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Gerhard Hanenkamp (mit einem herzlichen Dank und Anerkennung an Frau Antje Bultmann für ihr Engagement)

Antje Bultmann, geboren 1941, studierte: Sozialwissensohaften in Heidelberg, Göttingen und Tübingen. Zehn Jahre lang war sie als Lehrerin und Heimleiterin tätig, bevor sie ein Studium an der Akademie der bildenden Künste in Stuttgart absolvierte. Sie leitete ein Projekt »Umweltschutz und Kirche« in München und ist Mitglied der Ernst-Friedrich-Schuhmacher-Gesellschaft. Heute lebt und arbeitet sie als freiberufliche Journalistin in der Nähe von München. Dies ist ihr viertes Buch im Knaur Verlag nach Käufliche Wissenschaft, Experten im Dienst von Industrie und Politik (zusammen mit Friedemann Schmithals), Vergiftet und alleingelassen. Die Opfer von Giftstoffen in den Mühlen von Wissenschaft und Justiz und Gewissenlose Geschäfte. Wie Wirtschaft und Industrie unser Leben aufs Spiel setzen (zusammen mit Hans-Jürgen Fischbeck).Die Naturwissenschaftler-Initiative »Verantwortung für den Frieden« ist ein Zusammenschluß von Naturwissenschaftlerinnen und Ingenieurinnen, die sich mit ihrem Fachwissen und Engagement für die Wahrung des Friedens und für verantwortliches Umgehen mit Wissenschaft und Technik einsetzen. Ziele der Initiative sind: eine Welt ohne ABC-Waffen; eine zukunftsfähige Energiepolitik; internationale Kooperation für eine friedliche Welt. Um die Öffentlichkeit und Kolleginnen zu informieren, werden Fachtagungen und Kongresse durchgeführt, deren Ergebnisse in Form von Büchern oder Broschüren erscheinen. Die Naturwissenschaftler-Initiative ist Mitherausgeber der Zeitschrift »Wissenschaft und Frieden« und Mitglied im »International Network of Engineers and Scientists for Global Responsibility« (INES). Sie hat ihren Sitz in Dortmund.Das DGB-Angestellten-Sekretariat koordiniert die nationale, europäische und internationale Angestelltenpolitik der 15 DGB-Gewerkschaften, in denen etwa 2,7 Millionen Angestellte organisiert sind, darunter rund 400 000 Mitglieder aus den verschiedenen Ingenieur- und Wissenschaftsberufen. Ziele und Aufgaben des DGB und seiner Gewerkschaften sind in erster Linie die weitere Demokratisierung von Arbeitswelt, Wirtschaft und Gesellschaft. Im Rahmen von Fachtagungen, Kongressen und Workshops werden u. a. Arbeitsbedingungen, arbeitsrechtliche Fragen, Arbeitsinhalte sowie Forschungs- und Wissenschaftspolitik behandelt. In Zusammenarbeit mit dem Internationalen Bund der Privatangestellten (FIET) soll diese Arbeit in Zukunft forciert und im Rahmen eines internationalen Erfahrungsaustauschs weiterentwickelt werden. Auf Initiative des DGB diskutiert die FIET derzeit Ethikkodizes für gewerkschaftlich organisierte Fach- und Führungskräfte sowie Akademiker.

Von Antje Bultmann sind außerdem erschienen:Käufliche Wissenschaft (hrsg. zs. mit Friedemann Schmithals, Band 77115)Vergiftet und alleingelassen (Band 77214)Gewissenlose Geschäfte (hrsg zs. mit Hans-Jürgen Fischbeck, Band 77225)

Originalausgabe Juni 1997Copyright © 1997 Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.
Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts- 
gesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar.
Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen,
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in elektronischen Systemen.
Umschlaggestaltung Agentur ZERO, München
Umschlagfoto Tony Stone Images/Kirsty McLaren, München
Satz MPM, Wasserburg
Druck und Bindung Ebner Ulm
Printed in Germany
ISBN 3-426-77265-5

24531

Antje Bultmann/
Naturwissenschaftler-Initiative
»Verantwortung für den Frieden«/
DGB-Angestellten-Sekretariat (Hrsg.)

Auf der Abschußliste
Wie kritische Wissenschaftler mundtot gemacht werden sollen

Inhalt
Werner Buckel
Vorwort: Verantwortung in einer wissenschaftlich technischen Welt...................... 
 9
Antje Bultmann
Einleitung: Whistleblower - Das wache Gewissen unserer Gesellschaft .................. 
17
I Vom Umgang mit der Wahrheit Erfahrungen aus Deutschland................  37
Helmut A. Hübers
Eingeschüchtert, verleumdet und ausspioniert -Wie man im Saarland mit den Gegnern der Müllverbrennung umgeht ..................... 
39
Heinz Friedrich
Wenn das Gewissen schleichend verbogen wird -Widerstand am Arbeitsplatz in der Rüstungsindustrie. ........................... 
49
Inge Schmitz-Feuerhake
Wahrheit ist das oberste Gebot - Wie unliebsame Erkenntnisse über Strahlenschäden diskreditiert werden .................................... 
63
Stefan Zowislo
Wider den Korpsgeist -Der Trierer Nervenarzt Peter Binz engagiert sich gegen Giftstoffe am Arbeitsplatz................. 
78
Rainer Frentzel-Beyme
Versuchte Verhinderung - Die systematischeErforschung von Todesfällen in derChemieindustrie
94
Dieter von Ehrenstein
Gegen den Technokraten-Zeitgeist - Plutoniumindustrie und Reaktorsicherheit ....... 
124
Georg Werckmeister 
Tatort Betrieb - Weg mit dem Gift .............
146
II Verrat von Staatsgeheimnissen Drei Beispiele aus dem Ausland .............  157
Meir Vanunu
Der Fall Mordechai Vanunu -Israelische Atompolitik contra Verantwortungdes Wissenschaftlers
159
Reiner Braun
Rußlands Verstoß gegen das weltweite Verbot chemischer Waffen - Ein Gespräch mit dem Chemiker Vil Mirzajanov. .................... 
168
Hugh De Witt
Der Kritiker im Labor - Nuklearpolitik und Repression in den USA ...................... 
176
III Im KonfliktfallRechtliche und institutionelle Hilfen......................... 185
Ulf Imiela
In der Zwickmühle? Gewerkschaftliche Interessenvertretung zwischen Ethik und Industriepolitik.
187
Ulrike Wendeling-Schröder
Arbeitsverweigerung und Veröffentlichung von Mißständen - Das Prinzip Verantwortung im Arbeitsleben ............................... 
216
Günter Emde
Schutz für Dissidenten -Die Ethikschutz-Initiative .................... 
236
Günter Emde
Ethikschutz für Ingenieure und den öffentlichen Dienst - Zwei Modelle ............. 
265
Dieter Deiseroth
Whistleblower-Schutz in den USA - Modell für uns? ............................ 
285
Joseph Rotblat
Nachwort: Verantwortlich handeln!............. 
329
Anhang
Zu den Autorinnen und Autoren ...............  343

Werner Buckel

Vorwort:Verantwortung in einer wissenschaftlich- technischen Welt

Die Forderung nach verantwortlichem Handeln und Beispiele von Verantwortungslosigkeit sind wohl so alt wie die Menschheit. Dabei konnte verantwortungsloses Handeln immer schon schweres Leid über einzelne und ganze Gemeinschaften bringen. In unserer Zeit, im 20. Jahrhundert, hat sich durch die explosionsartige Entwicklung der Naturwissenschaften und der darauf fußenden Technik eine neue Qualität ergeben. Am eindringlichsten wird diese neue Dimension in der Möglichkeit deutlich, die uns die moderne Kerntechnik gibt. Damit ist dem Menschen eine Macht in die Hand gegeben, wie er sie nie zuvor zur Verfügung hatte. Die Atombomben demonstrieren diese Macht. Mit den vorhandenen Vorräten kann unsere schöne Erde mehrfach völlig unbewohnbar gemacht werden. Wie wir diese Macht benützen, liegt nur bei uns.

Heute erschließt die moderne Gentechnologie der Biologie und Medizin unvorstellbare Möglichkeiten. Der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Professor Dr. Wolfgang Frühwald, schreibt in einem Vorwort zu der jüngst erschienenen Denkschrift Forschungsfreiheit: »Das in Jahrmillionen entstandene Erbmaterial des Lebens auf dieser Erde (steht) der Wissenschaft im Prinzip zur freien Disposition.« Wer könnte da noch behaupten, daß die Wissenschaftler, die uns diese Macht gegeben haben, nicht auch in besonderem Maße für den humanen Umgang mit dieser Macht verantwortlich sind.

Die Flut von Publikationen, die zahlreichen Gründungen von Ethikkommissionen und die vielen Diskussionen zeigen, daß das Problem erkannt ist. Die Konsequenzen jedoch, die aus dieser Erkenntnis gezogen werden, sind leider noch sehr gering. Wir haben erkannt, daß wir uns eine ungeheure Macht über die Natur angeeignet haben, aber wir haben noch nicht gelernt, mit der Macht nur positiv umzugehen. Wenn die drohenden Katastrophen deutlich sichtbar werden, so besteht die Hoffnung, daß man sie von allen Seiten zu verhindern suchen wird. Das hat uns wohl während des »Kalten Krieges« vor der Vernichtung unseres Planeten bewahrt.

Wenn aber die Folgen unseres Handelns nicht so klar durchschaubar sind und wenn diese Folgen insbesondere erst auf einer Zeitskala von Generationen wirksam werden, wie das zum Beispiel beim Klimaproblem der Fall sein kann, so ist die Bereitschaft zum verantwortlichen Handeln sehr viel geringer. Kurzfristige Ziele, wie Wirtschaftswachstum, erhalten Priorität. Das CO2-Problem ist ein überzeugendes Beispiel für dieses Ausweichen in die Verantwortungslosigkeit. Trotz aller Beschlüsse und Beteuerungen auf Weltklimakonferenzen wird deutlich, daß nicht genügend konsequent, das heißt genügend verantwortungsvoll gehandelt wird, um die festgelegten Ziele zu erreichen.

Es ist wohl eine menschliche Eigenschaft, Anstrengungen, vielleicht sogar Opfer, zur Verhinderung einer Katastrophe nicht auf sich zu nehmen, wenn die mögliche Gefahr erst in etwas weiterer Zukunft droht. Man flüchtet sich zu leicht in die Ausrede: »Es wird schon nicht so schlimm kommen.«

Diese Verdrängung von Verantwortung findet leider auf allen Ebenen statt, nicht nur bei den globalen Problemen. Wie verantwortungslos, ja kriminell, wird häufig mit gefährlichem Sondermüll umgegangen. Wie verantwortungslos verschmutzen wir unsere Böden und damit unser Grundwasser durch Überdüngung.

Was aber kann man gegen dieses verantwortungslose Handeln tun? Der einzelne fühlt sich häufig hilflos. Nicht selten muß er auch ernste Nachteile befurchten, wenn er gegen verantwortungsloses Handeln, etwa seiner Vorgesetzten, protestiert. Findet ein Ingenieur oder Wissenschaftler den Mut, die Öffentlichkeit über Tatsachen zu informieren, die von seiner Regierung geheimgehalten werden - erwähnt seien nur die Fälle Mordechai Vanunu (siehe S. 159) und Vil Mirzaja-nov (siehe S. 168) -, so muß er mit schwerwiegenden Folgen rechnen. Dabei haben solche Menschen ihrem Gewissen entsprechend gehandelt und der Gesellschaft einen Dienst erwiesen.

Wir brauchen eine gesellschaftliche Atmosphäre, in der solches Handeln als ehrenvoll anerkannt wird. Zur Schaffung dieser Atmosphäre kann jeder einzelne durch sein Verhalten beitragen. Wo immer wir von Fällen hören, in denen einzelne verantwortungsvoll gehandelt haben, sollten wir dies öffentlich begrüßen. Wir sollten in unserem Bekanntenkreis für diese Menschen engagiert eintreten. Verantwortungsloses Handeln sollten wir ebenso engagiert und öffentlich verurteilen. Dies wäre ein Beitrag zur Veränderung der Atmosphäre. Es muß aber sehr sorgfältig darauf geachtet werden, daß es sich bei den betrachteten Fällen um wirkliche Gewissensentscheidungen handelt. Oft ist das nicht leicht sichtbar. Viele Handlungsweisen können unter verschiedenen Aspekten gesehen werden. Oft hängt ein Urteil darüber, ob ein Verhalten als verantwortungsvoll oder verantwortungslos bezeichnet werden muß, von den Bedingungen ab, unter denen es geschah.

