürchen. Manfred Frank spricht von "Geschweife und Geschwefel"39 und für Bohrer handelt es sich bei Slotos Schriften sowieso nur um "Mythologie"40. Das hätte man aber schon seit 1988 wissen können, denn damals gab Sloto eine explizite Hör- und Leseanleitung: "... denn meine Redeversuche gehören ... zur philosophischen Konversationsprosa oder zur Unterhaltungsmystik"41

Bohrer können wir nicht ganz zustimmen, dennoch: "Nein, Sloterdijks Text hat keine eindeutig 'faschistische' Tendenz. Das liegt schlicht und einfach dran, daß er nicht eindeutig ist. Das Gefährliche an ihm ist genau dies: das Ungefähre."42

Lassen wir uns aber nicht täuschen, Sloto ist zwar ein feiger Hund, doch ist jeder Hund ein "genbehandelter Wolf", wie Sloto den Tagesspiegel wissen ließ, und "der Wolf ..., das wissen wir aus dem Märchen, frißt manchmal Kreide, und im Hund, den man reizt, erwacht ... wieder der Wolf, der die Zähne fletscht" ergänzt der Kommentator in der Frankfurter Rundschau43. Sloto stellt also nicht nur Fragen, die gestellt werden müssen, um einen "öffentlichen Diskurs" anzustoßen, wie er es als verfolgte Unschuld vielleicht glauben machen will. Sloto hat schon recht präzise Vorstellungen von der Beantwortung der Fragen und von den ins Auge zu fassenden Verfahren der Selbstzähmung, die - und da ist der leider nicht öffentlich geäußerte Vorwurf von Habermas, "Deutschlands gealtertem Großintellektuellen"44, gerechtfertigt - "genuin faschistisch"45 sind. Und wenn ein Zitat aus dem Zusammenhang gerissen wurde, wie Sloto behauptet, "trifft dies banalerweise zu - welches Zitat wäre das nicht? Nur: Aus dem Umstand, daß ein Zitat ein Zitat ist, folgt noch lange nicht, daß damit die Charakterisierung des Textes aus dem es entnommen wurde, etwa als 'faschistisch', nicht zutrifft."46

Würde Sloto nur Fragen stellen, dann wäre sein Aufsatz schlicht und einfach trivial, wir könnten den Text als schon recht dämliche "science fiction" lesen47, weil Fragen der Gentechnik schon lange diskutiert werden und das auf einem Niveau, das der Basler/Elmauer Rede eines Sloto ganz bestimmt nicht bedurft hätte. "Sloterdijk hat nur in der ihm eigenen Sensibilität für Fragen, die publikumswirksam zu diskutieren an der Zeit ist, auf Probleme hingewiesen, die anderswo längst kompetent verhandelt werden."48

Was an Slotos Vortrag vielleicht wirklich neu ist, ist die wohlwollend begrüßte (vage) Möglichkeit, einer anthropotechnischen Verabschiedung dessen, was man als die Idee einer kommunikativ hergestellten Zivilgesellschaft einmal hat begreifen können. Sloto ist wirklich auf der Höhe der Zeit, wenn er diesem Prozeß die "philosophische" Legitimation nachzuschieben versucht. Er hat begriffen, daß die von ihm betriebene "High-Tech-Philosophie" eine Hilfswissenschaft nur noch ist, die den Naturwissenschaften die Begründungen für ihr praktisches Tun unentgeltlich hinterherwirft, weil man sowieso endlich begreifen wird müssen, "daß Menschen seit jeher 'gemacht' werden"49

Doch selbst wenn wir die - zugegebenermaßen - recht unwahrscheinliche Voraussetzung akzeptieren könnten, daß "Moral-gene" sich isolieren ließen, die einer Manipulation zudem auch noch zugänglich wären, wer würde dann die Vorgaben zu deren "zähmend-humanen" Veränderung definieren, wer würde die anthropotechnisch zu implantierende Sate-Of-The-Art-Moral50 formulieren, wer erhielte die "Züchtungs- und Selektionslegitimation": Die Philosophen? Die Kirchen? Die Gentechniker selbst? Die Gesellschaft mittels Volksabstimmung? Die Parlamente? Gewählte Regierungen? Ein Gremium von Nobelpreisträgern? Die Eltern? Ein einzelner "Übermensch"?51 Jemand, der die Weisheit schon seit der Kindheit mit Löffeln gefressen hat? 

