Institut für Geschlechter- 
und Generationenforschung - IGG
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 19. Januar 2001

Offener Brief an die Bundesministerin Frau Dr. Bergmann zu der landesweiten Plakat- kampagne "Mehr Respekt vor Kindern"

Ihre Kampagne Mehr Respekt vor Kindern kann nur begrüßt werden, denn sie kehrt zu den Traditionen zurück, die das Kindswohl nicht nur durch Gewalt bedroht sehen, sondern gerade auch durch elterliches Handeln, das als pädagogisch sinnvoll missverstanden wird. Dieser Neubesinnung kommt eine herausragende Bedeutung zu, denn sie kündigt den Abschied von mehr als zwei Jahrzehnten einseitiger Fixierung auf Gewalttätigkeit als mehr oder weniger einziger Quelle kindlicher Schädigungen an. Einer Schädigung, die fast ausschließlich als schicksalhafter Bestandteil im Leben von Mädchen vorgestellt wurde. Ihre Plakataktion Mehr Respekt vor Kindern hat deshalb meine ungeteilte kritische Unterstützung. Deshalb möchte ich Sie auf einige Aspekte auf den Plakaten und Texten hinweisen, die ich äußerst problematisch finde und die Ihren guten Absichten schroff entgegenstehen.

Ich teile Ihnen meine kritischen Ansichten in einem Offenen Brief mit, weil es einen unverkennbaren Fortschritt in der Diskussion von Geschlechterpolitik bedeuten würde, wenn über verzerrt wahrgenommenen Geschlechter­beziehungen öffentlich diskutiert werden könnte und nicht nur Etiketten wie in der Vergangenheit verteilt werden. Am Ende muss jeder für sich selber entscheiden, ob und was Ihre Aufklärungs­kampagne zur wünschenswerten Veränderung in den Beziehungen der Geschlechter beigetragen hat. Denn Ihre Kampagne handelt von den prekären Beziehungen zwischen den Geschlechtern und zwischen den Generationen.

Ihre gute Absicht teile ich, obwohl ich anfänglich mehr als nur irritiert Ihre Plakate betrachtete, an denen mich auf Anhieb etwas störte, das ich allerdings nicht sofort benennen konnte. Es war ein diffuses Gefühl. Und weil ich mir vorstellen kann, dass es anderen Betrachtern und Betrachterinnen der Plakate ebenso ergangen ist, will ich sie an dem Vorgang meiner Selbstverständigung teilhaben lassen. Mir scheint das der Erfolg versprechendste Weg zu sein, um herauszufinden, was für Kinder gut ist und was nicht. Mehr Respekt vor Kindern wird sich nur einstellen können, wenn sich die Eltern­generationen im Dialog darüber verständigen, was die Kriterien einfühlsamen Verstehens eigentlich sind. Denn nur wenn Ihre Kampagne Empathie fördert, wird es zu mehr Respekt vor Kindern kommen. So hat zwar die Skandalisierung so manchen Verhaltens gegenüber Kindern in den vergangenen 20 Jahren öffentliche Empörung ausgelöst, aber es bleibt äußerst zweifelhaft, ob das zugleich das Einfühlungs­vermögen in kindliches Leid gefördert hat.

Im wesentlichen geht es mir um die Plakate Ihrer Kampagne, die überall auf Stellwänden im Land zu sehen sind und die Menschen zum Nachdenken anregen sollen. Die Plakate zeigen Kinder, die von Verletzungen gezeichnet sind. Ebenso sollen sie die kindliche Verletzbarkeit symbolisieren. Das Bild des Jungen trägt die Angst einflößende Unterschrift Wer Schläge einsteckt, wird Schläge austeilen. Der Titel des Plakats mit dem Mädchen trägt hingegen den leicht resignativen Titel Man muss ein Kind nicht schlagen, um es zu verletzen.

Mein erster beunruhigender Eindruck vom Plakat mit dem Jungen war: Hier werden Jungen von etwas Wesentlichem ausgeschlossen. Nur wo von? Und ich begann mich an die 70er Jahre zu erinnern, als im Frankfurter Weiberrat kleine Jungen vor die Tür gewiesen wurden, weil ihnen "vorgeworfen" wurde, einen Penis zu haben. Dieser galt nicht nur als universelles Symbol von Gewalt und Unrecht, was eh eine recht verrückte Biologisierung sozialer und psychischer Tatsachen ist, nein, er wurde allen Ernstes zum Konkretum allen Übels erklärt. So wurde eine anatomisch verkürzte Männlichkeit zum unaufhebbaren Makel von kindlicher wie erwachsener Männlichkeit. Egal ob reich oder arm, ob machtvoll oder machtlos, ob sensibel oder grob, ob Demokrat oder Faschist, ob im Widerstand oder bei der SS, ob Akademiker oder Grundschüler, - es gab keinen Ausweg, denn alle wurden allein über den "Kamm" der männlichen Genitalanatomie geschoren.