Ein besonders eindringliches Beispiel für diese Schwierigkeit der Beurteilung stellt das Manhattan-Projekt dar. Haben die Wissenschaftler, die im Zweiten Weltkrieg in Amerika die Atombombe entwickelten, verantwortungslos gehandelt? Ich glaube, daß man das nicht sagen kann. Joseph Rotblat, der zusammen mit der Pugwash-Bewegung 1995 den Friedensnobelpreis erhielt, beschreibt die Situation in diesem Buch (siehe S. 329). Die Wissenschaftler wußten nicht, wie weit die Deutschen mit dem Bau einer Atombombe eventuell waren. Sie waren aber zutiefst überzeugt, daß die Nationalsozialisten nicht als erste in den Besitz dieser schrecklichen Waffe kommen durften. Nachdem wir heute alle Verbrechen dieses Regimes erfahren haben, können wir ermessen, wie recht die Wissenschaftler hatten. Unrecht hatten sie aber in ihrem Glauben, daß man diese Waffe kontrollieren könne. Hier waren sie naiv. Kaum war das schreckliche Mordwerkzeug entwickelt, wurde es auch eingesetzt; gegen den Willen der Mehrheit der Wissenschaftler, wie Rotblat als glaubwürdiger Zeuge berichtet.

Gehen wir noch einen Schritt weiter. Sind Otto Hahn und sein Mitarbeiter Straßmann für die Existenz der Atombombe verantwortlich? Otto Hahn hat den Rest seines Lebens darunter gelitten, daß seine Untersuchungen zur Uranspaltung zu dieser schrecklichen Waffe geführt haben. Trotzdem wäre es absurd, Otto Hahn für die Atombombe verantwortlich zu machen. Er konnte bei seinen Untersuchungen nicht ahnen, was er finden würde. Es war die allgemeine Lehrmeinung aller damaligen Physiker, daß das Uran bei Beschüß mit Neutronen allenfalls kleine Bausteine, wie Protonen oder Teilchen (Heliumkerne), aussenden könne. Ein Zerfall in zwei etwa gleich große Bruchstücke galt allgemein als unmöglich. Erste Versuche schienen aber gerade diesen Zerfall zu zeigen. Otto Hahn war ein exzellenter Radiochemiker. Auch er konnte seinen Ergebnissen zunächst nicht glauben und wiederholte die Experimente mit großer Sorgfalt. Schließlich war klar, daß wirklich ein Zerfall in zwei etwa gleich große Bruchstücke unter Aussenden von einigen Neutronen stattfand. Damit war die wissenschaftliche Grundlage für den Bau von Kernreaktoren, aber eben auch der Atombombe bekannt.

Ich habe dieses Beispiel etwas ausführlich behandelt, weil manchmal gefordert wird, die wissenschaftliche Forschung einzustellen, wenn aus den Ergebnissen der Forschung negative Folgen für die Menschheit zu befürchten sind. Forschung, die diesen Namen verdient, stößt grundsätzlich in Neuland vor. Der Forscher kann nicht mit Sicherheit vorhersagen, was er finden wird. In jedem Fall erhofft er sich neues Wissen über die Welt, in der wir leben. Dieses Wissen wird uns aber in aller Regel zusätzliche Macht geben - Macht, die in positivem und meist auch in negativem Sinn verwendet werden kann. Verbote von Forschung können - von krassen Fällen abgesehen, etwa der Erforschung und Entwicklung von Gift- oder Nervengasen - unser Problem nicht lösen. Wir müssen lernen, unsere Macht richtig zu gebrauchen. Sie hat ja auch sehr viel Gutes bewirkt. Ohne diese Macht, die uns die Wissenschaft und die Technik gegeben hat, könnten auf unserer Erde die fünf Milliarden Menschen wohl nicht leben. Das sollte man auch nie vergessen.

Zur Verhinderung von negativen Folgen scheint es mir besonders wichtig, die Öffentlichkeit vorbehaltlos über erkanntes unverantwortliches Fehlverhalten zu informieren. Ebenso vorbehaltlos sollten mögliche negative Folgen von Forschungsergebnissen der Öffentlichkeit bekanntgemacht werden. Sie müssen öffentlich diskutiert werden, um Mittel und Wege zu finden, sie zu verhindern. Die Diskussion möglicher negativer Folgen wird bei uns jedoch sehr oft vermieden. Bringt man sie zur Sprache, so wird man rasch zum Fortschrittsfeind erklärt. Nicht selten geschieht dies, weil die Wissenschaftler schädliche Folgen für die Finanzierung der Forschung befürchten, wenn zuviel von möglichen negativen Entwicklungen geredet wird. Dagegen könnte, nach meiner Meinung, gerade das Gegenteil eintreten. Die rückhaltlose, öffentliche Diskussion der positiven wie der möglichen negativen Folgen wissenschaftlicher Ergebnisse könnte der Wissenschaft das Vertrauen der Öffentlichkeit zurückgewinnen, das sie immer mehr verliert. 

Ein aktuelles Beispiel soll das erläutern. Die Gentechnik wird von vielen als bedrohlich empfunden. Das ist verständlich, wenn man die Möglichkeiten bedenkt, die der eingangs zitierte Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit bewundernswerter Klarheit dargelegt hat. Es steht außer Zweifel, daß die Wissenschaft in Zukunft aus der genetischen Information eines Menschen bedrohliche Entwicklungen in dessen Leben wird voraussagen können. Für einige Krankheiten, wie etwa die Epilepsie, hat diese Zukunft schon begonnen. 

Mit diesem Wissen tritt ein ungeheures gesellschaftliches Problem auf. Ein Mensch mit einer solchen Zukunft wird mit Sicherheit aus dem Leben der Gesellschaft ausgegrenzt werden. Wir erleben die Selektion in der Gesellschaft doch heute schon aus weit weniger gravierenden Gründen. Wie wird die Gesellschaft mit diesem Problem umgehen? Heute haben wir noch das Recht auf »Nichtwissen«. Wie aber wird es weitergehen? Werden wir dieses Recht beibehalten können, wenn es deutlich Opfer von der Gesellschaft fordern wird? Welche grundsätzlichen Forderungen stellen wir an eine humane Gesellschaft? 

Alle diese Fragen müßten schon heute, parallel zur Genforschung, eingehend und öffentlich diskutiert werden. Alle Wissenschaftler, insbesondere aber die in der Genforschung und benachbarten Gebieten arbeitenden, sollten die Diskussion darüber unüberhörbar fordern. Das würde ich als verantwortliches Handeln empfinden, und das würde der Wissenschaft Vertrauen zurückgewinnen. Zum Zustandekommen einer solchen öffentlichen Diskussion kann jeder beitragen. Wir alle sollten fordern, daß unsere Medien diesen wahrhaft gravierenden Problemen mehr Raum geben. Es wurden zwar einige Enquete-Kommissionen zu derartigen Problemen gegründet, so etwa zum Klimaproblem. Sie arbeiten aber viel zu wenig öffentlich. Unsere Medien sollten verfolgen und dem Bürger klarmachen, was in den Enquete-Kommissionen diskutiert wird. Wir leben in einer Gesellschaft, in der der Bürger über die Schwierigkeiten in europäischen Königshäusern mehr erfährt als über das Klimaproblem. Daran sind wir natürlich zu einem guten Teil selbst schuld. Wir fragen zu wenig, und wir fragen nicht genügend eindringlich. 

Ich meine also, daß wir durchaus auch als einzelne dazu beitragen können, eine größere Aufgeschlossenheit für diese Probleme zu schaffen. Bei der Vielfältigkeit der Fragestellungen und der Situationen ist es nicht einfach, das »Richtige« zu erkennen. Deshalb sollte eine lebhafte Diskussion über verantwortliches Handeln permanent stattfinden. Man sollte sich vertraut machen mit Beispielen von verantwortlichem Handeln. Das vorliegende Buch enthält solche Beispiele. Sie können uns für die Fragestellungen, um die es hier geht, sensibilisieren. Sie können uns auch zeigen, daß nicht immer eine klare Antwort auf eine durchaus klare Frage gegeben werden kann. Dann muß die offene Diskussion einen tragfähigen Kompromiß suchen. Wir alle sollten dazu beitragen, eine offenere Gesellschaft mit weniger Tabus und mehr Gesprächsbereitschaft zu schaffen. 
 

Antje Bultmann

Einleitung: Whistleblower - Das wache Gewissen unserer Gesellschaft

Menschen, die rechtzeitig, ja frühzeitig Probleme und Bedrohungen unserer Gesellschaft aufdecken, werden im englischen Sprachraum »whistleblower« {wistleblowing: die [Alarm-] Pfeife blasen, sinngemäß: Alarm schlagen) genannt. Oft tun sie das ungeachtet aller negativen Folgen, die solch ein »Geheimnisverrat«, ein Alarmschlagen für sie persönlich haben kann. Sie sagen, was sie sehen, was andere nicht sehen, was andere nicht sehen wollen oder wegen ihrer Position nicht sagen dürfen. Sie sprechen aus, was nicht gerne gehört wird, was unbedingt gesagt werden muß. Sie machen sich unabhängig von Beifall und Anerkennung. Pastor Friedrich Schorlemmer sieht in solchen Menschen »das unverzichtbare geistige Ferment und das wache Gewissen einer Gesellschaft«1 In den USA und in England wird Whistleblowing bereits seit Jahren auf wesentlich breiterer Basis diskutiert als in Deutschland.

In diesem Buch geht es um Menschen, die ihre Verantwortung am Arbeitsplatz wahrnehmen, um Leben und Gesundheit der Bevölkerung zu schützen und einer Zerstörung der Umwelt entgegenzuwirken. Sie wollen sich nicht für Ziele einsetzen lassen, die sie nicht selbst vertreten können. Aus Gewissensgründen informieren sie die Öffentlichkeit über Schäden und Risiken, die von einem Betrieb oder einer Institution ausgehen. Sie decken den Mißbrauch technischer Macht ebenso auf wie kriminelle Machenschaften. Sie enthüllen technologische oder wissenschaftliche Entdeckungen oder Verfahren, die zwar völlig legal sind, aber für die Allgemeinheit gefährliche Folgen haben. Geheime Forschung beim Militär, in der Atomphysik, der Gentechnik oder anderen risikoreichen Technologien kann ebenfalls Gegenstand von Whisdeblowing sein.

Wer solche geheimen Informationen öffentlich macht, kann in einen schweren Gewissenskonflikt geraten. Darf ein Arzt, der in seiner Praxis auffallend häufig Leukämiefälle behandeln muß, die Vermutung äußern, daß Niedrigstrahlung aus dem nahegelegenen Atomkraftwerk die Ursache ist? Darf ein Mitarbeiter einer Chemiefabrik sich weigern, an Nervengiften (Pestiziden) gegen Kleinstlebewesen zu forschen, weil er mit Recht befürchtet, daß sie auch das Immunsystem von Mensch und Tier angreifen? Darf ein Staatsbediensteter Pläne seines Ministeriums durchkreuzen, indem er feststellt, daß sich ein Salzstock nicht für die Lagerung von Atommull eignet, weil er mit Wasseradern durchzogen ist? Was wiegt schwerer: die Verantwortung gegenüber der Gesellschaft oder die Treuepflicht gegenüber dem Arbeitgeber?

Nicht jede Nachricht über Risiken eines bestimmten Produkts oder Verfahrens ist gesichert und nachweisbar. Hochbrisante Informationen müssen immer sorgfältig recherchiert und später von unabhängigen Experten überprüft werden, bevor sie als zuverlässig gelten können. Aber auch wenn sich die Warnung eines Whistleblowers als wahr erweist, kann er nicht unbedingt mit der Zustimmung seiner Firmenleitung, der vorgesetzten Behörden etc. rechnen. Überbringer schlechter Nachrichten sind nicht gern gesehen. Sind unbequeme Folgen zu erwarten, muß der Warner und Mahner selbst mit Nachteilen rechnen. Whistleblowern - auch wenn sie noch so wichtige Informationen in die Öffentlichkeit tragen - wird zum Dank für ihre Zivilcourage oft übel mitgespielt. Ein Wistleblower, der seinen Fall in diesem Buch darstellen wollte, mußte seinen Beitrag zurückziehen, weil er existentiell bedroht wird.

Nikitin, Mirzajanov und Vanimu

Am 2. Februar 1996 wurde der russische Ex-Militär Alexander Nikitin für zehn Monate in Untersuchungshaft gesteckt. Nikitin hatte als Atomexperte für das Verteidigungsministerium gearbeitet. Er wurde festgenommen, weil er die Öffentlichkeit darüber informiert hatte, daß gesunkene, versenkte oder ausgemusterte Atom-U-Boote der russischen Kriegsflotte voll von nuklearem Sprengstoff das Nordpolarmeer vergiften.2

Als Geheimnisverrat sah die russische Militärrührung die aufsehenerregende Enthüllung des Chemikers Vil Mirzajanov an. Er hatte sich an die Öffentlichkeit gewandt, weil in Rußland weiterhin chemische Kampfstoffe entwickelt wurden, obwohl das Land einem internationalen Abkommen über den Abbau chemischer Waffen beigetreten war. Reiner Braun hat mit dem russischen Wissenschaftler ein Gespräch geführt (siehe S. 168).