Zumindest Sloto "schwebt eine demokratiefreie Arbeitsgemeinschaft aus echten Philosophen und einschlägigen Gentechnikern vor, die nicht länger moralische Fragen erörtern, sondern praktische Maßnahmen ergreifen."52 Dem stimmt Sloto, man beachte die Wortwahl, implizit - oder ist das schon explizit? - zu, wenn er dem Focus diktiert, daß "irgendwann im kommenden Jahrzehnt eine Art von allgemeinem anthropotechnischem Konzil vonnöten (sein wird), oder sagen wir besser eine Einberufung der Generalstände der Humanwissenschaften, die den Weltdialog über sinnvolle Limitierungen der Humanbiotechnik führen und Vorbereitungen treffen für die Formulierung eines Codex."53

Weil Sloto in seinem Vortrag nur "Atmosphäre" schafft, einen "Metaphernschleier"54 über das von ihm Gemeinte legt, sein Thema merkwürdig in der Schwebe zu lassen versucht, die ihn umtreibenden Fragen nicht "philosophisch" auf den Punkt bringt und eher das Design55 für zukünftig legitime Diskurse zu schaffen sich anschickt, sich schriftstellerisch-gestaltend und nicht eigentlich philosophisch betätigt, sollte man die Rede vielleicht zu der Sorte literarischer Sonntagsreden zählen, die Kühnheit heute scheinbar nicht mehr erfordern. 

Wahrscheinlich können wir glücklich uns sogar schätzen, daß vermutlich nicht mehr als 5000 an der Sloto-Debatte teilnehmen, wie der Herausgeber einer angesehenen Monatszeitschrift kürzlich vermutete56, die öffentliche Zustimmung für Slotos krude "Thesen" könnte gewaltig sein. Wer möchte nicht dem Geburtenfatalismus entgehen, nicht so klug wie Sloto, so intelligent wie Einstein57, so hübsch wie Claudia Schiffer, so erfolgreich wie Schumi, so stark wie Tarzan, so gütig wie Mutter Theresa und so friedfertig wie der Dalai Lama und Mahatma Ghandi zusammen sein? Das war blöd, zugegeben, doch gibt es nicht schon die Eizellen von Supermodels und die Spermien von Nobelpreisträgern auf dem freien Markt zu erwerben? 

Nun gut, vielleicht sollten wir "das Gerücht, es ginge hier um Philosophie, ... verscheuchen. Die Behauptung, die wochenlang die Edlen umtrieb, nämlich Sloterdijk entwickle ein faschistisches Konzept, ist diesbezüglich belanglos, denn ein Faschist kann sehr wohl ein Philosoph sein. Sloterdijk ist keines von beiden."58

Lassen wir das unergiebige Gestochere, denn "... die Wiedergeburt der Menschheit aus dem Geiste des Reagenzglases ... im Bündnis zwischen geistiger Elite und Biotechnologie (ist) eine Horrorvision, gegen die jeder beliebige Zynismus des Zeitgeists sich noch wie ein Ausweis von Aufklärung und Menschenfreundlichkeit ausnimmt."59

War da nicht noch was?

Sloto hat sich nun allerdings nicht nur darauf beschränkt, "philosophischen" Unfug in Basel und Elmau zu verbreiten, er will, aus verständlichem Ärger über seinen Starnberger Denunzianten, dann auch noch die philosophische Denkschule, die wie keine andere an der "intellektuellen Gründung"60 der Bundesrepublik mitgewirkt hat, zu den Akten legen. Deren Erbe Jürgen Habermas61 möchte er auf das verdiente Altenteil schicken, die FAZ spricht sogar mutig vom "Mord der Großen Mutter"62. "Der Jürgen ist tot. Es lebe der Peter."63

Sloto hätte besser geschwiegen und an der Weiterentwicklung (auch in Karlsruhe wirksamer) Selbstzähmungstechnologien gearbeitet. Das Starnberger "Seebeben" wird auch Karlsruhe erreichen, denn es wird gemunkelt, daß Karlsruhe sein Projekt weiter hartnäckig betreibe und der Starnberger See nicht zur Ruhe kommen will.64
In Lettern, die BILD wohl kaum größer hätte wählen können, "wenn Gott verhüt's, Freddy Quinn und Lothar Matthäus Arm in Arm gleichzeitig gestorben wären"65, meint Sloto in der ZEIT kundtun zu müssen:

Die Kritische Theorie ist tot66

Daß Sloto im Nebenerwerb ein Bestattungsinstitut (Menschenpark GmbH) in Karlsruhe betreibt, sollte uns nicht weiter verwundern. Auch Sloto muß, weil er mit seinen Büchern sowenig Geld verdient67, daß er sich noch nicht einmal seinen Rotwein mehr leisten kann68, einen Zweitjob haben. Vielleicht sollte er aber auch nur den Verlag wechseln, denn zu vermuten steht, daß Habermas bei Suhrkamp schon recht ordentlich intrigiert und den Sloto bei Unseld  angeschwärzt hat.