Vor allem die jüngeren Zeitgenossen werden zu diesen Episoden der ausgehenden Studentenbewegung kein unmittelbares Verhältnis mehr haben. Aber es gibt die abwertende Genital­zugehörigkeit auch heute noch in manchen Häusern für geschlagene Frauen, wo Jungen ab einem gewissen Alter von ihren Müttern getrennt werden, weil sie das fragwürdige Geschlecht nun einmal haben. Und wo immer die Beziehungen zwischen Menschen auf Biologie reduziert werden, kommt es zu leidvollen und diskriminierenden Ausschließungen. Und das ist das Erschreckende an dem Plakat mit dem Jungen, dass genau diese biologisierende Ausgrenzung dort aufscheint. Das ist einer der Gründe, warum ich in Ihren Plakaten die Ideologie der letzten 30 Jahre von der polarisierten Welt von bitterbösen Buben und zuckersüßen Mädchen immer noch am Werke sehe. Sie behaupten zwar nicht wie andere, dass alle Männer potentielle Vergewaltiger seien, aber auch Ihre eher feinsinnige Darstellung zeichnet eine gespaltene Welt. Und Sie tun den Jungen (wie Mädchen gleichermaßen) damit unrecht, denn dadurch werden sie wenig respektvoll unter die Klischees der alten Generation von einer Welt von guter Weiblichkeit und böser Männlichkeit gezwungen.

Diese Crux Ihrer Kampagne will ich genauer beschreiben, denn nur wer sie versteht, wird den Weg zu mehr Respekt vor und der Empathie für Kinder beschreiten können.

So heißt es auf dem Plakat mit dem Jungen: Wer Schläge einsteckt, wird Schläge austeilen!. Ein Junge ist zu sehen, der sich trotzig-verbissen mit beiden Hände nach hinten abstützt. Sein Gesicht zeigt eine Mischung aus depressiv gegen sich selber gewendeter Aggressivität und hoffnungs­voller Bockigkeit. Die schmal gehaltenen Lippen und hochgezogenen Schultern zeigen Zurück­gezogenheit. Er scheint auf die Zeit der Befreiung zu harren. Bildhaft wird er so dargestellt, als würde er mit verbissener Gewissheit und zäher Ausdauer darauf warten, dass seine Zeit kommt. Die Zeit seiner Rache! So enthält die Ästhetik des Bildes bereits ein diskriminierendes Geschlechterbild. In einer Diskussion meinte eine Studentin, der Junge sei wie die nächste Generation von Männern hinter Gittern gezeichnet. Deshalb wird es auch nicht genügen, nur den Text unter dem Bild zu verändern. An der ästhetischen Diskriminierung würde sich damit nichts ändern.

Wohlgemerkt, Sie plädieren für Mehr Respekt vor Kindern! Nur frage ich mich, ob der Titel: Wer Schläge einsteckt, wird Schläge austeilen! wirklich diesem hehren Ziel gerecht wird? Ich hege da grundsätzliche Zweifel! Denn wo bleibt auf diesem Plakat die Einfühlung für den Jungen, der geschlagen wird? Wo bleibt die Empathie für seine seelische Zerrissenheit und sein heimatloses Leid über seine Mutter oder seinen Vater, die er liebt. Von denen einer ihn schlägt und der andere untätig daneben steht und die ihn so beide zeitweise der Verstoßung preisgeben?