Der Israeli Mordechai Vanunu hatte sich mit der Information an die Öffentlichkeit gewandt, daß Israel Atombomben baut. Seit vielen Jahren sitzt er - obgleich seine Sache inzwischen längst ohne jegliche politische Relevanz ist - in Einzelhaft. Daran konnte keiner der vielen Fürsprecher in England, den USA oder Deutschland etwas ändern (siehe S. 159).

Nicht alle Fälle sind so spektakulär. Im Alltag ereignen sich viele Beispiele von Whistleblowing und zivilem Ungehorsam. Die Wirtschaftswoche berichtet beispielsweise über die Assistenz­ärztin Cora Jakobi. Sie prangerte in einer Fernseh-Talkshow den »Bettennotstand und zu frühe Entlassungen noch ungeheilter Patienten« im Krankenhaus Neukölln in Berlin an. Altere Patienten mit Lungen­entzündung seien zu früh nach Hause entlassen worden und hätten kurze Zeit später wieder aufgenommen werden müssen. Ein Patient habe sogar nach einer Herzoperation auf dem Flur liegen müssen - ohne Klingel ins Schwesternzimmer. In diesem Fall bekam jedoch die Ärztin, die fristlos entlassen werden sollte, vor dem Berliner Arbeitsgericht recht. Die Meinungsfreiheit der Arztin gehe vor, hieß es in der Urteils­begründung.3 Diese Entscheidung sollte Schule machen.

Gewinne und Investitionen versus Gewissen

Whistleblower, die Geheimnisse aus dem militärischen Bereich an die Öffentlichkeit tragen, sind besonders gefährdet. Aber auch multinationale Konzerne ebenso wie kleine Firmen greifen gerne zu einschneidenden Sanktionen. Direktoren oder Vorstände sind verständlicherweise nicht begeistert, wenn sie realisieren müssen, daß ihre Produkte oder Produktionsverfahren zu Schäden bei Mensch und Natur rühren. Warnungen vor bedrohlichen Folgen verstehen sie als Angriff. Sie sehen ihre Investitionen, ihre Gewinne, das Ansehen ihres Unternehmens, vielleicht sogar ihre Existenzgrundlage gefährdet. Aus ihrer Sicht bedeutet Whistleblowing Untreue gegenüber der Firma. Im einfachsten Fall ignorieren sie die Nachricht, lassen die Unterlagen darüber in der Schreibtischschublade verstauben. Wenn das nichts nützt, wird versucht, den Informanten unglaubwürdig erscheinen zu lassen oder auszuschalten. 

Psychologisierung des Konflikts

Entschließt sich also jemand, brisante Informationen über seine Firma an die Öffentlichkeit zu bringen, muß er sich auf einiges gefaßt machen: Statt der erwarteten sachlichen Auseinandersetzung über das kritische Thema wird die Angelegenheit gerne auf eine psychologisch individualisierende Ebene geschoben. Diese Methode ist in der Regel einfacher, als das aufgedeckte Problem anzugehen. Plötzlich werden die fachliche Kompetenz und die Arbeitsleistung des »Verräters« angezweifelt. Er sei ein Störenfried, verhalte sich nicht loyal und gefährde obendrein die Arbeitsplätze seiner Kollegen. Viele Whistleblower werden auf diese Weise gekränkt und gedemütigt, ihre Motive in den Schmutz gezogen. Die vermeintlichen Störenfriede werden ausgegrenzt, unter Druck gesetzt, bedroht. Etliche Firmen, Forschungsinstitute und Behörden haben solche »Leichen im Keller«.

Angst vor Arbeitslosigkeit

Auch die Mitarbeiter solidarisieren sich meist nicht, sondern beobachten lieber alles aus der Entfernung. Selbst befreundete Kollegen, die früher derselben Meinung wie der Whistleblower waren, wollen davon nichts mehr wissen, wenn es zum Spruch kommt. Die Isolierung am Arbeitsplatz verstärkt den Druck bis in die Familien hinein. Zu Hause diskutieren die Angehörigen vielleicht hart darüber, ob es die Sache wen ist, dafür die Karriere, die Freundscharten und die Existenz der Familie aufs Spiel zu setzen.

Besonders in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit tritt die berufsethische Verantwortlichkeit gegenüber der Sorge» um den eigenen Arbeitsplatz in den Hintergrund. Die Arbeitnehmer  stehen mit dem Rücken zur Wand und können ihre Rechte nur eingeschränkt wahrnehmen. Ein potentieller Whistleblower muß nicht nur um seinen jetzigen Arbeitsplatz fürchten, sondern auch, danach auf lange Sicht arbeitslos zu bleiben. Das treibt manchen dazu, seine Gewissensbisse zu verdrängen.

Sanfter Druck auf die Öffentlichkeit

Wenn es einer Chefetage nicht gelingt, den Konflikt - wie auch immer - innerbetrieblich zu unterdrücken, wird gewöhnlich versucht, eine Veröffentlichung im Vorfeld zu verhindern. Auf politischer Ebene kümmern sich Lobbyisten um die »richtigen« Rahmenbedingungen, und notfalls sorgt mehr oder weniger »sanfter« wirtschaftlicher Druck für Wohlverhalten. So macht beispielsweise die Bekleidungsindustrie ihren Einfluß geltend, wenn es um gesundheitliche Folgen der sogenannten Textilveredelung geht, die Chemie den ihren, wenn es um den Nachweis ihrer Schadstoffe geht, die Atomindustrie, wenn es um Niedrigstrahlung und andere nukleare Risiken geht, die Energieunternehmen, wenn es um Elektrosmog geht, die Betreiber von Müllverbrennungsanlagen, wenn es um Dioxin geht, die Druckindusme, wenn es um Lösungsmittel geht, die Teppichhersteller, wenn es um Pyrethroide geht, die Nahrungsmittelindustrie, wenn es um die Deklarierung von Genmanipulation und Zusatzstoffen, die Fleischwirtschaft, wenn es um die prekären Zustände beim Mästen und beim Transport von Vieh geht. Diese Liste ließe sich beliebig erweitern.

Während sich durch eine geschickte Öffentlichkeitsarbeit die eigene Sicht verbreiten läßt, muß zur Unterdrückung unliebsamer Gegenansichten in den Medien schon schwereres Geschütz aufgefahren werden - etwa durch die Drohung, keine Werbung mehr zu schalten, falls ein mißliebiger Beitrag gedruckt oder gesendet werden sollte. Und wenn das so nicht zu verhindern ist, muß ein unternehmens­freundlicher Experte her, der ein Gegengutachten erstellt nach dem Motto:

»Wes' Brot ich ess', des' Lied ich sing'.«

Schadensersatzdrohungen und andere Repressalien

Besonders gerne drohen potente Unternehmen einem Whisdeblower mit hohen, willkürlich angesetzten Streitkosten. Ihre wirtschaftlichen Einbußen durch angeblich Image- oder geschäfts­schädigende Äußerungen beziffern sie nicht selten auf Hunderttausende, wenn nicht Millionen Mark. Nach oben sind da keine Grenzen gesetzt. Kein Wunder, daß viele Whistleblower angesichts der Heerscharen gutbezahlter Anwalte der Industrie lerzcendlich davor zurückschrecken, ihrem Gewissen zu folgen. Nicht so der Neurologe Dr. Peter Binz, der mit einem Ordnungsgeld über 500 000 Mark in die Knie gezwungen werden sollte (siehe S. 78).

In den meisten Fällen haben aber nicht nur die Unternehmensleiter erc. kein Interesse daran, in den Blick der Öffentlichkeit zu geraten, sondern auch die Betroffenen selbst wollen - aus verschiedensten Gründen - anonym bleiben. Das macht die Aus­einander­setzung und Diskussion um das Thema Whistleblowing äußerst schwierig, wie die Biologin Christine von Weizsäcker einmal bedauernd festgestellt hat.

Mitarbeiter in Instituten und Unternehmen stecken ihr zwar immer wieder Informationen darüber zu, »was im Bereich Umwelt schiefläuft«, aber Betroffene können die nötigen Beweise und Dokumente oft deshalb nicht liefern,'weil ihre Karriere in Gefahr ist, weil sie ihr Haus abzahlen müssen oder in anderen finanziellen Abhängigkeiten stehen. In solchen Fällen könne sie wichtige Informationen nur als Vermutungen weitergeben, so die Biologin.4

Als das Fernsehmagazin Monitor eine Sendung über Whistleblower machen wollte, bekam es zwar viele Adressen, fand aber kaum einen Wissenschaftler, der bereit war, sein Problem vor der Kamera offen darzustellen.5 Wie groß der Druck ist, zeigt das Beispiel eines Arztes an einem hessischen Gesundheitsamt, der 1993 in einer Studie bei Schülern eine hohe Wahrscheinlichkeit für einen Zusammenhang zwischen der Anzahl der Amalgamfüllungen und der Häufigkeit von Allergien feststellte. Nicht nur, daß er seine Ergebnisse nicht veröffentlichen durfte. Mit Abmahnungen und der Androhung, ihn zu entlassen, wurde ihm sogar verboten, seine Arbeit zwei Experten auf diesem Gebiet vorzulegen. Erst nachdem er sich in einem Forschungsinstitut für Naturheilverfahren in Marburg selbständig gemacht hatte, konnte er die Ergebnisse seiner Studie in einer kleinen Naturheilzeitschrift drucken lassen.

Selbst staatliche Stellen sind sich nicht zu schade, sich zu Handlangern fremder Interessen zu machen: Das ehemalige Bundesgesundheitsamt beispielsweise warnte die Gesundheitsämter in einem Rundschreiben vor den Gutachten eines Professors, der - ohne Rücksicht auf die Interessen der chemischen Industrie - anhand eigener Forschungen auf die homotoxischen Wirkungen von Pestiziden aufmerksam gemacht hatte. Ihm wurde verwehrt, den Briefkopf und die Poststelle des Instituts, in dem er angestellt war, weiterhin zu benutzen. So geschehen in einem bundesdeutschen Großforschungszentrum .

Ein Wissenschartier, der in einer Chemiefirma arbeitete, fiel in Ungnade, weil er in Vorträgen vor den Auswirkungen bestimmter Schadstoffe warnte. Das sei geschäftsschädigend, wurde ihm gesagt. Er mußte gehen und sich schriftlich verpflichten, nichts weiter darüber zu veröffentlichen. Der Vertrag zu seiner Vorruhestandsregelung sah vor, daß ihm bei Zuwiderhandlung die Betriebsrente gesperrt werden könnte.

In der Auseinandersetzung um das Volksbegehren zur Müllverbrennung in Bayern engagierten sich viele Ärzte in Bürgerinitiativen gegen die Risiken der sogenannten thermischen Verwertung. Gefragt, ob die Arzteschaft legitimiert sei, in einer solchen Auseinandersetzung Stellung nehmen zu dürfen, wollte der damalige Innenminister der Ärztekammer einen Maulkorb verpassen. Er behauptete, daß eine Stellungnahme in Sachen Müll mit den Aufgaben der verfaßten Arzteschaft nicht vereinbar sei. Sollten einzelne Ärzte sich daran nicht halten, so könne auch ihre Approbation in Frage gestellt werden, ließ das Ministerium durchblicken.

Sogar Tierärzte, die auf eindeutige Fälle von Tierquälerei oder auf die gesetzeswidrige Verabreichung von Medikamenten und Hormonen hinweisen, können sich nicht ungeteilter Zustimmung erfreuen. Über einen niedersächsischen Veterinär, der immer wieder Skandale beim Transport von Schlachtvieh aufdeckte und deshalb von der Oberkreisdirektion in Cloppenburg disziplinarisch und strafrechtlich verfolgt wurde, berichtete der stem.6

Die Methoden, Whistleblower zum Schweigen zu bringen, reichen - das zeigen schon diese wenigen Beispiele - von Mobbing über den Graubereich von Bedrohung und Nötigung bis zu offener Erpressung. Es gibt viele Mittel, um unbequeme Informanten einzuschüchtern. Eine besondere Variante, kritische Wissenschaftler »zur Räson zu bringen«, ist auch, deren Doktoranden keine Anstellung zu geben.

Die Biologin Christine von Weizsäcker kritisiert die Art und Weise, wie mit Whisileblowern umgegangen wird. Sie fordert mehr Durchsichtigkeit in der Wirtschaft: »Wegen Glasnost war man bereit, überall zu applaudieren. Wenn die Leute hier offenlegen möchten, was auf dem Weltmarkt passiert, ist es Nestbeschmutzung. Das kann nicht sein.«7

Es gehört viel Mut dazu, offen aufzutreten und einen Mißstand anzuprangern. Noch mehr Mut ist wohl nötig, um den Konflikt auch noch öffentlich durchzustehen. Ein Whistleblower muß nicht nur ethisch motiviert, sondern auch seiner selbst sehr sicher sein, wenn er gegen den Strom schwimmen will. Dem Druck von außen halten nur wenige stand. Ganz allein auf sich gestellt, drohen die Whistleblower unterzugehen. Mancher macht einen Rückzieher. Aber nicht nur der einzelne Betroffene fällt diesem System zum Opfer: Auf der Strecke bleibt auch das Recht der Allgemeinheit, über Gefahren aufgeklärt zu werden.

