Autistische Richter?

von Raimar Keintzel

Es sieht so aus, als würde die Richterschaft den Ärzten den Rang ablaufen, der am meisten diskutierte und kritisierte Berufsstand zu sein. Die Gründe sollen hier nicht weiter besprochen werden. Viele liegen auf der Hand. Zeichen sind unter anderem die Romane von Martin Walser: Finkhs Krieg, das Buch von Rolf Lamprecht: Vom Mythos der Unabhängigkeit (Baden-Baden 1995), und, nicht zuletzt die Zeitschrift JUSTIZ.

Trotz einer weiteren Fülle von Literatur findet man selten ein scheinbar so prägnantes Soziogramm und Psychogramm" der" Richter, wie es Lamprecht auf Seite 20 seines Buches gegeben hat. Treffsicher hat Horst Häuser diese Stelle als Drehpunkt der ganzen Kritik von Lamprecht erkannt und an den Anfang seiner Besprechung gestellt (in BJ, Dez. 1995 S. 200). Bevor ich mich dazu äußerte, wollte ich von Lamprecht noch eine Bestätigung haben. Sie kam. Er schrieb mir u.a.: „Kapar Hause ist eine Symbolfigur für autistische Isolation ohne jeden Realitätsbezug. Das brachte mich auf die Idee, den Begriff Kaspar-Hauser-Symbol" zu prägen und in dem genannten Zusammenhang zu verwenden."

Der Zusammenhang ist wichtig und sei hier in Erinnerung gerufen:

Unter den Richtern finde man „auf der einen Seite viele hochgescheite, sensible Individualisten, auf der anderen Seite ein autistisches, immobiles und reflexionsscheues Kollektiv. Beide Aspekte lassen sich nicht zur Deckung bringen - und diese Erkenntnis nährt den Argwohn, daß es mit den Selbstreinigungskräften nicht weit her ist. Das Kaspar-Hauser-Syndrom, an dem die Richterschaft chronisch leidet, gefährdet nicht nur die innere Unabhängigkeit, sondern auch die Rechtsordnung."

Wenn ein „Syndrom" so katastrophale Folgen haben soll, dann muß man sorgfältig damit umgehen. Und wenn eine Kritik etwas bewegen soll, dann darf sie nicht verzerrt sein und die Abwehr allzu leicht machen.

Bekannt ist der Autismus Kanner, eine schwere frühkindliche Störung. Es ist mir nicht vorstellbar, daß auch nur eine einzige so gestörte Persönlichkeit es jemals geschafft hätte, Richter zu werden, aber auch nicht, sich einem „Kollektiv" anzuschließen. Allenfalls könnte „Autismus" auf Richter abgewendet deshalb eine Metapher sein, aber eine verfehlte Metapher. Es würde z.B. doch zu weit gehen, Richtern „Echolalie" (mechanisches, monotones Nachreden) zu unterstellen, wie man dies bei Autisten findet.

Echolalie gibt es auch bei Schizophrenen, und die zweite Form von Autismus, nach Winnicot benannt, hat psychotische Symptomatik. Auch diese Form ist aber so gut wie niemals primär abzuleiten von dem deformierenden Einfluß eines Berufes, also zu deuten als „deformation professionelle".

Darum stört mich das Stichwort „autistisch" bei Lamprecht, und es dürfte und sollte auch Richter stören, die sich ja nicht nur in ihrem Fachjargon ausdrücken möchten.

Noch mehr stört die Zusammenfassung: „Kaspar-Hauser-Syndrom". Über Kaspar-Hauser gab es wichtige Untersuchungen u.a. in der Zeitschrift PSYCHE (1954, 1955, 1956) und interessante Deutungen, unter anderem von Peter Handtke.. Auch hier steht die Sprache i Mittelpunkt. Handtke faßt das Ergebnis der lieblosen Gewalt, mit der der Findling Kaspar-Hauser eine ihm fremde Sprache aufgezwungen wurde, so zusammen: „Am Schluß bleibt vom Widerstand des Individuums nur noch eine hilflos absurde Sprachgeste übrig." - „Hilflos absurde Sprachgeste" bei Richtern. Im Extremfall schon, aber nicht als Hauptmerkmal.

Werner Herzog faß die Befindlichkeit von Kaspar-Hauser in seinem Film zusammen in einem Satz: „Jeder für sich und Gott gegen alle". Erleben sich Richter so? Vielleicht der Richter S. im Roman von Xaver Berra: Anhält der Fall (Bodenhaim 1995). Und auch andere Richter, die an ihrem Beruf leiden. Das aber scheine sehr viele Richter, nicht zu tun. Auch Autisten leiden selbst kaum. Nur die Umwelt leidet unter ihnen.

Ich glaube, Beobachtungen, wie Therapeuten sie schon 1990 zusammengefaßt haben. (z.B. in PSYCHOLOGIE HEUTE, 1/1990, 46 ff.), treffen eher den Kern der richterlichen Deformationen: Sie nehmen „sich und ihre Überzeugung für die letze Instanz" und bestehen „in aggressiver Weise darauf, daß man sich ihrem Rat beugt". Sie lieben es allgemein „Ratschläge zu erteilen". Sie geben sich zwar diskutierfreudig, scheuen aber tiefere Kontakte und Bindungen. Auch wenn sie mit guten Vorsätzen beginnen, beugen sie sich schnell dem Establishment des Beamtentums. „Beamte (aber) werden dafür honoriert, Unruhe zu vermeiden, Schwierigkeiten zu umgehen, und Probleme zu ignorieren. So entwickeln sie leicht ein lethargisch mechanisches Verhalten."

Will man diagnostisch fassen, dann muß man denken an Möglichkeiten wie: narzißtische oder schizoide Persönlichkeitsstörungen, latente soziale Phobie oder, bei schweren Fällen Borderline-Syndrom. Alle Menschen mit solchen Störungen leiden unter einer primären und sekundären (erworbenen) Ich-Schwäche. Entweder haben sie von Anfang an das Paragraphenwerk der gesetze zur Ich-Stütze gemacht, oder ihr Rückrat wurde gebrochen, und nun brauchen sie ein Hilfs-Ich, und so eine Möglichkeit ihre Unsicherheit zu kaschieren und zu kompensieren. Als geradezu idealer - aber freilich hochneurotischer - Zufluchtsort bietet sich das trügerische Bewußtsein an (aus der Nazi-Zeit), das „Volk" hinter sich zu haben, da sie ja „im Namen des Volkes" Recht sprechen. Das gibt Distanz zu denen, die nicht für das Volk, sonder aus dem Volk sprechen und es verleiht ihnen kühle die „Objektivität" der Auserlesenen. Schizoide können so aus ihrer Not eine Tugend machen: Daß menschliche Nähe ihnen nicht liegt, scheint in ihrem Beruf eine Tugend zu sein.

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Aus Betrifft JUSTIZ Nr. 46 - Juni 1996, S. 266 f.

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