Ist Ihr Plakat nicht die entgegen­gesetzte Seite der Einfühlungs­fähigkeit? Besteht die Quintessenz Ihres Plakats nicht gerade darin, dass Jungen nur deshalb ein Anrecht haben, nicht geschlagen zu werden, weil sie zurück­schlagen und weil sie nach Ihrer Ansicht automatisch zur nächsten Generation von Schlägern werden? Ist diese Logik nicht selber Ausdruck einer Respektlosigkeit, auf die Sie mit Ihrer Kampagne aufmerksam machen möchten, damit es gelingt sie eines Tages zu überwinden? Ist das, was ich hier verzeichne, nicht nur ein schreckliches, sondern geradezu ein sadistisches Beispiel für jene mangelnde Empathie, die das Leid von geschlagenen Jungen als unerheblich verwirft? Sie bringen unumwunden zum Ausdruck, dass Sie sich nicht für die Seelen der Jungen in der Gegenwart interessieren, sondern nur dafür, wie geschlagene Jungen zu gefährlichen Männern der zukünftigen Generation werden könnten. Nur, wie wollen Sie weniger Gewalt in der Erziehung erreichen, wenn bereits Ihr sinnvoller Versuch, humanere Verhältnisse zu schaffen, sich jenes Mittels bedient, das sie auf dem Plakat mit dem Mädchen bekämpfen? Dort heißt es nämlich sehr treffend und charakteristisch für den von Ihnen wieder erweiterten Begriff des Schädlichen für Kinder: Man muss Kinder nicht schlagen, um sie zu verletzen!

Sie schlagen in Ihrer Aktion die Jungen nicht, aber Sie verletzen sie zutiefst, indem Sie ihr Leiden an ihren schlagenden Müttern und Vätern wie ein Naturereignis unerörtert vorbeiziehen lassen. Und die zu Ende gedachte Logik des Plakats gipfelt dann darin, dass Jungen eigentlich geschlagen werden dürften, wenn nicht die Gefahr damit verbunden wäre, dass sie als Männer weitergeben würden, was ihnen angetan wurde. Sie sagen das nicht, aber es liegt der vorbeugenden Logik gegen bitterböse Buben zynisch zu Grunde. Das Plakat mit dem Jungen: Wer Schläge bezieht, wird Schläge verteilen bildet als das unausgesprochene Respektlose den harten Kern Ihres Rufs nach mehr Respekt! Das ist ein unaufhebbarer Widerspruch und deshalb eine Sackgasse für Ihre Kampagne! In der Änderung des § 1631 Abs.2 BGB heißt es: Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafung, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig. Ihre Plakate sind unzulässig, weil sie seelisch verletzen und weil sie Jungen entwürdigen.

Aber es gibt da noch einen anderen Aspekt, der seltsame Mutmaßungen über die vergangenen 150 Jahre moderner Geschlechterbeziehungen in sich birgt. Auf der Hand liegt, wie ich bereits andeutete, dass Ihr Bild von den Jungen auch Vorstellungen über Männer im allgemeinen enthält. Weil Sie sich nicht für die Seelenwelt der Jungen interessieren, sondern lediglich dafür, ob sie später gesellschaftlich auffallen oder nicht, stößt man bei Ihnen auf die Vorstellung, dass Männer funktionieren müssen, egal wie alt sie sind. Wenn sie nicht funktionieren, dann kann "man" mit ihnen nichts oder nur wenig anfangen. Diese Logik, die Männer als "Seinsgrund" gut kennen und als ihren Lebenssinn bislang anerkannt haben, wendet Ihr Plakat offensiv bereits auf die Jungen an. Wenn sie nicht funktionieren, dann muss man etwas ändern, damit sie wieder funktionieren. Also schlagt sie nicht, denn das stört ihre Funktionalität. Sie unterwerfen die Jungen damit einem Verständnis von funktionierender Männlichkeit, welche die beschützende Eigenart der Jugendphase, wie wir sie kennen, in Frage stellt. Zwar wird heute niemand mehr laut sagen: Eine Junge weint nicht! Aber worauf läuft es sonst hinaus, wenn Ihre Kampagne genau den Sinn dieses alten Spruchs zur zukünftigen Maxime von Respekt gegenüber Jungen erhebt?

Auf einen weiteren Aspekt dieser gedeichselten Modernitäts­vorstellung möchte ich ebenfalls eingehen: Es wird so getan, als sei das Heroische im Leben der Männer etwas Selbstgewolltes, ja Selbst­gefälliges, mit dem Frauen um alles in der Welt nichts zu tun haben wollen, weil es ihnen immer nur Nachteile gebracht habe. Sie, Frau Dr. Bergmann, lehren Jungen eine ganz moderne Variante von Konservativismus. Sie erwarten nämlich, dass das Heroische zukünftig stillschweigend ohne Anzeichen von Überforderung, Unleidlichkeit und schon gar nicht von Leid erbracht wird. Sie halten als Ministerin das Reden über das Leidvolle am Heroischen für überflüssig. Damit sagen sie den Mädchen zugleich, wie sie die Jungen sehen sollen und was sie von ihnen erwarten dürfen. Fazit des alten Weins in neuen Fässern: Eine Junge weint auch in Zukunft nicht! Nur die Mädchen dürfen das weiterhin tun!