Weiße-Kragen-Täter und Justitia

Die meisten Strafaktionen gegen Whistleblower sind un-justitiabel. Das Opfer hat kaum eine Chance, sich zu wehren oder seinen Standpunkt durchzusetzen. Vor dem Arbeitsgericht in dieser Sache recht zu bekommen, ist nicht einfach. Dem entspricht, daß die verantwortlichen Unternehmer, Institutsleiter und Chefs - die gegen Auflagen verstoßen haben oder durch schädliche Produkte die Gesundheit der Menschen aufs Spiel setzen - in der Regel nur ein vergleichsweise geringes Strafmaß zu befürchten haben. Der Holzschutzmittelprozeß etwa, angestoßen durch Anzeigen von über 5000 Geschädigten, wurde 1996, nach zwölf Jahren Dauer, gegen eine Summe von je 100000 Mark für die beiden verantwortlichen Geschäftsführer der Firma Desowag Bayer Holzschutz GmbH eingestellt. Zu einer Entschädigungsregelung für die Opfer kam es in dem Strafverfahren nicht. Erreicht wurde in einer außergerichtlichen Vereinbarung aber wenigstens, daß die früheren Muttergesellschaften der Desowag, die Bayer AG und die Solvay Deutschland GmbH, vier Millionen Mark an das Land Hessen zahlen müssen. Mit diesem Geld soll ein Lehrstuhl für Toxikologie an der Universität Gießen eingerichtet werden.8 Oft erfolgt jedoch überhaupt keine Verurteilung der Verursacher. »Ein Vorsatz ist nicht nachzuweisen«, lautet dann der Tenor der Richtersprüche. Vergleicht man den angerichteten Schaden mit dem verhängten Schadenersatz oder der Strafe, so fällt eine eklatante Unverhältnismäßigkeit auf, und es beschleicht einen das Gefühl, daß Justitia zum käuflichen Gewerbe gehört.

Wenn auch von unseren Juristen nicht erwartet werden kann, daß sie über die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse über Auswirkungen von Schadstoffen, Nebenwirkungen von Chemieprodukten etc. immer aktuell informiert sind, so müßten sie doch dringend dafür sorgen, daß an Weiße-Kragen-Täter im Bereich der Wirtschaft die gleichen Maßstäbe angelegt werden wie an jeden anderen Betrüger oder Gewalttäter auch. Wo Schäden offensichtlich unverschuldet entstanden sind, müßte der Verursacher immerhin für die Folgen haften und Wiedergutmachung leisten. Dazu müßte eine Versicherungspflicht geschaffen werden. Sollte sich eine Versicherungsgesellschaft weigern, ein bestimmtes Risiko zu versichern, weil es ihr unkalkulierbar erscheint, müßte auf das Entwicklungs- oder Forschungsvorhaben eben verzichtet werden. Der Jurist Dieter Deiserorh schlägt gemeinsam mit einigen Kollegen für den Bereich Gentechnik vor, »für »ökologische Schäden« einen treuhänderischen Anspruch anerkannter Umweltverbände oder des Staates zu begründen, um von der >haftungsrechtlichen Seite< den Anreiz zur Vorsorge und Schadensvermeidung (...) zu erhöhen«.9 Dieser Vorschlag könnte durchaus auch auf andere Bereiche ausgedehnt werden.

Schöne Worte - wenig Taten

»Unsere Unternehmensziele sind eingebunden in die ethischen Wertvorstellungen unserer Kultur und unserer Gesellschaftsordnung.«10 Mehr und mehr Unternehmen haben sich inzwischen eine Unternehmensethik »zugelegt«, um dem gestiegenen Bewußtsein der Verbraucher für moralisch einwandfreie und ökologisch verträgliche Produkte begegnen zu können. So edel solche ethischen Selbstverpflichtungen klingen, so unerreichbar sind sie. Zudem sind diese Visionen meist so allgemein gehalten, daß jeder sich damit identifizieren kann und darunter verstehen kann, was er mag.

»Die Ärzte, die bei Hoechst Marlon Roussel arbeiten«, heißt es beispielsweise in einer hauseigenen Broschüre des Chemiekonzerns, die kostenlos in Intercitys ausliegt, seien »an ihren Hippokratischen Eid gebunden, der die Einhaltung oder "Wiederherstellung menschlicher Gesundheit und "Wohlbefindens verlangt«11 Was aber heißt das in der Praxis? Für wen gilt das? Ein Vorstandsmitglied von Hoechst riet 1990 (am Rande einer Tagung in der Evangelischen Akademie in Tutzing) einer an MCS (Multipler Chemikalien-Sensibilität) erkrankten Frau, die neben einer Baumschule wohnte, wo regelmäßig große Mengen an Pestiziden gespritzt werden:

»Ziehen Sie in die Stadt, und gehen Sie in die Kirche.«

Forschung - in wessen Interesse?

Forschung, die von industrieller Seite finanziert wird, ist durchaus nicht allein deshalb generell als negativ zu bewerten, weil damit Profitinteressen verfolgt werden. Doch entscheidende Innovationen entwickeln sich meist aus der erkenntnisorientierten Grundlagenforschung. »Eigentlich sollte Forschung nur aus öffentlichen Mitteln bezahlt werden«,12 meint die Zukunftsforscherin Hazel Henderson und mit ihr viele andere Wissenschaftler. »Industriegelder für Forschung sind ein Problem, weil dann einseitig die Interessen der Vermarktung im Vordergrund stehen.« Mit der finanziellen Unterstützung habe sich die Industrie ein Mitspracherecht an der Aufgabenstellung der Projekte in den Forschungseinrichtungen erkauft. »Sogar die Verleihung des Nobelpreises wird indirekt von der Wirtschaft beeinflußt«, erklärt Henderson. »Wo viel Geld geflossen ist, will man natürlich auch Ergebnisse sehen. Ganz deutlich ist das beim >Nobel-Memorial-Price for Economics<, der von der schwedischen Zentralbank verliehen wird. Die Vergabe dieses Preises erweckt auch den Eindruck, als wenn die Ökonomie eine Wissenschaft sei. Das ist aber nicht der Fall.« In der Betriebswirtschaftslehre, so Henderson weiter, gehe es vor allem um Regeln der Marktwirtschaft, über die sich die Menschen geeinigt hätten. Die Ökonomen versuchten ihre eigenen Regeln durch Wiederholung immer wieder zu verifizieren. Dadurch würden sie aber nicht wahrer und besser, sondern erfüllten lediglich das Prinzip der »selffülfilling prophecy«. Der freie Markt befriedige nur die Bedürfnisse der Leute, die das nötige Geld haben. »Der Staat wird heute zur Geisel der Märkte und Machtspielchen«, resümiert Henderson.

Auch Ricardo Petrella, Professor an der Universite Catholique de Louvain, sieht eine immer größere Einflußnahme der Wirtschaft auf den Staat: »Wettbewerbsfähigkeit hat heute nicht nur bei den Unternehmen erste Priorität, sondern für den Staat und die Gesellschaft als Ganzes.« Die Wirtschaft, so stellt der Professor aus Belgien fest, bestimme längst Lebensbereiche, die ursprünglich nichts mit Wirtschaft zu tun gehabt hätten. Wenn es zum Beispiel darum ginge, das Erziehungssystem zu reformieren, komme stereotyp der Hinweis, daß das Hauptziel des Unterrichts darin bestehe, in Hochschul- und Berufsausbildung ein höheres Niveau des »Humankapitals« zu erreichen, um die eigene Wirtschaft wettbewerbsfähiger zu machen gegenüber konkurrierenden fremden Ländern.13 In Bertolt Brechts Dreigroschenoper heißt es: »Erst kommt das Fressen, dann die Moral.« In den satten Industrieländern gilt heute: »Erst Cash, dann die Moral.«

Wohlstand statt Scheinwohlstand

Hazel Henderson versteht sich selbst alsWhistleblower. Vehement wendet sie sich in Vorträgen und Büchern dagegen, das Bruttosozialprodukt zum Maßstab für die Lebensqualität eines Landes zu machen. Statt einer solchen Gesamtrechnung sollten die Ausstattung sozialer Einrichtungen, Standards für Umweltverträglichkeit, Bildung etc. als Maßstab herangezogen werden, erklärt sie. Damit sei das Establishment aber nicht einverstanden gewesen: »Man hat versucht, mich auszuschalten. Die Professoren haben meine Bücher aus den Regalen der Bibliotheken entfernt. Aber die Studenten stellen sie immer wieder hinein.« Whistleblower sollten mutig sein und sich nicht abhängig machen von einem Institut oder einem Betrieb, rät die Zukunftsforscherin. »Sie müssen bereit sein, Risiken einzugehen. Wissen ist gefragt. Man kann beispielsweise ein privates Beratungsunternehmen aurmachen. Davon wird man nicht reich, aber man kann davon leben.«

Umdenken auch in der Bevölkerung

Zwar wäre schon viel erreicht, wenn die verantwortlichen Unternehmer und Manager zu einem anderen Umgang mit Whistleblowern und ihren Warnungen und ihrer Kritik finden würden. Es reicht allerdings nicht, wenn die Unternehmer allein umdenken. Auch die Bevölkerung sollte es positiv aufnehmen, wenn ein Produkt aus Verantwortung für die Verbraucher frühzeitig zurückgerufen wird. Daraus sollte nicht voreilig auf Unzuverlässigkeit der Firma geschlossen werden, vielmehr verdient eine Rückrufaktion Anerkennung als besonders verantwortungsvolles Handeln des Unternehmens. Durch eine gesteigerte Akzeptanz derartiger Maßnahmen kann die Hemmschwelle für Unternehmen gesenkt werden, rechtzeitig Schäden zu verhindern, ohne eine Imageoder Absatzeinbuße befürchten zu müssen.

In einer auf Wachstum und technischen Fortschritt orientierten Gesellschaft ist Whistleblowing ein wesentlicher Faktor, um unser aller Zukunft und Überleben zu sichern. Denn schließlich gehen wir mit Technologien um, die in der Lage wären, die Menschen ebenso wie jedes höhere Leben auf der Erde zu vernichten. Gefährliche Produkte sollten deshalb so früh wie möglich aus dem Verkehr gezogen werden - am besten von den Herstellern selbst. Politik und Justiz arbeiten zu langsam.

Die einzige Chance, längerfristig zu überleben

Inzwischen denken viele Unternehmen um. In der Schweiz beispielsweise gibt es das Familienunternehmen Collano Ebnöther AG, das Klebstoffe herstellt. Seit über 25 Jahren verfolgt die Firma nun schon ein Konzept, bei dem nicht kurzfristige Gewinnmaximierung im Vordergrund steht, sondern ökologisch bewußte Unternehmensführung und ein Gewinn, der das Unternehmen langfristig am Leben erhält.14Gerry Leumann, Delegierter des Verwaltungsrats, versucht in seiner Firma Leute zu vereinen, die ähnliche Ansichten nicht nur in bezug auf das Unternehmensziel, sondern auch hinsichdich des Stellenwerts haben, den die persönliche Befriedigung in ihrer Arbeit einnimmt. Der Chef eines Unternehmens solle die Rolle des Spiritus rector übernehmen, der übergeordnete - so auch ökologische - Gesichtspunkte zur Sprache bringt, fordert Leumann. Dazu gehöre, daß die Geschäftsleitung wach und aufmerksam den Alltag erlebe. Aus vielen Signalen von außen entstünden neue Entwicklungen, die ständig überprüft werden müßten.

1984 übernahm Leumann selbst die Funktion eines Whistleblowers: Er entschied, daß kein auf Lösungsmitteln basierendes Produkt neu in die Entwicklung aufgenommen wird. Das löste damals bei den angestellten Chemikern Kritik aus. Aber dann entwarfen sie tatsächlich eine Produktlinie, die wesentlich umweltfreundlicher ist als alle früheren. 1990 wurden lösungsmittelhaltige Produkte ganz aus dem Sortiment verbannt und mit großem Aufwand das neue Collano-Sortiment auf den Markt gebracht. Langfristig ein wirksamer Wettbewerbsvorteil, wie sich herausstellte: Die Firma konnte sich dadurch auf dem Markt erhebliche Gewinne verschaffen.

Technikfeindlichkeit - ein Scheinargument

Verfechter der »Wachstumsgesellschaft« werfen ihren Kritikern immer wieder Technikfeindlichkeit vor. Besonders in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit trifft dieses Scheinargument leider auf offene Ohren. Dabei hat eine distanzierte Haltung zu riskanten Technologien gar nichts mit Technikfeindlichkeit zu tun. Auf die Ziele kommt es an. Eine Technik, die dem Menschen dient und fehlerfreundlich ist - das wäre die wahre Herausforderung für Ingenieure und Wissenschaftler. Gleichzeitig könnten viele neue Arbeitsplätze geschaffen werden und das Markenzeichen »Made in Germany« wieder zu Rang und Namen kommen.

