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LITERATUR   Deutschland -  NS-Zeit
 
 
 
Die Tür 

Sonderbar, wie still es jetzt ist. Sie haben mir die Handschellen abgenommen. Eine alte Frau mit Handschellen. Ein lächerlicher Anblick. Wie grau, mein Haar, im Spiegel, dort, gegenüber. Grauer seit der letzten Nacht. Grauer seit die anderen gegangen. Über die Felder dort, nach Süden. Eine Zigarette hatte Max noch geraucht. Eine letzte Zigarette aus seiner silbernen Dose. Wie liebte ich den Geruch seines Tabaks in der dampfenden Pfeife. Die frostigen Abende am Winterkamin. Heißer, würziger Geruch. Paradiesgeruch aus Kindertagen mit Vater. 

Die alte Frau blähte die Nasenflügel, atmete tief, ein und aus, ein und aus. 

"Avez-vous de soif? Aben Sie Durst?" fragte der französische Gendarm. "Desirez-vous de l'eau minerale? Wünschen Sie Wasser?" Nein, kein Wasser. Nein. Danke. Habe ich nein gesagt oder no, den Kopf verneinend geschüttelt? Ich weiß nicht. Ich fühle nicht. Offenbar habe ich verneint. Er wendet sich wieder seiner Akte zu, die Brille wichtig auf die Nasenspitze gesetzt. Ob er Familie hat, Kinder? Er sieht gütig aus. Irgendwie sieht er gütig aus. Er ist gütig. Ich beschließe das. Ich will das. Es hilft mir. Ja. Ich habe Angst. Seit die anderen weg sind, habe ich Angst. Ich bin ganz allein mit meiner Angst. Schrecklich. Diese Angst ist ganz leise in mir hochgekrochen. Im kleinen Zeh saß sie zuerst, dann im großen. Über das Knie, den Oberschenkel nahm sie ihren Weg zum Bauch. Dort lagerte sie. Nistete sich ein. Bahnte sich ihren Weg zur Brust. Verteilte sich über Bauch und Brust. Alles ist wie Stein. Bauch und Brust versteinern. Dreh dich nicht um, Frau Lot, ich habe mich nicht
gedreht, ich nicht, ich bin die gleiche wie vor dreißig, vierzig, fünfzig, sechzig, siebzig Jahren. Mein Gott, siebzig. Hilf mir, Gott, meine Brüste brennen. Die Hände der alten Frau krallten sich um den kleinen goldenen Anhänger auf ihrer Brust. Zerrten an ihm, rissen ihn ab. Er glühte, er brannte, er hatte ein schwarzes Mal in ihre Brust gebrannt. Magen David. Davidstem. Sechsstern. David der Dichter, der König, der Israel und Juda vereinigte. Die jahrtausendalte Vertrautheit. Verloren. Der Gendarm sah beunruhigt von seiner Arbeit hoch. Wird doch keine Dummheiten machen, das Muttchen. War schließlich ihre Entscheidung gewesen, zu bleiben. Sie sah zum Fenster hinaus. Draußen glühte der Junitag. Grüne Felder, mit roten Mohn bepunktet, gelbe, weiße Margeriten. Wie verloren das Alter wirkt, dachte der Gendarm. Wie rührend und verloren. Wie ein Kind. Fast. 

Sie tastete mit den Händen ihr Gesicht. Faltiger war es geworden seit der letzten Nacht. Ihre Fingerkuppen fühlten tiefe Furchen. Auf der Stirn, um die Augen herum, auf den Wangen, um den Hund, das Kinn, den Hals hinunter. 0, wie mußte sie scheußlich aussehen. Ihre Hände senkten sich auf die schmerzenden Brüste, den Bauch. 