Ich frage mich, ob ein Mann Ihre Plakate genauso als Aufruf für Mehr Respekt vor Jungen und für mehr Einfühlung in kindliche Gewalt­erfahrungen auf Plakatwänden vorgesehen hätte. Die Antwort ist Ja! Es gibt diese Männer. Aber es dürfte sich wohl um jene altmodischen Herren handeln, die ihren Lebenssinn allein im Heroischen sehen und die in der Auseinandersetzung mit ihrem persönlichen Leid, dem Preis für das Heroische, es allenfalls bis zum Schlucken von Psychopharmaka gebracht haben. Und keinen Schritt weiter!

Ihr Bild von Männlichkeit weist überraschende Ähnlichkeiten mit extrem konservativen Vorstellungen von Geschlechter­beziehungen auf, wie ich sie von den Promise Keepers (Männern, die ihre Versprechen halten) und deren Ehefrauen aus den USA kenne. Danach müssen Männer funktionieren und ihre Frauen helfen ihnen dabei, wenn das Heroische ihnen nicht so leicht von der Hand geht. Das sind Folgerungen, die konservative Männer aus dem christlich-fundamentalistischen Bible Belt der USA aus der Kritik der Frauenbewegung an der zeitgenössischen Männlichkeit gezogen haben. Nun muss ich gestehen, dass ich über eine solche gedankliche Bett­genossenschaft in unserer Rot-Grünen Koalition doch einigermaßen erstaunt bin!

Um aber meine Kritik an den beiden Plakaten emotional anschaulicher zu machen, will ich - nicht zuletzt auf Grund meiner langjährigen Erforschung der emotionalen Geschlechterkulturen - an zwei Beispielen zeigen, wie klischeehaft und von Vorurteilen getränkt Ihre Wahrnehmung nicht nur von Jungen, sondern ebenso von Mädchen ist. Es dürfte dann klarer werden, was ich mit dem heroisierenden Blick auf die Jungen meine und was mit dem komplementären passivierenden Blick auf die Mädchen, den sie auf dem Plakat mit dem Mädchen vorführen.

Mein erstes Beispiel: Man vergegenwärtige sich einmal, dass die Vergewaltigung von Frauen nur deshalb verurteilt würde, weil die Vergewaltigten anschließend nur beschränkt zu Beischlaf und Empfängnis noch fähig wären! Also, "untauglich", funktionsuntüchtig für Sexualität und Bevölkerungswachstum!

Ich habe nicht den geringsten Zweifel daran, dass diese Weise, das seelische Leid malträtierter Frauen zu missachten, bei jedem Abscheu aufkommen lässt. Empfände jemand das nicht so, sähen wir mangelnde Empathie und im schroffsten Fall Gefühls­verrohung am Werk!

Mein zweites Beispiel: Stellen Sie sich einmal vor, die Titel unter Ihren Plakaten wären vertauscht worden. Unter dem Bild des Mädchens stünde: Wer Schläge einsteckt, wird Schläge austeilen! 

Ich kann mir lebhaft den Orkan der Empörung vorstellen, der von Frauen allgemein, den Beauftragten für die Gleichstellung der Frauen, den Frauen­organisationen und den Kirchen im ganzen Lande ausgehen würde. Wahrscheinlich würde die Plakataktion unter dem Eindruck der Empörung abgebrochen werden. Dass Frauen zurückschlagen, widerspricht nämlich ganz und gar der kulturellen Selbstwahrnehmung, dass Frauen erlittenes Leid an die nächste Generation weitergeben könnten. Es wird vielmehr davon ausgegangen, dass sie dieses artig in sich einkapseln! Sie werden depressiv oder entwickeln eine Neigung zum Selbstmitleid! Eine zweifelhafte Idealisierung!

Anders mit den Jungen. Die heroisierenden Erwartungen an sie führen dazu, dass ihr Leid übersehen wird. Für sie kennt unsere Geschlechterkultur offenbar noch nicht jene empörte Öffentlichkeit, die sie davor schützt, für die Interessen anderer funktionalisiert zu werden. Eine nicht minder zweifelhafte Idealisierung!