Unterstützung für Whistleblower

In den USA und in England gibt es bereits Initiativen, die unter Druck geratene Whistleblower finanziell unterstützen, Rechtsberatung anbieten oder stellvertretend für Whistleblower an die Öffendichkeit gehen. Wie solche Ansätze auf die Situation in der Bundesrepublik übertragen werden können, ist das Thema des Beitrags von Dieter Deiseroth (siehe S. 285).15 Vor kurzem wurde auch in der Bundesrepublik im Zusammenhang mit dem »International Nerwork of Engineers and Scientists« eine Ethikschutz-Initiarive gegründet, die sich mit dem Problem Whistleblowing befaßt (siehe S. 236).

Auszeichnung praktikabler Anregungen

Professor Hans Werner Bierhoff von der Universität Bochum möchte auf Whistleblowing in modernen Unternehmen nicht verzichten: »Ich sehe Whisdeblowing als ein spontan hilfreiches Verhalten. Die Mitarbeiter werden motiviert, mitzudenken, wenn nichtkäufliche Eigenschaften wie Höflichkeit, Freundlichkeit und Ehrlichkeit gefragt sind. Es wirkt sich auf das Unternehmen günstig aus, wenn die Mitarbeiter sich auf die Kundenwünsche einstellen und die Leitung auf technische Mängel aufmerksam machen. Unternehmen, die riskante Techniken entwickeln oder sie in ihrem Produktionsprozeß einsetzen, brauchen dringend Whistleblowing. Werden nämlich Probleme verdrängt, drohen Skandale, und die Firma gerät in Mißkredit. Manager versuchten oft, fair zu erscheinen - sie sollten lieber fair sein«, fordert der Psychologe. Whistleblowing bedeute für Mitarbeiter eine schwierige Entscheidung. Sie müßten viel Mut aufbringen, sich über Anordnungen oder Gewohnheiten hinwegzusetzen. »Whistleblowing ist nicht illoyal. Im Gegenteil. Es ist ein sensibler Indikator für Probleme, die gelöst werden müssen. Eine hohe Loyalität gegenüber dem Unternehmen oder der Institution schließt ein hohes Potential an Whistleblowing ein. Anstatt Informationen über negative Wirkungen von Produkten zu unterdrücken, sollten praktikable und umweltfreundliche Vorschläge von Mitarbeitern gefördert werden«, empfiehlt Bierhoff.16

Auch Auszeichnungen und Preise könnten ein nachhaltiges, weniger riskantes Wirtschaften fördern. Einen »Clara-Immerwahr-Preis« an Personen, die sich in ihrem Beruf durch besonders verantwortungsvolles Verhalten verdient gemacht haben, verleiht die Deutsche Sektion der Arzte zur Verhütung des Atomkrieges (International Physicians for die Prevenrion of Nuclear War, IPPNW). Mit dem »Right Livelyhood Award«, dem sogenannten Alternativen Nobelpreis der Stiftung Right Livelyhood Foundation (Stockholm/London) von Jakob von Uexküll, werden solche Forscher geehrt, die ihre Verantwortung als Wissenschartier ernst genommen haben und mit ihrer Tätigkeit der Menschheit langfristig dienen. Und der Münchner Journalist und Publizist Claus Biegert ruft derzeit den »Nuclear-Free-Future Award« ins Leben. Mir diesem Preis sollen Menschen und Initiativen geehrt werden, die sich für eine nuklearfreie Welt einsetzen.

»Das Schicksal der Menschheit hängt von der Wissenschaft ab«, erklärte Joseph Rotblat 1995 in seiner Dankesrede anläßlich der Verleihung des Friedensnobelpreises in Stockholm. Regierungen und Industrie würden häufig mit falschen Informationen an die Öffentlichkeit gehen. Darum sei es die Pflicht eines Wissenschaftlers, die Öffentlichkeit aufzuklären, mahnte der Physiker.
 


Anmerkungen

1] Friedrich Schorlemmer im Gespräch mit Meinhard Schmidt-Degenhard:

Selig sind die Verlierer, Pendo-Profile, Zürich 1996, S. 55 ff.

2] »Das unglaubliche Risiko der Nestbeschmutzung«, in: Süddeutsche Zeitung, 20.11.1996.

3] Claudia Tödtmann: »Viel zu früh endassen«, in: Wirtschaftswoche Nr. 9, 20.2. 1997.

4] Christine von Weizsäcker: Statement auf dem Kongreß »Grenzenlos«, 'Wissenschaftszentrum Nordrhein-Westfalen, Wuppertal, 22. November 1996.

5] ARD, Monitor, 26. l. 1995.

6] »Export: Maulkorb für Tierschützer«, in: stem, 28. 9. 1995.

7] Christine von Weizsäcker, a. a. 0.

8] Kurzinfo Nr. 8/9628, Interessengemeinschaft der Holzschutzmittel-Geschädigten e. V., Unterstaat 14, 51766 Engelskirchen.

9] Dieter Deiseroth: Berufsethische Verantwortung in der Forschung - Möglichkeiten und Grenzen des Rechts, LIT-Verlag, Münster 1997, S. 483.

10] Josef Meran, in: Hoechst Magazin Future (Forschung und Entwicklung Spezial), S. 73.

11] ebd.

12] Hazel Henderson, Leiterin der Organisation »The Global Commission to Fund die United Nations«, auf dem Kongreß »Grenzenlos« (vgl. Anm. 4).

13] Ricardo Petrellaaufdem Kongreß »Grenzenlos« (vgl. Anm. 4).

14] Gerry Leumann, 9. Januar 1997, Collano Ebnöther AG, Sempach Station, Luzern.

15] Siehe auch Dieter Deisenroth: Berufsethische Verantwortung in der Forschung, a. a. 0., S. 236 ff.

16] Hans Werner Bierhoff: Statement auf dem Internationalen Psychologen Kongreß, 22.-26. September 1996, Ludwig Maximilians Universität München.


I Vom Umgang mit der Wahrheit Erfahrungen aus Deutschland

Helmut A. Hübers

Eingeschüchtert, verleumdet und ausspioniert - Wie man im Saarland mit den Gegnern der Müllverbrennung umgeht.

Vorbemerkungen

Das Saarland ist das kleinste Flächenland in der Bundesrepublik Deutschland. In puncto Müllaufkommen pro Bürger und wegen der laschen Umweltkontrollen hat dieses Land sich jedoch eine Spitzen­position verdient. Der Skandal um ein Massen­fisch­sterben in der Saar wurde offenbar von Amts wegen nie aufgeklärt, und die gleiche Behörde nimmt schon seit Jahren eine generelle Verseuchung von saarländischen Gewässern in Kauf.Nachdem in den Wahlkämpfen der achtziger Jahre die Müllverbrennung von der damaligen SPD-Opposition vehement abgelehnt wurde, hat die danach erfolgte Übernahme der Regierungsgewalt zu einer krassen Umorientierung gefuhrt. Der neu gekürte Umweltminister Jo Leinen hat in dieser Frage eine Metamorphose vom Paulus zum Saulus erfahren. Weite Teile der Bevölkerung, aber auch viele Mitglieder der eigenen Partei konnten diesem Kehrtschwenk nicht folgen und gründeten Bürger­initiativen gegen Müllverbrennung und für Müllvermeidung im Bereich des Einzugsgebiets der geplanten Müll­verbrennungs­anlage in Velsen bei Saarbrücken. Außer durch Naturschutz­verbände (BUND, NABU, VSNU u. a.) wurden sie dabei insbesondere durch die evangelischen Kirchen­gemeinden in Großrosseln und Klarenthal unterstützt. In diesen Kirchen­gemeinden wurde der Widerstand gegen Müllverbrennung formiert und in zahlreichen Aufklärungs­veranstaltungen über die Nachteile und Gefahren der Müll­verbrennungs­technologie unterrichtet. Auch Fragen der Ethik bezüglich der Müllverbrennung und die Alternative durch Müll­vermeidung wurden regelmäßig diskutiert und dadurch den Mitbürgern ans Herz gelegt. Eine Einbindung von Ärzten in die Formation der Müll­verbrennungs­gegner war zu diesem Zeitpunkt noch nicht erkennbar.

Bildung einer Initiative der saarländischen Ärzte gegen Müllverbrennung

Ich bin aus den USA nach fast zehnjähriger Abwesenheit im Jahre 1990 in meine Heimatgemeinde Saarbrücken-Klaren-thal zurückgekehrt. Als Professor für Pharmakologie/Toxikologie und als Diplom-Chemiker wurde ich über mir befreundete Mitglieder der Bürgerinitiative um meine wissenschaftlich begründete Meinung zur Müllverbrennung gebeten, und ich habe dies in einem Interview mit der Saarbrücker Zeitung am 3. August 1990 in einigem Detail dargelegt. Die darin enthaltenen kritischen Anmerkungen zur Müll­verbrennung zeitigten rasch eine Reaktion der Ärzte im näheren Umfeld der Landeshauptstadt, aber auch im gesamten Saarland. So wurde auf mein Betreiben hin die Initiative der saarländischen Ärzte gegen Müllverbrennung in Saarbrücken gegründet, und ich übernahm die Position eines Sprechers des wissenschaftlichen Beirats dieser Organisation.

Regierungsspäher vor Ort

In meiner Funktion als Sachverständiger der Müll­verbrennungs­technologie wurde ich von Ärzten der verschiedenen Kreisvereine des Saarlands zu Vorträgen über Müllverbrennung und Strategien der Müllvermeidung eingeladen. Diese Veranstaltungen nahm ich zum Anlaß, den Kollegen fundierte Grundlagen aus Sicht eines Chemikers und eines Mediziners zu übermitteln. Gleichzeitig versuchte ich in Fortbildungsveranstaltungen bei den etablierten Parteien und bei Naturschutzverbänden mehr über die Gefahren der Müllverbrennung an die interessierte Öffentlichkeit zu bringen. Eine solche Informationsveranstaltung fand im Pfarrsaal der evangelischen Gemeinde in Großrosseln am 9. Oktober 1991 statt. Die Veranstaltung war vom Verein für Umwelt- und Naturschutz organisiert, und etwa 80 Zuhörer waren anwesend. Zu meinem Erstaunen war trotz mehrfacher Einladung kein ärztlicher Kollege der durch den Bau von Velsen wohl am meisten betroffenen Gemeinde Großrosseln anwesend. Anwesend waren aber eine Reihe von Rechtsanwälten und Vertretern der Kirchen nebst den Naturschützern. Diese Veranstaltung dauerte mehrere Stunden und war von einer ausgiebigen Diskussion begleitet. Während der Veranstaltung wurden fleißig Notizen gemacht, und ebensolche Notizen sollten später für Aufregung im Saarländischen Landtag sowie bundesweit in den entsprechenden Behörden und Naturschutzkreisen sorgen. Grund dafür ist ein sogenannter Spähbericht eines vom Umweltministerium entsandten Beamten, der seinem obersten Dienstherrn Auskunft über Details dieser Veranstaltung geben sollte. Bezeichnenderweise waren in der Veranstaltung weder ausgewiesene Vertreter des Antragstellers für die Müllverbrennungsanlage (Kommunaler Abfallentsorgungs