Nun gut, Gedanken sollten wir uns allerdings darüber machen, daß Slotos Betrieb auch Lebende schon unter die Erde bringen möchte und dies in Todesanzeigen öffentlich auch noch kund tut. Glücklicherweise hat Slotos Menschenpark GmbH noch nicht die Marktposition sich geschaffen, die ihr realistische Chancen eröffnen würde, ihr Vorhaben in die Tat auch umzusetzen. Zwar tourte Sloto unermüdlich durch alle Fernsehkanäle69 und Zeitungsspalten, was den Verdacht aufkommen läßt, daß er an der Erweiterung seiner Einflußsphäre und der Auflagensteigerung seiner Werke arbeitet.

Nun denn: "Die Kritische Theorie ist an diesem 2. September gestorben. Sie war seit längerem bettlägerig, die mürrische alte Dame, jetzt ist sie ganz dahingegangen."70 Leider hat sich die bedauerliche Tatsache noch nicht so recht herumgesprochen, "noch hat sich die Trauergesellschaft nicht versammelt. Über die Todesursache darf spekuliert werden."71

Sloto hat sich mit seinem Nachruf schon einiges an schriftstellerischer Mühe gemacht; es muß ihn saumäßig geärgert haben, daß Habermas, der eigentliche Adressat der Todesmeldung, auf die eigentlichen Sehnsüchte Slotos in seinem Leserbrief mit keinem Wort einging. Für Habermas verkörpert Sloto vielleicht "wirklich etwas Neues auf dem Markt der Berliner Republik. Vielleicht befriedigt die Mentalität eines 1947 Geborenen, der 1999 von sich behauptet, er könne sich seine Vergangenheit frei aussuchen, eine echte Nachfrage nach Schnittmustern für eine neue Generation."72 Und so einem, möchte ich hinzufügen, auch noch die Ehre zu erweisen, mit ihm in einen theoretischen Diskurs einzutreten, wäre von Habermas schon ein bißchen viel verlangt. 

Weil ich jetzt keine Lust mehr habe, nicht mehr mag, das neue Buch vom Habermas mir reinziehen möchte und sowieso "angenommen werden darf ..., daß von den Bürgern des Landes neunundsiebzigmillionenneunhundertfünfzigtausend mit jener Kritischen Theorie nichts und darum mit dem Streit von S. und H. noch weniger als nichts ... zu schaffen haben,"73 ist jetzt Schluß.
 