Dass leidvolle Erfahrungen von Jungen in Ihrer Kampagne keine Rolle spielen, steht außer Frage. Das ist der hohe Preis, der für einen funktionalistisch pervertierten Respekt zu entrichten ist. Ihm liegt letztlich eine utilitaristische Logik zu Grunde. Und das ist eine entwürdigende Maßnahme gegen Jungen ganz im Sinne des §1631 Abs. 2 BGB, den Ihre Regierung geändert hat.

Nun enthält die von Ihnen losgetretene Logik Wer Schläge einsteckt, wird Schläge austeilen noch ein anderes. Nämlich die höchst konfuse Vorstellung, dass man dem Recht der Kinder auf eine gewaltfreie Erziehung ein Stück näher rücken könne, wenn man Männlichkeit entmenschlicht. Auch das ist nicht neu. Männer- und Vaterentwertung, was nicht mit der Kritik an beiden zu verwechseln ist, haben ihre Wurzeln in bestimmten Strömungen der modernen Frauenbewegung. Obwohl dieser Einfluss abnimmt und die Gesellschaft sich wieder der Bedeutung statt der Verteufelung der Vaterschaft zuwendet, greifen Sie indirekt darauf nochmals zurück.

Die Dehumanisierung von Männlichkeit in Ihrer Kampagne wird daran erkennbar, dass Sie Jungen unterstellen, sie würden mechanisch wie Roboter an anderen ablassen, was Ihnen selber angetan wurde. Es bleibt offen, ob Sie sich nicht vorstellen können oder vorstellen wollen, dass Männer mit Leid und Unrecht anders umgehen, als es gegen Andere blind und rächend zu wenden. Letztlich behaupten Sie von Männern, dass sie unfähig sind, sowohl aus ihrer familiären Leidensgeschichte und der Geschichte ihrer Kultur zu lernen. Wer geschlagen wurde, wird zwangsläufig wieder zum Schläger! So trivial wird dann auf einmal der Gang der Geschichte - zumindest nach Ihrem Männer- und Vaterbild!

Nur: schicksalhafte Zwangsläufigkeit gibt es nicht. Ich kenne kein Lehrbuch und keinen Wissenschaftler, vom dem diese Weisheit geschöpft sein könnte. Denn nichts muss wiederholt werden. Niemand muss erlittenes Leid an anderen wiederholen oder selbst­zerstörerisch gegen sich selber wenden. Nichts aus dem Zustand leidvoller kindlicher Abhängigkeit muss vom erwachsen gewordenen Kind wiederholt werden. Jeder hat die Möglichkeit, sich seiner Chancen zu besinnen. Auch wenn es schwer fällt, weil es mit den zornigen und abweisenden Gefühlen auf die geliebten Eltern konfrontiert. Aber gerade darin besteht eine wesentliche Voraussetzung für die persönliche Befreiung von schädigenden Erlebnissen in Familie und Gesellschaft!

So überrascht es mich dann nicht, dass der Gedanke der Verfügbarkeit über innere und äußere Geschichte bei Ihnen nicht zu finden ist. Ganz offenbar halten Sie noch an Vorstellungen von Geschichte fest, die dem feministischen Mainstream zuzuordnen sind. Der hat sich Frauen beinahe nur als universelle Opfer von Geschichte ausmalen können. So gesehen steht und fällt mit der Vorstellung von den bitterbösen Buben wie deren Unheil bringenden Wiederholungszwang die Chance der Frauen, sich als Opfer wahrzunehmen. Wer so denkt, versenkt sich selbstgenüsslich in erlittenes Unrecht und kultiviert die Vorstellung von eigener Geschichts­losigkeit.

Nur kommt auch das nicht aus dem Himmel und auch nicht von der Biologie. Woran kann es liegen! Vielleicht deuten viele Frauen ihre Kindheits­erlebnisse in unbeeinflussbares Schicksal nachträglich um?

Wohlgemerkt, ich stelle nicht in Abrede, dass es den Mechanismus der Wiederholung gibt. Nur sind Sie mit dem Wunsch angetreten, die Gewalt gegen Kinder zu mindern, und so ist es nicht nachvollziehbar, dass Sie sich gerade mit den Mächten des Dunklen identifizieren. Das ist der Wunsch, Geschichte nicht zu bearbeiten und letztlich sogar für unbearbeitbar zu halten und die Schuld bei anderen zu suchen. Deshalb verklären Sie den Mechanismus der Wiederholung zum Schicksal von Männern. Frauen wollen sie hingegen davon freihalten. Nur wird man für die Minderung von Gewalt­verhältnissen nicht erfolgreich streiten können, wenn man unter der Hand damit den politischen Versuch verbindet, die eine Hälfte der Welt von der Verantwortung für die Geschichte zu entbinden.