Gebt mir einen Lippenstift, Puder, einen Spiegel, ich will mich schmücken, ich will schönsein, singen für euch und tanzen. Jungsein, springen und rennen. Es ist Frühling und ich will lieben. Komm, Max. Hol mich, Max. Komm, mein Sohn, bring mich zu Vater. Ich will seine Hände, seine Lippen, seinen zärtlichen Biß auf meiner Haut. Meine Brüste brennen
nach ihm, mein Bauch. Max, mein Sohn, vergiß mich nicht, hol mich. Heim zu Vater. Heim. Wir mußten alles so schnell verlassen. Der Lastwagen. Die offene Ladefläche. Vollgepfropft mit den Menschen und ihren leeren, Unvertrauten Blicken, mit den staunend zum 0 gerundeten Mündern und den gelben Sternen, die schon so vertraut, alltäglich wie der Knopf zum Mantel. Vieh, zum Abtransport bereit. Das war letzte Nacht. Erst letzte Naoht. Jahre. Es ist, als wären es Jahre her. Zwanzig? Dreißig? Egal. Die Zeit ist zeitlos geworden. Er hat es nicht mehr geschafft. Max, dein Vater hat es nicht mehr geschafft. Die Sonne schleppt sich am Himmel entlang. Gelangweilt, ihrem Trieb gehorchend.
Den Horizont gibt es nicht mehr. Er ist irgendwo ertrunken. In der Unendlichkeit ertrunken. Sonne und Mond sind eins. Die Sterne billigster Glitter. Tand. 

Die alte Frau lagerte ihr Sitzgewicht vom rechten Bein auf das linke. "Noch immär nischds trinkän? fragte der Gendarm. Er schien besorgt. Sie schüttelte den Kopf. Wieder wußte sie nicht, ob ihr Kopf sich wirklich bewegt hatte. Der Gendarm setzte die .Brille auf und wendete sich kopfschüttelnd seiner Arbeit zu. Also mußte sich ihr Kopf bewegt haben. Ein Sonnenstrahl fiel gelb zum Fenster herein und ließ die Staubkörnchen tanzen in gerader, scharfgeschnittener Formation. 

Eine Fliege summte einen südlichen Sommerreigen. Die Luft war erfüllt von den süßen, bizarren Düften des Südens, vom Zirpen der Zikaden. Sonst herrschte Stille, träge, dösende Mittagsstille. Das Tak tak tak der Wanduhr. Warten. Die Alte lüftete ein wenig ihren Rock. Es war heiß unter dem langen Ding. Sie hatte ihn angezogen wegen der kalten Nächte. Sie hatte nichts anderes dabei. Es war alles zu schnell gegangen. Die andere Frau, die sie kurz hinter Berlin getroffen hatten, war ebenfalls mit einem warmen Winterwollrock bekleidet gewesen. Wird ihn sicher nicht mehr brauchen. Wenn alles gutgegangen, sind sie jetzt schon unten in Süden. Das Meer. Frische, blaue, gurgelnde Brandung. Weißkrönchen. Mare nostri. 0, wie sehnte sie sich nach dem Meer. 

Max und der andere junge Mann hatten sich vom ersten Augenblick verstanden. Mein Gott, mußten die beiden Max überreden, mitzugehen. Wollte unbedingt bei mir bleiben, der gute, brave Junge. Strikt verboten hab ich es ihm, ihn gezwungen, mit ihnen zu gehen. Erste mütterliche Anweisung. Habe nie verboten oder befohlen. Mein Gott, so weit mußte es
kommen. Warum hat man uns so zugerichtet? Glaubt ihr wirklich,einer Jiddischen Mame den Willen brechen zu können? Sie meinte, Tränen liefen ihr über das Gesioht. Sie betastete die Augen, die Wangen. Alles war trocken. Sie konnte nicht weinen. Sie war ausgetrocknet. Die Illusion von Tränen hatte sie der letzten möglichen Tränen beraubt. 