 Stand 4. November 1999
 
[1] Ulrich Greiner, O Sophie. Peter Sloterdijk und die Elite, DIE ZEIT, 9.9.1999
[2] So die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG, 6.10.1999
[3] Interview in Profil, zit. nach DER SPIEGEL, 38/1999
[4] So Sloto in Lech auf einer Pressekonferenz, vgl. FRANKFURTER RUNDSCHAU, 21.9.1999
[5] Peter Sloterdijk, Regeln für den Menschenpark, Ffm 1999, Nachwort S.57
[6] zit. nach Harry Nutt, Der Denker auf der Bühne. Peter Sloterdijk erklärt die Kiritische Theorie für beendet, FRANKFURTER RUNDSCHAU, 9.9.1999
[7] P. Sloterdijk, Menschenpark ..., a.a.O, Nachwort S. 58
[8] SÜDDEUTSCHE ZEITUNG, 6.10.1999
[9] FRANKFURTER RUNDSCHAU, 11.10.1999
[10] Da fällt mir ein, daß schon Heidegger für sich reklamiert hat: "Wer groß denkt, muß auch groß irren."
[11] Dieter Thomä, Geister und Gene, DIE WOCHE, 17.9.1999
[12] Vgl. DER SPIEGEL, 42/1999. Eigentlich schon recht merkwürdig (oder doch nicht?), daß ausgerechnet Sloto an einer Hochschule für "Gestaltung" lehrt! 
[13] Karl Heinz Bohrer, Mythologie, nicht Philosophie. Das Phänomen Sloterdijk, in, Merkur 11/1999, S. 1116
[14] Martin Ebner, taz, 9.10.1999
[15] Johannes Saltzwedel, Harlekins Griff nach der Macht, DER SPIEGEL, 39/1999
[16] DER SPIEGEL, 39/1999, Gen-Projekt Über­mensch. Hitler, Nietzsche, Dolly und der neue Philosophenstreit
[17] DIE ZEIT, 30.9.1999, Thomas Assheuer, Was ist deutsch? Sloterdijk und die Grundlagen der Republik. DIE ZEIT, 7.10.1999, Roger De Weck, Der Kulturkampf. Günter Grass, Jürgen Habermas - und ihre Widersacher
[18] Vgl. Peter Sloterdijk, Regeln ..., a.a.O., Nachwort S. 59
[19] Vgl. im Anhang den Times mager "Debattenstau" aus der FRANKFURTER RUNDSCHAU vom 2.11.1999
[20] Ernst Tugendhat, Es gibt keine Gene für die Moral, DIE ZEIT, 23.9.1999
[21] "Regeln für den Menschenpark. Ein Antwortschreiben zum Brief über den Humanismus." Die Rede hängt als Suhrkamp Pressemitteilung irgendwo hinten dran und ist inzwischen auch in der edition suhrkamp als Taschenbuch
erschienen.
[22] DER SPIEGEL, 39/1999, "Träumt er jetzt von Lara Croft oder Superman aus der Retorte?"
[23] DER SPIEGEL, 36/1999
[24] Vgl. DER SPIEGEL, 42/1999
[25] Bspw. in einem Interview: "Es ist eine Tatsache, daß Habermas meinen Text unter urheberrechtlich problematischen Bedingungen vervielfältigt und verschickt hat. Es gibt Kopien seiner Begleitschreiben an die Empfänger, in denen er diesen nahe legt, sich seinen Fehlurteilen anzuschließen." FOCUS, 38/1999
[26] Sloterdijk zu Habermas: "Über Wochen hin, scheint es, haben Sie im Groben gepoltert und im Feinen agitiert ... Sie haben Teilnehmer der Elmauer Tagung mit latent erpresserischen Vorwürfen überschüttet ... Sie haben bei Mitarbeitern der ZEIT sowie bei einem Autor des SPIEGELS Alarmartikel in Auftrag gegeben, bei denen Ihr Name nicht fallen sollte." DIE ZEIT, 9.9.1999
[27] Jürgen Habermas, Post vom bösen Geist, DIE ZEIT, 16.9.1999 (Leserbrief)
[28] Fritz Göttler, Philosophie II, SÜD­DEUTSCHE ZEITUNG, 17.9.1999
[29] Heinz D. Kittsteiner, Zarathustra goes Berlin. Sloterdijk und die Misere intellektueller Debatten, FRANKFURTER RUNDSCHAU, 28.10.1999
[30] Sloto in einem Interview in 3sat
[31] zit. nach DER SIEGEL 39/1999. "die Kunst ...", da merkt man, daß Sloto nur an einer Hochschule für Gestaltung lehrt
[32] taz, 20.9.1999
[33] Klaus Kreimeier, Hyper Geburt, FRANK­FURTER RUNDSCHAU, 25.9.1999
[34] Manfred Schneider, Hirt ohne Schaf, FRANK­FURTER RUNDSCHAU, 15.9.1999
[35] Die Rede wird nach der bei Suhrkamp erschienenen Buchausgabe (Sonderdruck edition suhrkamp) zitiert, Seitenzahlen beziehen sich hier­auf. N=Nachwort