Kopie Regierungsspäherprotokoll1Kopie Regierungsspäherprotokoll2

verband, KABV) noch als solche erkennbare Vertreter der Umweltbehörde anwesend. Von einer Überwachung dieser und ähnlicher Veranstaltungen erfuhr ich etwa drei Monate danach durch einen puren Zufall. Bei Sichten der Akten und Aufzeichnungen des in Völklingen stattgehabten Erörterungs­termins für Velsen fiel dem Anwalt der Bürgerinitiative, Herrn Rechtsanwalt Kali aus Moers, ein Spähbericht der Groß­rosseiner Veranstaltung in die Hände. Dieser konnte eine Kopie an mich weiterleiten (siehe S. 42 f.). Der Spiegel kontaktierte mich wenig später und wollte über diesen Vorgang aktuell berichten. Leider ist durch eine mir nicht bekannte Indiskretion eine Kopie einem anderen Presseorgan zugespielt worden, und die Frankfurter Rundschau berichtete vergleichsweise mild darüber. Der Verfasser des Spähberichts ist halb­journalistisch ausgebildet und war dem Ministerium offenbar auch bei anderen Veranstaltungen als professioneller Späher von Nutzen. Eine Auseinandersetzung der Opposition mit der Regierung des Saarlandes führte zu einer Rücktritts­forderung, der Minister Leinen, gestützt auf die sichere Regierungsmehrheit, aber nicht entsprechen mußte. Der Spähbericht, verfaßt von einem wissenschaftlichen Laien, enthüllte eine ganze Reihe von bemerkenswerten Strategien der Regierungspartei. Zum einen wollte man von Seiten des Umweltministeriums und des KABV nicht öffentlich mit den Gegnern der Müllverbrennung diskutieren, um so angeblich eine Profilierung der Müllverbrennungsgegner zu vermeiden. Zum zweiten hatte man erkannt, daß die Ärzte für die Akzeptanz von Müll­verbrennungs­anlagen störend sein könnten, und man mußte hier Gegenmaßnahmen ergreifen. Insbesondere sollten alle Veranstaltungen der Müllverbrennungsgegner überwacht werden. Es ist auch von »Ak-zeptanzmaßnahmen« die Rede, und ein Katalog solcher Maßnahmen sollte erarbeitet werden. Dieser Katalog war dem Spähbericht bedauerlicherweise noch nicht beigefügt. Dennoch ist hier wohl ein enger Zusammenhang mit einem Schmäh-Artikel gegen Dr. med. Max Daunderer zu sehen, der am 4. Dezember 1991 als Anzeige des Umweltministeriums - jedoch als solche kaum erkennbar - im Völklinger Stadtanzeiger erschien (siehe S. 46 f.). Eine andere Maßnahme zur Verbesserung der Akzeptanz der Müllverbrennung in der Bevölkerung war die Diskriminierung meiner Person sowie die Einflußnahme durch Vertreter des KABV auf andere Ärzte, sich hinsichtlich einer offenen Kritik an der Müll­verbrennungs­anlage zurückzuhalten. In meinem speziellen Fall trat der KABV-Vorsitzende selbst in Aktion. Dieser beschuldigte mich in einer Presseerklärung, in meiner Eigenschaft als Arzt und »als Teil einer speziell interessierten Seite ganz bewußt falsche Informationen gestreut« zu haben, mit der Absicht, hier etwas kaputtzumachen. Vom Verwaltungsgericht des Saarlandes in Saarlouis wurde Professor Bahr zum Widerruf dieser Presseerklärung verurteilt. Am Ende der gerichtlichen Auseinandersetzung habe ich nahezu 2000 Mark an Anwaltskosten selbst finanzieren müssen. Von der Ärzte­initiative gegen Müll­verbrennung habe ich in diesem gerichtlichen Verfahren - für mich tiefstbetrüblich - keine Unterstützung erfahren - wohl weil der Druck auf meine Ärzte­kollegen mittlerweile so stark geworden war, daß viele noch nicht einmal mehr vor ihren Patienten ihren Standpunkt gegen die Müllverbrennung zu vertreten wagten.

Fazit

Welche Nebeneffekte hat mein Einsatz gegen die Müll­verbrennung gebracht? Positiv zu Buche schlagen die mir offerierten gutachterlichen Tätigkeiten in puncto Müllverbren-

Ärzteschaft wehrt sich gegen Panik-Mache
Die Falsch-Aussagen eines Doktors
Abfall-Report IVSeine fachtoxikologische Bewertungen sind ungenügend
mfu. Saarbrücken. Die Ärzte sollen sich um gesundheitliche Dinge kümmern und stets Ihre Patienten und ihr Wohl im Auge haben. Darauf haben sie sogar einen Eid abgelegt. Mediziner ergreifen deshalb zu Umweltfragen immer häufiger engagiert und öffentlich das Wort. Das ist gut so.

Außenseiter 
zurückgepfiffen

Aber: Auch unter Ärzten gibt es einige Außenseiter mit sonderbaren Ansichten, zum Thema Müllverbrennung beispielsweise, und sogar mit fachlich fragwürdigen Therapie­vorschlägen. Das ist nicht gut. Maßgebliche und kompetente Instanzen der deutschen Medizin sahen sich deshalb zur Klarstellung gezwungen und haben diese Sonderlinge zurück­gepfiffen. Manche Ärzte müßten danach einen hochroten Kopf bekommen.Die Klarstellung der anerkannten medizinischen Institutionen zum Thema Müllverbrennung: An der

angeblichen Gesundheits­gefährdung der Bevölkerung durch Müll­verbrennungs­anlagen ist absolut nichts dran.

MVA-Emissionen
unbedenklich

Was aus Müll­verbrennungs­anlagen tatsächlich auf Land und Leute einwirke, liege "mehr als hunjdert-fach unter toxikologisch begründeten Grenzwerten . Die Zusatzbelastung'durch Dioxine aus M V As beispielsweise betrage weniger als ein Prozent dessen, was der Mensch aus anderen Quellen aufnehme "und ist damit als unbedenklich anzusehen." Dies stellt die "Deutsche Gesellschaft für Pharmakologie und Toxikologie" zur behaupteten Gesundheits­gefährlichkeit von Müll­verbrennungs­anlagen klar. Die Gesellschaft weiter: "Die Emissionen anderer organischer Stoffe sind...ebenfalls gering und daher gesundheitlich unbedenklich."Zu ähnlich klaren Aussagen kommen auch das Institut für Toxiko-

logie und Umwelthygiene der TU München und das Institut für Toxikologie der Gesellschaft für Strahlen- und Umweltforschung in Neuherberg. Deren Erkenntnis: Moderne Müllverbrennungsanlagen geben relativ geringe Mengen an Schadstoffen an die Umwelt ab. "Die daraus resultierenden Immissionskonzentrationen liegen unterhalb der Grundbelastung in ländlichen Gebieten." So steht's im Deutschen Ärzteblatt.

Total-Verriß des Doktors:
Nicht haltbar

Den geistigen Ziehvater der Anti-MVA eingestellten Ärzte sehen die Medizin-Experten in Dr. med. habil. Daunderer. Dieser lehnt Müllverbrennungsanlagen ab und schlägt darüberhinaus sogar wegen der angeblich damit zusammenhängenden Gefahr von Vergiftungen durch Metalle diagnostische und therapeutische Maßnahmen vor.

Die "Deutsche Gesellschaft" sagl zu diesem Eiferer klipp und klar, daß "die von Herrn Daunderei vorgelegte Beurteilung nicht der Anforderungen einer fachtoxiko logischen Bewertung entspricht.' Die Gesellschaft kommt sogar zu einem Total-Verriß des Doktors: Er komme "aus fachlicher Sichl zu falschen Schlüssen." Und: Seine Vorschläge zur Diagnostik und Therapie seien nicht haltbar.Alles Panikmache also, was einzelne Ärzte zum Thema Müllverbrennung zum Besten geben? Die Klarstellungen der führenden Organe der deutschen Ärzteschaft lassen keinen anderen Schluß zu.

Mehr über das ökologische Abfallkonzept des Saarlandes und nähere Informationen zum Thema "Medizin und Müllverbrennung" per Postkarte anfordern beim:

Ministerium für Umwelt 
Hardenbergstraße
6600 Saarbrücken

nung und Umwelttoxikologie. Auch bin ich zum Vorsitzenden des wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Gesellschaft für Umwelt- und Humantoxikologie (DGUHT) mit Sitz in Würzburg gewählt worden. Die gutachterliche Tätigkeit brachte mich aber zwangsläufig auf Kollisionskurs mit den etablierten Industriegutachtern, die auch in der Deutschen Gesellschaft für Pharmakologie und Toxikologie wichtige Funktionen besetzen. In einem von der Presse aufgegriffenen Fall konnte ich einen dieser Gutachter einer besonders ausgeklügelten Form des Plagiats überführen. Für eine Fortsetzung meiner erst vor kurzem in den USA begonnenen Universitäten und internationalen Karriere hingegen ist meine Tätigkeit als kritischer Wissenschaftler in Deutschland nicht förderlich gewesen. Hier besteht bei Bewerbungen eine enge Interessenabsprache zwischen Politik, Industrie und den Universitäten Berufungskommissionen. Auch in meiner Allgemeinpraxis gab es negative Folgen, denn sicherlich sind viele Patienten wegen meines Einsatzes gegen Müllverbrennung weggeblieben. Das ist vor allem auf die Einwirkung der vielen lokalen Firmen auf ihr Personal zurückzuführen. Diese ortsansässigen Firmen wollen am Bau der Müllverbrennungsanlage verdienen und brauchen dafür eine konforme Mannschaft.Aber der Kampf gegen bestimmte Formen der Ignoranz auf dem Umweltsektor und in anderen Bereichen wird ewig weitergehen. Noch viele kritische Wissenschaftler werden sich in den unsichtbar ausgelegten Netzen von Ministerien, der Industrie und des Müllentsorgungsgeschäfts verstricken. Hoffentlich können sie sich auch wieder daraus lösen!

Heinz Friedrich

Wenn das Gewissen schleichend verbogen wird - Widerstand am Arbeitsplatz in der Rüstungsindustrie

Es wird viel geredet und geschrieben über die Verantwortung von uns Naturwissenschaftlern und Ingenieuren für das, was wir tun. Diese Diskussion ist weitgehend theoretisch, und sie findet offenbar nahezu ausschließlich an Universitäten und wissenschaftlichen Instituten statt - wenn überhaupt. In der Industrie ist dies kein Thema, trotz aller anderslautenden Lippenbekenntnisse. In der Tat ist es dringend geboten, daß sich unsere industrielle Produktion nach Kriterien richtet wie Moral, Umweltverträglichkeit, Rohstoffersparnis, Energieersparnis, Nützlichkeit der Güter. Aber in der Praxis zählt nur ein Kriterium: »Die Sache muß sich rechnen.« Gegen diese Haltung können Insider mit ihrer Sachkenntnis am effektivsten angehen.Nun besitzt man seinen Arbeitsplatz aufgrund eines freiwillig geschlossenen Vertrags mit seinem Arbeitgeber. Widerstand bedeutet also Vertragsbruch. Andererseits ist man an Arbeitsplätzen häufig mit Dingen befaßt, die strengen Normen von Ethik und Moral nicht standhalten. Häufig existiert daher ein innerer Gegensatz zwischen Widerstand und Gehorsam. Dabei hat sich in unserer Gesellschaft, die sich auf ihre Meinungsfreiheit soviel zugute hält, eine stillschweigende Praxis der Arbeitnehmer entwickelt, die man kurz so skizzieren kann: seine Pflicht tun, nicht nachdenken und Maul halten. Wo diese Praxis von einzelnen Arbeitnehmern nicht eingehalten wird, haben die Arbeitgeber subtile Verfahren, um Druck auszuüben. Insofern ist das Wort »Widerständig-keit« ein guter Ausdruck, um die notwendige Haltung von Arbeitnehmern zwischen den Pflichten ihres Arbeitsvertrags und den Anforderungen von Ethik und Moral zu beschreiben.

