(C) Jan Deichmohle

Stille Zensur schon vor 50 Jahren?

So unglaublich es klingen mag, fehlt bereits ein 50 Jahre altes wissenschafliches Buch auf verdächtige Weise, das auf einer Väterseite im Internet zitiert wird. Vor langer Zeit hatte ich einer verächtlichen Anmerkung entnommen, daß es so ein Buch geben müsse. Tagelang fand ich das Werk in keiner europäischen Bibliothek. Ich möchte betonen, daß ich die Arbeit mangels Verfügbarkeit nicht kenne und kein Urteil abgebe; das Problem Zensur ist unabhängig von persönlicher Beurteilung des Textes.

Systematische Internetsuche im renommierten Karlsruher virtuellen Katalog nach allen verzeichneten deutschsprachigen Bibliotheken und Verbünden ergab am 4.5.1998:

Zehnmal stand der Titel nicht im Gesamtverzeichnis.

(Südwestdeutscher Bibliotheksverbund, Gemeinsamer Bibliotheksverbund, Hessischer Verbund, Deutsche Bibliothek, Österreichischer Bibliotheksverbund, Universitätsbibliothek Karlsruhe, Institutskatalog Universität Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Foschungszentrum Karlsruhe, Stuttgarter Online-Katalog)

Einmal kam keine Verbindung zustande.

(Verbundkatalog Nordrhein-Westfalen)

Nachgewiesen war das Buch nur in einer der teilnehmenden Bibliotheken.

( Bibliotheksverbund Bayern)

Suche nach Titel und eine zweite nach Stichworten waren ergebnislos geblieben. Erst manuelle Suche nach dem Autor fand eine Lagerstelle.

Das Buch ist nicht im Handel. (VLB, KNO)

Andere Titel des erstgenannten Autors (F. Lundberg) zu weniger ,berüchtigten' Themen sind oft mehrfach vorhanden, in der Deutschen Bibliothek eines in sechs Exemplaren.

Ähnlich war das Resultat für Großbritannien und Irland. Suche über den landesweiten Verbund COPAC ergab:

Zehnmal nicht im Gesamtkatalog vorhanden.

(Cambridge, Glasgow, Imperial College, Leeds, Manchester, Nottingham, Oxford, Trinity College Dublin, University College London, University of London Library)

Nur einmal im Bestand. (Edinburgh)

Die Suche wurde mit gleichem Ergebnis nach Titel, Stichwort oder Autor wiederholt. Andere Titel desselben Autors waren wieder oft anzutreffen.

Eine dritte Recherche über alle europäischen Bibliotheksverbünde, die in der Liste der Abfrageterminals der Frankfurter Universitätsbibliothek verzeichnet sind, gab ein ähnliches Bild:

elfmal nicht vorhanden, ein Treffer, Rest keine Verbindung möglich

Anzumerken bleibt, daß es sich meist um große universitäre, wenn nicht landesweite oder nationale Verbünde und Einrichtungen handelte.

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Vorbetrachtung zu stiller Zensur

Stille Zensur beginnt in unseren Köpfen, beim manipulierten Filtern von Informationen und Denkansätzen; dies kann jede Person nur an sich selbst feststellen. In unserer tendenziösen, ideologielastigen Epoche sind nur sehr begrenzt kritische Manuskripte sinnvoll und möglich; wie viele von diesen nie publiziert wurden, verloren gingen, welche Ansätze als zwecklos eingestellt wurden, ist unbekannt und wird es bleiben. Immer ist die Ausrede möglich, Texte seien zurecht abgelehnt worden. Deshalb sind die tendenziösen Zitate aus Absagen wichtig.

Überlegungen zur Untersuchungsmethode

Erst wenn doch einmal veröffentlicht wurde, kann ein Nachweis stiller Zensur gelingen. Dies ist viel mühsamer als bei offenen Verboten. Dazu müssen Bücher so bekannt werden, daß Interessenten wie der Verfasser von ihnen erfahren, was nur bei einer sehr geringen Anzahl eintreffen kann. Die meisten gehen unbekannt in der Menge unter.

Ist ein kritisches Buch sehr selten, so können Zweifler wie FeministInnen einwenden, Autor und Buch seien unbedeutend, schlecht, die Nachfrage zu gering.

Deshalb weise ich nach, daß der Autor bekannt ist, Bücher zu anderen Themen über Jahre hinweg neu aufgelegt wurden und sogar auffällig oft nachgewiesen sind. Dies ist ein Glücksfall, den im Ansatz erstickte Autoren nicht kennen. Gerade die Rarität des strittigen Buches zeigt stille Zensur.

Das Buch wurde noch nach 50 Jahren auf einer amerikanischen Väterseite zitiert.

Zum Vorwurf, Verschwiegenes sei schlecht: Viele femanzigen Pamphlete waren schlecht; der Vorwurf mischt Geschmacksfragen mit Gesinnungszwang. Dies läßt sich ohne Kenntnis des Buches abweisen; um Beurteilung geht es nicht.

Mangelnde Präsenz ist nur in krassen Fällen nachweisbar, da sie sonst als Ansichtssache abgetan werden kann.