[36] Im Manuskript steht " ... in den beispiellos ...". Und dieser Satz hat eigentlich erst auf den ganzen Vortrag erst aufmerksam gemacht, nachdem die FRANK­FURTER RUNDSCHAU und die SÜD­DEUTSCHE ZEITUNG berichteten,
daß Saul Friedländer diese Aussage schon recht merkwürdig fand. Diese Artikel habe ich leider weggeworfen und Internet habe ich noch nicht!
[37] Peter Sloterdijk, Nachwort. Etwas von sich haben, in: ders. Hr, Vor der Jahrtausendwende.: Berichte zur Lage der Zukunft, Ffm 1990, S. 727f. Fett bk
[38] Die wir zugegebenermaßen auch gar nicht leisten könnten
[39] Manfred Frank, DIE ZEIT, 23.9.1999
[40] Karl Heinz Bohrer, Mythologie ..., a.a.O.
[41] Peter Sloterdijk, Zur Welt kommen - Zur Sprache kommen, Frankfurter Vorlesungen, Ffm 1988, S. 9
[42] Dieter Thomä, Geister und ..., a.a.O.
[43] FRANKFURTER RUNDSCHAU, 20.9.1999
[44] DER SPIEGEL, 1/1999
[45] Vgl. Brief von Jürgen Habermas an Thomas Assheuer von der ZEIT, den man im Ausriß in der Berliner Ausgabe der FAZ lesen konnte.
[46] Micha Brumlik, Der Rächer der Enterbten, FRANKFURTER RUNDSCHAU, 18.9.1999
[47] Vielleicht wollte Sloto das sogar, denn er ist nicht nur Philosoph, sondern auch Schriftsteller. Vgl. Sabine Leucht, Die Mauern des Denkens, taz, 21.9.1999
[48] Walther Ch. Zimmerli, Die Evolution in eigener Regie, DIE ZEIT, 30.9.1999
[49] Sloto im FOCUS, 38/1999
[50] Vielleicht sollte man ganz einfach die 10 Gebote Gen-kompatibel machen!
[51] Spielen wir doch mal die Horrorvision eines im Besitze der Gentechnik sich befindenden Diktators durch! Hitler, Stalin, Mao, Pol Pot, Pinochet etc.
[52] Thomas Assheuer, Das Zarathustra-Pojekt, DIE ZEIT, 2.9.1999
[53] Sloto, FOCUS, 38/1999
[54] Günter Figal, Metaphernschleier. Erziehung ist keine Technik: Zur Debatte um Sloterdijk, FAZ, 29.9.1999
[55] Was er als Professor an einer Hochschule für Gestaltung ja auch können muß!
[56] Vgl. FAZ, 6.10.1999
[57] Wir sollten uns mit der Aussage eines Biochemikers trösten, "ein klonierter Albert Einstein werde wohl eher einen schlechten Violinspieler als einen Fortführer der Relativitätstheorie abgeben." vgl. Heinz D. Kittsteiner, Zarathustra goes..., a.a.O. 
[58] Karl Heinz Bohrer, Mythologie ..., a.a.O. S. 1121
[59] Reinhard Mohr, Züchter des Übermenschen, DER SPIEGEL, 36/1999
[60] Vgl. Clemens Albrecht u.a., Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik. Eine Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule, Ffm/New York 1999
[61] Wobei ich mir der Tatsache äußerst bewußt bin, daß Habermas nicht umstandslos der Kiritischen Theorie zugeschlagen werden kann!
[62] Christian Geyer, Mord der Großen Mutter. Peter Sloterdijk gibt Jürgen Habermas den Abschied, FAZ, 10.9.1999
[63] Dieter Thomä, Geister ..., a.a.O.
[64] Vgl. FAZ, 18.9.1999, Seebeben
[65] Peter Iden, Todesanzeige, FRANKFURTER RUNDSCHAU, 10.9.1999
[66] Vgl. Peter Sloterdijks offene Briefe an Thomas Assheuer und Jürgen Habermas in DIE ZEIT, 9.9.1999
[67] Sloterdijk sollte es mal mit anderen Buchtiteln versuchen! Wer kauft schon "Sphären", "Globen" und "Blasen"? Ich könnte mir allenfalls vorstellen, diese Schwarten zu klauen! Aber nicht beim Diekmann.
[68] Vgl. Christian Geyer, FAZ, 8.10.1999
[69] Sogar einen Auftritt in den Tagesthemen soll er schon gehabt haben! Vgl. Thomas Assheuer, Was ist deutsch? Sloterdijk und die geistigen Grundlagen der Republik, DIE ZEIT, 30.9.1999 
[70] Vgl. Peter Sloterdijks, Die Kritische Theorie ist tot, DIE ZEIT, 9.9.1999
[71] Harry Nutt, Der Denker auf ..., a.a.O.
[72] Jürgen Habermas, Post vom ..., a.a.O.
[73] Peter Iden, Todesanzeige, a.a.O.
 

 


Autor: Burkard Kircher 
Erstellungsdatum 04.11.1999 G*A*B - Datum: 20.04.00              Mail: Burkard Kirchner
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