Die Entwicklung meiner Situation am Arbeitsplatz

Seit 30 Jahren bin ich als Diplom-Ingenieur im Bereich Luftfahrttechnik bei der Firma Dornier beschäftigt. Als ich 1964 dort begann, arbeiteten wir an kleineren, zivilen Flugzeugen. Danach kam mit dem Senkrechtstarter Dornier DO 31 ein Entwicklungsprojekt, das zwar vom Verteidigungsministerium finanziert wurde, aber keinerlei Waffentechnik beinhaltete. Dem folgte die Entwicklung des Alpha Jet. Und schließlich, als kein Folgeprojekt da war, hielten wir uns mit militärischen Aufträgen der sogenannten Dritten Welt und mit Studien für das Bundesverteidigungsministe-rium beschäftigt. Heute klammern wir uns wegen unserer Arbeitsplätze verbissen an das Projekt »Jäger 90«. Diese Entwicklung vollzog sich langsam über Jahre, Jahrzehnte, so daß unsere Gewissen reichlich Zeit zur Anpassung und Gewöhnung fanden. Dies zeigte sich in spitzfindigen Unterscheidungen zwischen zivil und militärisch, zwischen Waffen und sonstigem militärischem Gerät, zwischen offensivem und defensivem Gerät. Läßt sich mit diesen Unterscheidungen das Problem nicht verdrängen, flüchtet man in das Argument, daß man ja schließlich nur an einem winzigen Teilbereich des Gesamtprojekts arbeitet. Ein weiteres beliebtes Argument: Wenn ich mich weigern würde, dann würde ein anderer meine Arbeit tun. Gewissensberuhigung fällt leicht. Schließlich stehen ja auf der anderen Seite viele positive Dinge: interessante Arbeit, gute Arbeitsbedingungen, schöne Reisen. Und zudem bestärkt uns das Verhalten großer Teile unserer Gesellschaft in der Ansicht, daß wir nach ehrbaren Kriterien unserer Gesellschaft unsere Pflicht erfüllen.Pflichterfüllung - das ist ein weiteres Stichwort. Wir verdrängen zum großen Teil die Fragen, die sich auf moralischer Ebene stellen. Die Terminologie unserer Fachsprache unterstützt diese Verdrängung, indem die Probleme auf technische Fragestellungen reduziert werden und moralische oder ethische Fragen als wissenschaftsfremd gar nicht erst aufkommen. Wir reden von Nutzlast und Versorgungsbehältern und meinen Bomben, wir reden von Effektivität und Missionserfolg und meinen Zerstörung. Wir reden von Weichzielen und meinen Menschen. Oft ist Technik faszinierend. Mein Fachgebiet betrifft Steuerung und Regelung von Flugzeugen, das sind hochinteressante technische Probleme. Ganz ohne Sarkasmus: Das sind für einen Ingenieur interessante Probleme. Über Leichen, Blut und zerfetzte Leiber zu sprechen würde als völlige Polemik empfunden, die zur Sache nichts beiträgt.Die Verdrängungsmechanismen werden durch den Sprachgebrauch der Politiker unterstützt. Niemand fragt: »Sind wir dafür, daß wir Tötungsmaschinen produzieren?« So plump sagt man das nicht. Das wäre ja eine Diffamierung der Arbeitnehmer der betroffenen Unternehmen. Das formuliert man viel geschickter: »Brauchen wir nicht - auch heute bei all den politischen Veränderungen in Europa - ein gewisses Maß an Sicherheit? Müssen wir nicht unsere Verantwortung in der Welt wahrnehmen? Und sollte dabei nicht die besteTechnik, die wir haben, gerade gut genug sein, um unsere eigenen Soldaten auszurüsten?« Schließlich geht es um die Sicherung unserer freiheitlichen christlichen Werte. Überdies sind wir oft vollauf damit beschäftigt, technische Probleme zu lösen, Berechnungen durchzuführen, Termine einzuhalten, Kosten zu überprüfen, an Besprechungen teilzunehmen - eben die gewohnte Alltagshetze zu bewältigen. So kann man leicht den unangenehmen Gedanken entschlüpfen. Zum Nachdenken bleibt keine Zeit. Ich will hier nicht weiter auf die spezielle Problematik der Rüstungsproduktion eingehen. Wichtig ist in unserem Zusammenhang die Dialektik zwischen den Anforderungen meiner Arbeit und moralischen Erfordernissen. Ich denke, diese Dialektik ist bei sehr vielen Arbeitsplätzen anderer Wirtschaftszweige oder auch Verwaltungen und Behörden genauso gegeben; die Art und Weise, wie mit dieser Dialektik in der Praxis umgegangen wird, ist wohl auch ziemlich allgemeingültig.Das beschriebene Spannungsverhältnis wird - vor allem von .Arbeitgeberseite - vehement bestritten, zudem wird im Arbeitsablauf alles getan, um es nicht bewußt werden zu lassen. Meine eigene, frühere Verhaltensweise dürfte auch typisch für Arbeitnehmer gewesen sein. Ich hatte bei meiner technischen, sachlichen Tätigkeit ganz selten moralische Bedenken, allenfalls beim Übergang zu einem Produkt mit noch mehr Militärtechnik. Sie verflogen aber schnell durch die Gewöhnung an die neue Situation. Und im nachhinein findet man dann schwer wieder zu einem wachen Gewissen zurück, da man sein früheres Verhalten vor sich selbst rechtfertigt und auch gegen (vor allem außenstehende) Andersdenkende vehement verteidigt. 

Gewissen gegen Sachzwänge

Nun gelang es mir nicht, mein Gewissen total und für immer ruhigzustellen. Da war ein ständiger Stachel: Ich arbeite mit meiner Frau zusammen in unserer Kirche mit, unter anderem als Prediger (Prädikant). Ich habe also immer wieder Bibeltexte für meine Predigten zu bearbeiten. Meine Arbeit tagsüber in der militärischen Luftfahrt und abends an Bibeltexten, das ergab eine Spannung, die mir nicht erlaubte, die Problematik zu verdrängen. Ich lebte gewissermaßen in einer schizophrenen Situation. Einerseits bin ich engagierter Ingenieur mit Ehrgeiz und an Karriere interessiert. Mein Beruf brachte es mit sich, daß ich viel mit dem Verteidigungs­ministerium und mit der Luftwaffe zu tun hatte. Andererseits predigte ich in der Auslegung von Bibelworten direkt gegensätzliche Verhaltensweisen und Zusammenhänge. Dieser Gegensatz und das Bewußtsein der Schizophrenie meiner Situation entwickelten sich erst allmählich. Im Rückblick stellt sich alles einfach, eindeutig und klar dar. Aber in der unmittelbar erlebten Situation war vieles nur Ahnung, ganz verschwommen und unklar. Bei mir gibt es keinen Entschluß zur Umkehr mit genau zu benennendem Zeitpunkt und geplantem Verhalten, sondern vielmehr ein Hineinwachsen in die Widerständigkeit, ein allmähliches Vortasten in kleinen, konkreten Schritten.Im Herbst 1980 saß ich zum ersten Mal auf einem Podium zur Diskussion über das Thema »Rüstung«. Seither habe ich viele Vorträge gehalten, an Diskussionen teilgenommen, Artikel geschrieben und Interviews gegeben. Ich empfinde diese letzten 14 Jahre als einen Weg, auf den ich Stück für Stück geschoben wurde. Dabei wurde ich mit jedem Schritt sicherer und gewandter, das heißt jede Veranstaltung brachte mir neue Gedanken für die Argumentation und Anregungen für die Diskussion. Jeder Vortrag zwang mich, meine Gedanken neu zu ordnen und neue Erkenntnisse zu verarbeiten. Soweit ich mich erinnere, habe ich mich nie selbst zu Wort gemeldet. Meine Aktivitäten wurden vielmehr an mich herangetragen. Ich halte das auch heute noch so. Für dieses Verhalten habe ich zwei Gründe. Einmal ist da meine Feigheit: Ich wollte in meiner Firma nicht unangenehm auffallen. Dies ist heute sicher ein geringerer Beweggrund, denn auch hier gilt: »Ist der Ruf erst ruiniert, lebt's sich völlig ungeniert.« Der andere Grund ist ernsthafter und überlegter. In den letzten Jahren wurde mir immer bewußter, wieviel Ursache für viele Fehlentwicklungen in unserem menschlichen, wohl vor allem männlichen Streben nach Ansehen liegt. Man kann Themen auch »besetzen«, um sich einen Namen zu verschaffen, zum Schaden der Sache. Und das legt mir Zurückhaltung nahe. Allerdings bin ich umgekehrt auch keiner Anfrage ausgewichen. Das hätte ich als Verrat an meinem Christsein empfunden. Da zwischen den in der Rüstungsindustrie Beschäftigten und denen außerhalb weitgehend Sprachlosigkeit herrscht, werde ich immer wieder angefragt und gewissermaßen weitergereicht. Dies alles entwickelt seine eigene Dynamik und ist nicht langfristig geplant, strategisch oder taktisch kalkuliert und vorausbedacht. Meine kleinen Schritte werden mir von außen nahegelegt oder ergeben sich spontan aus der Situation. Im Hinblick auf meine schizophrene Selbstwahrnehmung erlebe ich dies alles als ungeheuer befreienden Prozeß.Zu keinem Zeitpunkt auf dem Weg der Widerständigkeit habe ich an ein Verlassen meiner Firma gedacht. Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen bin ich nun 59 Jahre alt und anerkannter Fachmann auf meinem Gebiet, der Flugsimulation. Eine berufliche Neuorientierung würde mir sehr schwerfallen, wäre eventuell gar nicht möglich. Der andere Grund ist aber der gewichtigere. Ich würde mein Weggehen als Davonlaufen empfinden. Die Folge eines Rückzugs der gewissensbelasteten Mitarbeiter ist, daß sich zwei völlig getrennte Lager bilden; auf der einen Seite die Menschen innerhalb der Industrie, die schweigend ihre Pflicht tun, ohne sie zu hinterfragen, und auf der anderen Seite die Menschen außerhalb, die mangels Insiderwissen wenig in der Industrie beeinflussen können. Ich möchte beeinflussen und helfen, die Dinge hin zu einer menschlicheren Welt zu verändern - auch in der Industrie. Ich sehe meine Aufgabe darin, die Sprachlo-sigkeit zwischen den in der Industrie Tätigen und denen außerhalb zu überbrücken, um gemeinsam zu Veränderungen zu kommen und die Tabus innerhalb des Unternehmens zu brechen.Neben den schon genannten Aktivitäten außerhalb meiner Firma begann ich innerhalb des Unternehmens, kleine, konkrete Dinge zu tun. Ich verließ die wertneutrale Fachsprache und sprach bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Dinge offen und direkt an. Auch hier ergab sich eine Dynamik, die mich mitriß. Denn mit jedem Mal wurde ich sicherer, gewandter und kam ganz zwangsläufig mehr aus der Dek-kung, in der mich meine Feigheit halten wollte. Ich sah immer wieder Möglichkeiten, unsere Rüstungsproblematik unverblümt anzusprechen und meine durch viel Fachwissen fundierte Meinung dagegen zu sagen.Bei diesen innerbetrieblichen Aktivitäten kam mir mein berufliches Umfeld sehr zugute. Ich leite das Flugsimulationslabor, welches regen Besuch verzeichnet und in dem viel Kontakt zur bundesdeutschen und zu ausländischen Luftwaffen besteht. Anhand der Flugsimulation hatte ich oft das Unternehmen zu präsentieren, und es ergab sich für mich manche Akquisitionsreise ins außereuropäische Ausland. Ich besaß also deutlich bessere Möglichkeiten, mich indie Diskussion einzubringen, als der größte Teil der Arbeitnehmer.In all den Jahren bewies meine Firma mir gegenüber eine ungewöhnlich tolerante Haltung. Das lag wohl vor allem an der jahrzehntelangen, vertrauensvollen Zusammenarbeit, aus der eine persönliche Vertrautheit mit der Unternehmensleitung resultierte, und des weiteren an der Wertschätzung meiner beruflichen Tätigkeit.Aber natürlich gab es zunehmend Irritationen, Mahnungen und drohende Hinweise. Als das Bundesverteidigungsmini-sterium sowie ein Bundestagsabgeordneter an mir Anstoß nahmen, führte dies zum Konflikt. Da inzwischen die altvertraute Geschäftsleitung ausgewechselt worden war, fehlten bei der Konfliktbewältigung bewährte menschliche Beziehungen. Dieser Konflikt hat zwar meine Karriere und meinen Geldbeutel getroffen. Aber ich hatte keinen Grund zur Klage. Ich habe eine interessante und verantwortungsvolle Aufgabe im zivilen Flugzeugbau übernommen. Und ich denke, daß mein Einsatz gegen die unsinnige Rüstung mit diesen Konsequenzen überzeugender ist. »Was nichts kostet, das ist auch nichts wert.« Meine Versetzung in den zivilen Flugzeugbau war als ein Abschieben gedacht. Die unvorhersehbare Entwicklung brachte es aber mit sich, daß die neue Aufgabe bald sehr wichtig und interessant wurde. (Es wurde dann später auch versucht, den Konflikt zu leugnen und dies als normale berufliche Weiterentwicklung zu bezeichnen.) Jedenfalls hatte ich viel Glück. Und dies auch noch in anderer Hinsicht: Die Umstrukturierungen und Rationalisierungen innerhalb der Dasa erzwangen ein Ausscheiden der älteren Mitarbeiter. Auf meiner alten Position hätte mich der Vorruhestand mit Sicherheit früher getroffen. Dank meiner neuen Stelle bin ich erst Ende 1994, im Alter von fast 60 Jahren, nach Beendigung meines Projektes in den sogenannten Vorruhestand gegangen.Im Vorruhestand bin ich nun seit gut zwei Jahren. Dank meiner vielfältigen kirchlichen und gesellschaftlichen Verpflichtungen ist mir der Übergang - im Gegensatz zu vielen meiner Kollegen - leichtgefallen. Ich begreife und nutze die geschenkte Zeit als Chance zur Verstärkung meines vielfältigen Engagements. So bin ich unter anderem Vorsitzender unseres Vereins »Zukunftswerkstatt Markdorf e. V.«, eine Nachfolge­organisation unseres früheren Arbeitskreises »Umrüsten für das Leben«. Im Frühjahr 1996 wurde ich angefragt, ob ich nicht eine Aufgabe in Nepal übernehmen wolle. Meine Frau und ich haben zugesagt. Der Einsatz wird 1997 beginnen. Der Konflikt hat sich für uns gelohnt.

Erfahrungen im Rückblick

Der Versuch, in der Wahrheit zu leben, brachte mir große persönliche Befreiung

Damit soll nichts verklärt werden. Natürlich gab es immer wieder Ängste, Unsicherheit und Ärger, und dies wird es wohl auch in Zukunft geben. Trotzdem stimmt dieses positive Fazit. Ich lebe mit mir und meiner Familie besser im Einklang und denke, ich habe die stillschweigende Zustimmung vieler Kollegen. Ich habe den sicheren Eindruck, daß mein persönliches Ansehen in der Firma nicht gelitten hat - ganz im Gegenteil. Aber das Entscheidende bleibt in mir selber, das heißt mein Denken und Verhalten sind für mich im Einklang.Erfahren habe ich auch, daß man ein persönliches Ziel oder ein bestimmtes Ergebnis in der Sache nicht vorherbestimmen kann. Ich erlebe immer wieder, daß man das Ziel definiert, dann feststellt, daß dies nie zu erreichen sein wird und dies als Begründung dafür nimmt, überhaupt nichts zu tun. Dagegen ist christliches Verhalten, sich auf den Weg zu begeben - dies scheinbar gegen alle Logik -, auch wenn das Ziel noch so utopisch erscheint.