Wenn Ihr Plakat vor allem den Wiederholungszwang den Jungen unterstellt, dann zeugt das von Realitäts­blindheit, weil sie Jungen nicht in ihrer Individualität wahrnehmen wollen, sondern Rollen­klischees zuordnen. Das wiederum kann nur in eine feindliche Gesinnung gegen Jungen abdriften. Und letztlich folgt darauf im Fühlen und in der Politik der Klimax der Männerfeindlichkeit. Das ist die voraussagbare Folge einer gespaltenen Weltsicht: Entmenschlichung von Männlichkeit!

Irrig wäre es anzunehmen, dass für Mädchen und Frauen damit irgendwelche Vorteile verbunden sein könnten. Sie tun auch Ihnen damit Unrecht. Denn auch ihr Leiden kann zur Wiederholung führen. So kann das Depressive im Gesicht des Mädchens auf Ihrem Plakat lediglich eine andere Reaktion auf Gewalttätigkeit oder Schädigung nur mit Worten sein. Das nicht sehen zu wollen, heißt dieses Leiden zur tugendhaften weiblichen Opfer­bereitschaft neuerlich verklären zu wollen. Dagegen hat sich schon die Frauenbewegung gesträubt.

Wenn Sie die Möglichkeit nicht zulassen, dass beide Geschlechter Leid wiederholen und beide sich davon auch befreien können, dann führt das zum Denken in Freund-Feind-Kategorien und nicht zum historisch psychologischen Verstehen des Geschlechter­arrangements.

Wir wissen aus der Forschung doch nur zu genau, dass Mütter ihre Kinder genau so schlagen wie Väter. Und Mitarbeiterinnen aus den Frauenhäusern werden Ihnen berichten, dass auch misshandelte Frauen ihre Kinder malträtieren. Sie wiederholen eigene Erfahrungen von Beschämung und Gewalt. Aber auch hier ist keine Zwangs­läufigkeit am Werk. Aber wer den Mädchen unterstellt, dass die Gefahr der Wiederholung sie nicht einholen könnte, der lässt Mädchen gegenüber Respekt vermissen. Klammheimlich wird so getan, als würden sie nur selbst­zerrstörerisch den Weg in die opferbereite Selbst­vernachlässigung suchen. Und als sei das allemal besser, als zum Schläger zu werden. Zumal dieses depressive Leid allenfalls beim Therapeuten oder Psychiater auftaucht, aber sich nicht zum gesellschafts­politischen Problem vor Gerichten und in Boulevard­blättern ausweitet, das das Sicherheitsgefühl der Bürger mindert!

Und wer nicht sieht, dass - zum Beispiel - eine depressive oder frustriert reagierende Mutter für die kindliche Entwicklung eine gewaltige Last sein kann, der hat in die Seele der Kinder keine Einsicht. Warum wird nicht gefragt, wie die Erfahrung als Mädchen mit Worten verletzt worden zu sein, sich im Leben von Frauen als beschämungs­willige Sprachmacht gegenüber Jungen und Männern fortsetzt? Das wir darüber in der Gesellschaft nicht reden, heißt ja nicht, dass es diese Macht nicht gibt.

Meine Forschungen darüber Wie Mütter ihre Söhne sehen von 1995 und zur Vatersehnsucht von 1999 haben nicht nur gezeigt, dass es diese beschämungs­willige Sprachmacht gibt, sondern dass die, welche die Schattenseiten im Verhalten von Frauen nicht sehen wollen, im Geheimen immer mit dem Versuch schwanger gehen, Frauen Marienhaftigkeit anzuhängen.

Einfühlungsvermögen will erworben sein, denn plakatieren lässt es sich offenbar nicht! So könnte der bescheidene Erfolg Ihrer Kampagne gerade darin bestehen, dass die Öffentlichkeit lernt, wie ideologische Fallstricke verhindern, dass Geschlechter­stereotypen aufgelöst werden. Und wer die Spannung zwischen den Geschlechtern nicht wahrnehmen will, wird deren Widersprüche nie versöhnen können.

Prof. Dr. Gerhard Amendt

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Autor: Prof. Dr. Gerhard Amendt 
Erstellungsdatum 00.00.2001 G*A*B - Datum: 19.01.2001  Mail: amendt@uni-bremen.de
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