Es könnte eingewendet werden, Suche im Internet sei nicht aussagekräftig, weil nicht alle Bibliotheken sämtliche alte Jahrgänge elektronisch erfaßt haben. Alle Handkataloge in Deutschland, Österreich, Schweiz, Großbritannien und Irland vor Ort zu untersuchen, fehlt es an Geld und Zeit. Deshalb wurde ein Vergleich mit anderen alten Büchern vorgenommen. Dabei stellte sich wieder das Problem, wie vergleichbar verschiedene Autoren sind, die als unterschiedlich bekannt oder wichtig eingestuft werden könnten. Deshalb wurde zunächst mit einem älteren und einem jüngeren Buch desselben Autors verglichen.

Damit die notwendige Auswahl der Biblotheken keinen Anlaß zur Beanstandung liefert, wurde die renommierteste Liste für den deutschsprachigen Raum benutzt, der Karlsruher virtuelle Katalog. Die Zeitschriftendatenbank wurde für Bücher nicht benötigt. Vom fremdsprachigen Ausland wurden Großbritannien und Irland gewählt, weil das Buch in Englisch verfaßt ist. USA, Australien, Neuseeland etc. sind zum Ausleihen ein wenig weit entfernt.

Das Ergebnis im einzelnen:

F. Lundberg, <America's 60 families> (1937,1938,1946) ist verzeichnet in 3 der Verbünde des KvK.

(Südwest: 2 mal, Gemeinsamer Verbund: 3 mal, Österreich. Verb: 1 mal)

F. Lundberg, <Die Reichen und die Superreichen> (1969, 1971, 1980) ist verzeichnet in 6 der Verbünde des KvK.

(Südwest: 6 mal, Bayern: 13 mal, Gemeinsamer V: 5 mal, Deutsche Bibliothek: 6 mal, Öster. Verbund: 1 mal, Institutskatalog Karlsruhe: 1 mal)

Zum Verbundkatalog Nordrhein-Westfalen gab es im Untersuchungszeitraum (4.5.1998 - 6.5.1998) niemals Verbindung.

<Social Structure> von George P. Murlock aus dem Jahre 1949 war verzeichnet in 5 der Verbünde des KvK, jeweils mindestens in 3 Exemplaren, darunter im Hessischen Verbund und im Bibliotheksverbund Bayern.

Damit wurde für zwei weitere Verbünde gezeigt, daß Fachliteratur des fraglichen Zeitraumes (Ende der 1940er Jahre) elektronisch archiviert ist, in dem der gesuchte Titel von 1947 fehlte.

Im einzelnen nachzuforschen, welche Teilkataloge ihren Bestand für diesen Zeitraum digitalisiert erfaßt haben, wäre zwar wünschenswert, aber zu aufwendig und ist für diesen Zweck nicht notwendig. Auch so ist die Diskrepanz ersichtlich. Weitere Untersuchung ist empfehlenswert, als Nebenaufgabe für eine einzige Person aber zu aufwendig.

Résumé

Vor Internetzeiten waren je ein Buch zum Thema von G. Huntemann (1981/1984) und von F. Lundberg (1947) kaum oder gar nicht zu finden. Auch jetzt ist hartnäckiges Suchen erforderlich. Die Titel waren schon in ihrer Zeit und sind verdächtig rar.

Daraus hat sich extreme Einseitigkeit und beispiellose Indoktrinierung entwickelt. In der Gegenwart tritt schon bei vorsichtiger partieller Feminismuskritik stille Zensur regelmäßig auf.

Für das Buch <Der gebrauchte Mann> (1997) beschrieb Arthur Krajc im Leserbrief ,,Feministische Zensur" in der Badischen Zeitung vom 29.1.1998, wie selten das Buch in Bibliotheken zu finden sei. Als die Autorin über Zensurversuche klagte, erwähnte der Spiegel 47/1997 erstmals <eisiges Schweigen> <stiller Zensur>. In einem Leserbrief in Focus 21/1997 wurde geschrieben, von einem Mann wäre sowas wohl gar nicht gedruckt worden.

<Der Frauenkrieg> (1993) kennen noch nicht einmal die Arbeitskreise, die sonst selbst Literaturlisten herausgeben, um Bücher bekanntzumachen. Zufällig sah ich es am Stand des Verlages auf einer Frankfurter Buchmesse bei einer Nachfrage.

<Auch Männer wollen aufrecht gehen> (1993) fand ich zufällig und habe nie wieder etwas von dem Buch gehört oder gesehen.

Viel gravierender und fataler ist, daß Bücher wie <Der Frauenkrieg> und <Ideologiekritik am Feminismus> weder in den Buchläden ausgelegt noch öffentlich bekannt wurden. Ein unbekanntes Buch in Büchereien zu entsorgen, ist relativ ungefährlich für IdeologInnen, solange niemand davon weiß und es finden kann. Die Zensur durch Fernhalten aus Buchläden und Öffentlichkeit ist entscheidend! Genau das ist aber noch schwerer nachzuweisen.

Massive stille Zensur heute: eine ganze feminismuskritische Richtung verschwindet im Schweigen

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