Burkard Kircher
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Minima Zoologica

Theodor W. Adorno an Bernhard Grzimek im April 1965 (siehe FAZ vom 9.3.2001): "Wäre es nicht schön, wenn der Frankfurter Zoo ein Wombat-Pärchen erwerben könnte? Ich kann mich an diese freundlichen und rundlichen Tiere mit viel Identifikation aus meiner Kindheit erinnern und wäre sehr froh, wenn ich sie wiedersehen dürfte ... Dann darf ich auch an die Existenz des Babirusa, oder, wie er wohl auf deutsch heißt, des Hirschebers erinnern, der ebenfalls zu den Vertrauten meiner Kindheit gehört; ein liebenswürdig bizarrer kleiner Dickhäuter. Er wird doch nicht, auf den Malayischen Inseln ausgestorben sein? Und schließlich, wie steht es mit den Zwergnilpferden, die es einmal in Berlin gab? Aber ich will Sie nicht mit gar zu vielen Fragen dieser Art belästigen."

Daß der Adorno ein recht ordentlich sentimentaler Mensch schon war, konnte man sich eigentlich schon immer denken. Wer Hirscheber zu den "Vertrauten" seiner Kindheit zählt, mit Wombats "Identifikationen" aus der Kindheit sich erinnert und Zwergnilpferde in den Frankfurter Zoo sich wünscht, der muß nach Blochscher "Heimat", die als uneinlösbares Versprechen uns allen in die Kindheit schien, schon sehnen.

Zugleich führt uns die tierische Auswahl Adornos vor Augen, daß schon als kleiner Mensch er dem der Gesellschaft geschuldeten common sense doch nicht so ganz über den Weg traute, ausgerechnet den "bizarren" Hirscheber, der doch nun wirklich potthäßlich ist, zum Vertrauten sich auswählte! 

Im Rückgriff auf seine Kindheitserinnerungen scheut Adorno sich nicht, Grzimek den Erwerb seiner Lieblinge nahezulegen und auch sie bestenfalls der Konsequenz der Geschichte anheim zu geben, obwohl angenommen werden darf, daß auch die Tiger im Frankfurter Zoo ihn zu folgender Textstelle inspirierten:

"Der Tiger, der endlos in seinem Käfig auf und ab schreitet, spiegelt negativ durch sein Irrsein etwas von Humanität zurück, nicht aber der hinter dem unüberwindbaren Graben sich tummelnde. Die alterümliche Schönheit von Brehms Tierleben rührt daher, daß es alle Tiere so beschreibt, wie sie durch die Gitter der zoologischen Gärten sich darstellen, auch und gerade wenn phantasievolle Forscher mit Berichten über das Leben in der Wildnis zitiert werden. Daß aber zugleich das Tier im Käfig wirklich mehr leidet als in der Freianlage, daß also Hagenbeck tatsächlich einen Fortschritt an Humanität darstellt, besagt etwas über die Unausweichlichkeit des Gefängnisses. Sie ist eine Konsequenz der Geschichte." (Minima Moralia)

Daran ändert auch nichts, daß die Frankfurter inzwischen einen "Tigerpalast" ihr eigen nennen. Sei's drum! Auch Hirscheber, Wombat und Zwergnilpferd können halt kein richtiges Leben im falschen führen. Das sollte mit Schadenfreude uns aber keinesfalls erfüllen, denn letztendlich geht es um das Ganze, auf dessen Unwahrheit von Adorno auch schon irgendwo hingewiesen wurde. 

 Mit freundlichen Grüßen                        Aschaffenburg, 31. August 2001
 



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Autor: Burkard Kircher 
Erstellungsdatum 00.00.0000 G*A*B - Datum: 31.08.01              Mail: Burkard Kircher
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