Vorgestellt von Reinhold Schoeler, Bremen, Tel. 0421-5578189, E-Mail: rsbn@bigfoot.de 
 
Begegnung in der Hansestadt Bremen
„Die Entnazifizierung der Justiz ist gescheitert"
Doktorarbeit von Gabriele Rohloff: 
Richter am Bremer Sondergericht und ihre Karrieren nach 1945

Mit ihren schmalen Fingern zeigt Gabriele Rohloff auf das Titelbild ihres Buches. Es zeigt einen Gerichtssaal. Zwei Fahnen mit Hakenkreuzen hängen an den Wänden, darüber ein Hitler-Porträt. Wer schon mal da war, erkennt den Schwurgerichtssaal des Landgerichts Bremen mit seinem schweren Holzgestühl. So sah es hier also im Krieg aus.

Gabriele Rohloff, die sechs Jahre in Bremen Jura studiert hat, interessierte sich aber vielmehr dafür, wie es in den Köpfen der Bremer Juristen aussah. In ihrem Buch stellt sie dar, dass „die Entnazifizierung der Bremer Justiz gescheitert ist". Insbesondere ist sie entsetzt über die Karrieren der Richter und Staatsanwälte am Sondergericht Bremen, das mit seinen menschenverach- tenden Urteilen eines der gefürchtetsten Instrumente des Nazi-Terrors war. Fast alle der zwölf dort tätigen Juristen wurden nach 1945 kurzzeitig in der Bremer Justiz entlassen, dann „wiederverwendet" und machten dort teils bemerkenswerte Karrieren.

In diesen 175 Seiten stecken vier Jahre Arbeit. Die 31-Jährige hat bei einer Seminararbeit über Sondergerichte so sehr „Feuer gefangen", dass sie sich auch in ihrer Dissertation mit dem Thema beschäftigen wollte. Parallel zu ihrem Rechtsreferendariat hat sie fast alle der rund 600 Gerichtsurteile und Entnazifizierungsakten im Staatsarchiv eingesehen und ausgewertet. In wahrer Puzzlearbeit untersuchte sie anhand der Personalakten die Lebensläufe von zwölf Richtern näher. 
„Ich hatte Glück, denn Bremen ist wohl die einzige Stadt, in der die Akten aufbewahrt wurden", sagt sie. Zur weiteren Recherche verbrachte sie auch viele Stunden in den Archiven von Potsdam, Berlin und Hamburg und in den Bundesarchiven von Koblenz und Aachen.

Gabriele Rohloff ist laut ihres Verlags bundesweit die Erste, „die das Engagement der Justizjuristen am Sondergericht rechtshistorisch erforschte". Und vor allem fragte sie sich, warum deren Rolle von den Spruchkammern, die die Männer nach dem Krieg auf ihre politische Zuverlässigkeit geprüft haben, so unterbewertet wurde. Ihre Uberzeugung: Als „Belastete" wurden sie nur kurzzeitig aus dem Staatsdienst entfernt und machten anschließend juristische Karrieren. „Ich war entsetzt, wie verlogen die alle waren", sagt Gabriele Rohloff mit Bitterkeit in der Stimme. „Je mehr jemand belastet war, desto mehr Leumundszeugnisse hat er eingereicht." Mit so genannten Persilscheinen soll beispielsweise auch Bernhard Hinrichs, der spätere Präsident des Oberverwaltungsgerichts, versucht haben, sich reinzuwaschen. Und, wie Rohloff berichtet, hat kein Geringerer als Karl Carstens, der als angehender Rechtsanwalt von Hinrichs in nationalsozialistischem Recht geschult worden sein soll, eines der entlastenden „Gefälligkeitsatteste" geschrieben. Heute, so sagt die Juristin, würde man seine Tat als „ uneidliche Falschaussage" bezeichnen. Die Entnazifizierungsakte des ehemaligen Bundespräsidenten Carstens blieb für Rohloff allerdings „gesperrt". Für solche „Seilschaften", die den Juristen einen Neuanfang ermöglichten, führt Rohloff in ihrem Buch noch mehrere Beispiele an. Ebenso versucht sie zu belegen, dass Bürgermeister Theodor Spitta und Diedrich Lahusen, oberster Richter in Bremen, nach dem Krieg entscheidend an der Wiedereinstellung der belasteten Juristen beteiligt waren. Was die Doktorandin immer wieder entsetzte: Die Richter des Sondergerichts fühlten sich offenbar lediglich als „Mitläufer" im NS-Regime und meinten, unschuldig zu sein. „Es geht nicht darum, jemanden zu beschmutzen", betont sie, aber die Tatsachen dürften nicht verheimlicht werden. „Ich bin froh, im Dritten Reich nicht dabeigewesen zu sein. Hätte ich zu der Zeit gelebt, würde ich mir auch wünschen, eine Sophie Scholl gewesen zu sein".

• Gabriele Rohloffs Doktorarbeit ist unter dem Titel „Ich weiß mich frei von irgendeiner Schuld ..." für 29,80 Mark in Buchhandlungen erhältlich. Andrea Nölting-Bruns. 

Siehe auch bei Gabnet am 13.03.1999:

Berndt-Adolf Crome, heutiger Präsident des Landgerichts Bremen zur Nazi-Justiz: es sei auch heute noch möglich, daß Juristen ihr „Handwerkszeug einer Unrechtsprechung" zur Verfügung stellen könnten 

Frage an die Leser: Hat die Justiz wirklich etwas dazugelernt, ihren manipulativen Charakter abgelegt und sich von ihren Allmachtsphantasien befreit? Oder ist die Justiz ein abhängiges, politisch regulierendes Organ des Staates? Schreiben Sie
uns Ihre Meinung: ...................................


Autor: Gabriele Rohloff
Erstellungsdatum 00.00.2000 G*A*B - Datum: 09.11.99               Mail: brain@gabnet.com
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