Der französische Gendarm hing über sie gebeugt. Er hatte ein Quieken gehört, ein Wimmern, vielleicht wie von einem kleinen Tier. War aufgesprungen von seinem Sohreibtischstuhl, war zu der Alten hingeeilt, tätschelte nun ihre Wange. Wie eine leblose Puppe. Nein, sie lebte noch. Eine Maske. Eine Schrumpfkopfmaske. Ja, sie schien geschrumpft seit heute morgen, das Alter und die Not schrumpft sie alle, dieser
schreckliche Krieg, was die Deutschen nur finden an so einem alten, verhutzelten jüdischen Mütterlein. Er begriff es nicht. Kopfschüttelnd ging er zurück zum Schreibtisch. Schade um die Transportkosten.Da wurden zwei Mann zur Abholung abgestellt. Irgendwie waren die Deutschen doch nicht geschäftstüchtig. Die Jungen, die konnte man zur Arbeit benutzen. Das schien rentabel. Billige Arbeitskräfte. Konnte man immer brauchen. Verlangte der Markt. Aber diese verwelkte Alte? Wer zahlte denn da die Unterhaltskosten? Armes Frankreich I Hast dich verbündet mit einem Narrenschiff, von dem die Franken zentnerweise ins Meer gekippt werden, zum Festfraße der Fische. Er vertiefte sich wieder in die Akte. Es hatte keinen Sinn, länger darüber nachzudenken. Ärgerte nur. Man konnte nichts ändern. Nicht als kleiner Gendarm. Er hatte getan, was er konnte, was in seinem Machtbereich lag. War verflucht wenig. Hatte schließlich auch Familie. Eine Mutter. Kinder. Aber was solls, die Chance hatte die Alte gehabt. Sie hätte gehen können, wie die anderen drei. Hatte auf der Bank gesessen und gejapst. Auf der gleichen Stelle wie jetzt. Hat sich nicht gerührt. Seit zehn Stunden nicht einen Millimeter gerührt. Haben die auf sie eingeredet. Als sie die offene Tür sahen. Versuchten sie hochzuzerren. Der dunkle Krauskopf war wohl ihr Sohn. Matz oder so ähnlich. Sie nur immer: Matz, laß mich hier. Matz, geh mit den anderen. Und gejapst und geschluchzt. Bis die drei endlich durch die Tür gingen, die der französische Gendarm geöffnet hatte. Das Morgenlioht fiel wie ein blauer Kristall in das Zimmer. Draußen lockte der Geruch von Freiheit, die Felder raunten Freiheit, eine frühe Lerche jubilierte Freiheit, die Welt schien eine einzige wilde, ungezügelte Freiheit. "Dursch diese Tür gäht es ins Lagär där Deutschen. Dursch diese Tür ier in die Frei-eit. Isch ge-ä jetzt für zähn Minutän inaus," sagte der französische Gendarm, spuckte die Zigarettenkippe auf den Steinboden des winzigen Gendarmeriehinterraumes und entschwand durch die Lagertür der Deutschen.- Berta konnte nicht mehr. Berta war einundsiebzig. Bertas Beine machten es nicht mehr. Berta verlangte nach Karl. Aber Karl war tot. Berta wollte jetzt nur noch zu Karl, Max, dein Vater. Laß mich doch zu ihm. Bitte. Aber Max ... Max mußte gehen. Max war jung und stark. Max konnte es schaffen. Max, das Gelobte Land. Max, grüß es von uns. Von Vater und mir. Max, du mußt es erreichen. Du mußt leben, Max. Etwas von uns muß doch weiterleben. Muß sich erhalten. Bleiben. Sich fortpflanzen. Die Alten sind zum Untergang geweiht. Aber ihr Jungen ....? Eine Verpflichtung habt ihr. Die Verpflichtung zum Leben. Max, Sohn, ich verpflichte dich zum Leben.Lebe, Junge. Lebe. Dann gibt der Tod uns Ruhe. 

Die Lagertür der Deutschen wurde aufgerissen. Zwei SS-Männer salutierten 'Heil Hitler'. Der Gendarm sagte 'bonjour'. "Abmarsch", brüllte der erste SS-Mann, der zweite unterschrieb einen Wisch. Dann hakten sie Berta sorgsam unter und führten sie sanft hinaus in das Licht durch die Lagertür der Deutschen. Berta lächelte. Sie war jetzt ganz ruhig, Sie hatte die Gewißheit, Max wird das Gelobte Land erreichen. Jerusalem. Nächstes Jahr in Jerusalem. Karl. Ihr Herz jubilierte. Gebt mir einen Lippenstift, Puder, einen Spiegel, ich will mich schmücken, ich will schönsein, singen für euch und tanzen. Jungsein, springen und
rennen. Es ist Frühling und ich will lieben. Ich will lieben den Tod.

 
 
 
Autor: Ronnith Neumann   Datum 11.11.1986 Mail: c/o brain@gabnet.com
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