Man kann nicht allein stehen

Man braucht die Solidarität, das menschliche Miteinander mit Gleichgesinnten. Im Konflikt erlebte ich das Alleingelassensein und die Isolierung als besonders bedrückend. Gemeinsam ist man stärker, man kann sich gegenseitig Mut machen und sich unterstützen. Deshalb ist es wichtig, sich in Gruppen zusammenzufinden. Und ich erlebe auch im ökumenischen Netz unserer badischen Barche, wie hilfreich und wichtig eine Vernetzung ist, um sich als Gruppen gegenseitig zu bestärken.

Geldverdienen bestimmt die Moral

Daß dies so ist, mag kaum überraschen, es ist aber immer wieder unglaublich, wie dies die Argumentation prägt. Ich hörte zum Beispiel von leitenden Herren in der Industrie: »Privat denke ich wie Sie, aber in meiner Funktion muß ich ans Wirtschaftliche denken.« - »Eine Sache muß sich rechnen.« Das ist der alleinige Grundsatz, nach dem in unserer Gesellschaft gehandelt wird. Wirtschaftliche Sachzwänge bestimmen das Handeln und blockieren Verhaltensweisen, die eindeutig für die Menschen und für die Schöpfung dringend geboten sind. Es scheint mir, als ob das Geld unser Gemüt erstarren läßt und unsere Mitmenschlichkeit zerstört. Mich bedrückt, daß unsere christlichen Kirchen im gleichen Fahrwasser schwimmen, sich von den Zwängen des Geldes nicht zu distanzieren vermögen.

Abwehrmechanismen in der Sache

Die Industrie praktiziert vielfältige Mechanismen, um sich gegen Widerständigkeit am Arbeitsplatz zu wehren. Es gibt ungeschriebene Regeln, Tabus und subtile, vielleicht sogar unbewußte Einschüchterung, auf die sich die Arbeitnehmer nur allzu leicht einlassen. Man vermeidet als Arbeitnehmer alles, was unangenehm auffallen oder gar die erhoffte Karriere beeinträchtigen könnte. Verstößt doch mal einer gegen die geschriebenen und ungeschriebenen Regeln im Betrieb, so versucht man, ihn zu entfernen oder wenigstens zu isolieren und totzuschweigen. Bei dieser Art von Konflikt hat der Arbeitnehmer einen schweren Stand, da die Justiz der Abwendung von wirtschaftlichem Schaden von einem Unternehmen einen sehr hohen Stellenwert einräumt. Die Haltung der Industrie und die Wahrung der wirtschaftlichen Interessen auch gegen moralische Kriterien oder ökologische Erfordernisse werden von Politik und Gesellschaft weitgehend gedeckt und mit entsprechender Argumentation unterstützt - auch von den Kirchen.Abwehrmechanismen gegen meine Person Natürlich gilt das gleiche, wie schon im vorhergehenden Punkt ausgeführt. Dazu kommen persönliche Erfahrungen. Wenn man in der Sache keine Argumente hat, geschieht die Abwehr im persönlichen Bereich. Ich erlebe das bei Gegnern und Freunden. Diejenigen, die gegen meine Ansichten eingestellt sind, versuchen, mangels Sachargumenten meine Person in Zweifel zu ziehen. Mein Verhalten wird als unredlich, schizophren, scheinheilig, utopisch, weltfremd, lächerlich usw. bezeichnet, ohne aber auf die sachliche Problematik einzugehen. Aber ich erlebe auch Abwehr durch Menschen, die meine Ansichten teilen. Hier wird zwar mein Verhalten als richtig bezeichnet, aber gleichzeitig als so außergewöhnlich hingestellt, daß man jedes Nachahmen, Mitmachen von sich weisen kann. Ich erlebe diese Gefahr in letzter Zeit in zunehmendem Maße und wehre mich sehr dagegen, auf einen Denkmalssockel gestellt zu werden.

Resümee

Ich möchte zum Schluß als Konsequenzen aus meiner Erfahrung zwei Aspekte herausheben. Der eine: Gefühl. Wenn ich meinem Gewissen folge, so hat das viel mit Gefühl zu tun. Wir rechtfertigen unser Tun in aller Sachlichkeit, und da gelingt uns jede Rechtfertigung mit Sachzwängen, mit Sachargumenten, man nimmt halt die Argumente, die einem ins Konzept passen. Natürlich habe auch ich viele Sachargumente, gute, griffige Sachargumente gegen militärische Rüstung, gegen den Jäger 90 beispielsweise, der überhaupt nichts mit unserer Sicherheit oder mit militärischer Effektivität, sondern nur mit Subvention zu tun hat. Oder zum Beispiel der Alphajet, der die Panzerheere des Ostens abfangen sollte. Das wurde einmal als seine Aufgabe definiert. Aber der Alphajet war in seiner ganzen Laufbahn - er wird ja jetzt ausgemustert - nicht fähig, eine panzerbrechende Waffe zu tragen.Ich habe also viele gute Sachargumente, aber ganz wichtig ist mir geworden, in die Diskussion immer wieder einzubringen: Gefühle, Liebe, Menschlichkeit. Mir hat mal ein Offizier in einer Diskussion entgegengehalten: »Sie reden ja wie eine Frau«, und das irritiert dann, denn da steht ein Mann, der auch noch Ingenieur ist, und mit dem kann man gar nicht richtig streiten. Aber ich denke, es ist ganz wichtig, daß man sich da nicht zurücknimmt, sondern - bei aller Sachlichkeit -sagt, welches die wirklich wesentlichen Punkte sind. Ich denke, das reißt uns auch mit, dieses Gefühl und diese Menschlichkeit.Ich erlebe mein Eintreten gegen die Rüstung, so konfliktreich es war und bei aller Angst, die meine Familie und ich hatten - es gab so manch schlaflose Nacht -, als einen befreienden Prozeß für mich und für meine ganze Familie. Und ich habe für das Betonen von Gefühl einen Zeugen, nämlich Albert Schweitzer. Er wird ja von vielen als überholt belächelt und abgetan und erweist sich nun gerade heute als sehr aktuell mit seinen Gedanken über Ethik: »Versucht mein gesunder Menschenverstand sich davon Rechenschaft zu geben, was für mich zum Rechttun gehört, so kann er nicht, wie er gern möchte, sich darauf beschränken, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit und was sonst noch zur Ehrbarkeit gehört anzuführen, sondern er muß auch noch subjektive und subjektivste Tugenden wie Lauterkeit, Friedlichkeit, Gütigkeit, Barmherzigkeit, Liebe dazunehmen.«Damit bin ich beim zweiten Punkt: Ethik. Ich denke, daß unser Gewissen uns schon sagt, wie wir zu handeln hätten. Aber Feigheit, Karrieredenken, Gewinnstreben, Gewohnheit und was auch sonst noch immer läßt uns unser Gewissen verbiegen. Das geschieht in kleinen Schritten in einem fortlaufenden Prozeß, so daß wir es eigentlich nicht merken. Man rechtfertigt das, was man jeweils tut, und wenn es jemand angreift, wird man hart und unflexibel, weil man es ja vor sich gerechtfertigt hat. Und so gerät man auf eine schiefe Ebene in seiner Menschlichkeit und in seinem Verhalten. Die Seele nimmt Schaden, man abstrahiert, versachlicht, versteinert, ohne es zu merken. So verbiegen wir unser Gewissen. Würden wir auf unser Gewissen hören und immer wieder die Dinge auch in klarer Sprache benennen, dann würden wir schon wissen, was wir tun müssen. Konrad Lorenz sagte kurz vor seinem Tod, die vermutlich  verhängnisvollste Eigenschaft des Menschen - verhängnisvoll für unsere Schöpfung, für unsere Zukunft - sei wohl, daß er in der Gruppe die Verantwortung fallenläßt. Jeder einzelne mag ein anständiger Mensch sein, aber ein Kollektiv, eine Behörde, ein Unternehmen, ein Forschungsinstitut, ein Labor wird trotzdem Unmoralisches tun, weil niemand die Verantwortung dafür übernimmt, weil der einzelne sie verliert, wenn er nur Glied in einer langen Kette ist und sich die Verantwortung so zerstreuen läßt. Und ich denke, das sind die schwierigen Punkte. Wir kommen nicht darum herum, uns persönlich an unserem jeweiligen Platz zu exponieren. Meine Ziele sind es- Tabus in meiner Firma zu durchbrechen,- das Wirken des militärisch-industriellen Komplexes auf- 
zuzeigen,- innerbetriebliches Nachdenken zu erzeugen,- den Dialog zwischen »drinnen« und »draußen« in Gang
zu bringen.Ich glaube sehr daran, daß sich die Welt verändert, wenn viele
kleine Leute an vielen kleinen Orten viele kleine Schritte tun.


Inge Schmitz-Feuerhake

Wahrheit ist das oberste Gebot - Wie unliebsame Erkenntnisse über
Strahlenschäden diskreditiert werden

Das Fernsehen berichtet über die Jahrestagung der Kerntechnischen Gesellschaft, die Kamera gleitet über Reihen korrekt gekleideter Leistungsträger. Die »Atomlobby« habe sich getroffen, heißt es ganz selbstverständlich, um über die Perspektiven ihrer in die Kritik geratenen Technik zu beraten. Der Ausdruck »Lobby« ist nicht weiter ehrenrührig, denn in unserer Gesellschaft ist es klar, daß Wirtschafts­unternehmen und Energie­konsortien nicht das gesamtgesellschaftliche Interesse im Auge haben können, sondern für ihren Profit sorgen müssen.Laut Meinungsumfragen sind über die Hälfte der Deutschen in den alten Bundesländern gegen Atomenergie. Diese Gegenbewegung stammt aus der Wissenschaft und hat eine lange Tradition. Schon in den fünfziger Jahren kamen einigen Insidern Zweifel, ob sich die enorme Kernspaltungsradioaktivität bei der friedlichen Verwendung der Atomenergie sicher würde hüten lassen. John W. Gofman und der Strahlen­biologe Arthur R. Tamplin, die die staatliche US-amerikanische Atom­energie­kommission bezüglich der biologischen Auswirkungen der Radio­aktivität beraten haben, schrieben 1972 ihr berühmtes Buch Poisoned Power. Da waren sie mit ihrer kritischen Einstellung schon lange nicht mehr als Gutachter gefragt. Der Nuklear­chemiker und Mediziner Gofman mußte seine Hochschul­laufbahn auf anderen Feldern ausbauen. Für seine Arbeiten auf dem Gebiet der Herz­erkrankungen und der Arteriosklerose­forschung erhielt er mehrere hochangesehene Preise und genoß wissenschaftliche Anerkennung. Er schrieb aber weiterhin strahlenkritische Bücher und tut das heute noch als Pensionär. Er ist nahezu der einzige publizistisch ausgewiesene Kritiker, der gelegentlich - sozusagen aus Ausgewogenheits­gründen - die wichtige Funktion eines »Referee« bei einer Fachzeitschrift ausüben darf. (Solche Personen befinden über die wissenschaftliche Qualität und damit Publizierbarkeit einer eingereichten Arbeit. Die Anzahl derart begutachteter und in internationalen Fach­zeit­schriften publizierter Arbeiten ist ein Maß für die wissenschaftliche Leistung des Autors.) Das ist nicht weiter problematisch, denn in der Wissenschaft ist doch Wahrheit das oberste Gebot, und insbesondere in den Naturwissenschaften kann es ja letztlich nicht mehrere Wahrheiten geben, dort stehen objektive Methoden zur Fakten­aufklärung zur Verfügung. Viele Wissenschaftler mußten allerdings die Erfahrung machen, daß es sehr lange dauern kann, bis sich die richtige Erkenntnis durchsetzt. Solange das noch nicht der Fall ist, ist der Umgang mit neuen Technologien oft durch mangelnde Vorsicht geprägt. Bei Strahlen­anwendungen hat das mannigfach zu Krankheits- und Todesfällen geführt, die leicht vermeidbar gewesen wären. Der Tschernobyl-Unfall im April 1986 führte nicht nur bei der großen Volkspartei SPD und beim DGB zu einer Umkehr in ihren Ansichten zur Atompolitik, sondern vermehrte auch die Zahl der strahlenkritisch eingestellten Wissenschaftler an den Universitäten. Das Ereignis verhalf auch meiner Arbeitsgruppe an der Universität Bremen vorübergehend zu einer gewissen Renaissance. Wir waren seinerzeit, als die  Universität noch eine Reformhochschule war, in der Physik mit dem Anspruch angetreten, die negativen Folgen der Atomtechnik in Forschung und Lehre zu untersuchen und die biologischen Wirkungen von Nieder­dosis­bestrahlungen richtig einzuschätzen. Wenige Jahre später wollte man in der Fakultät diesen Forschungsansatz nicht mehr haben, weil er keine »richtige« Physik sei, dem Ansehen schade und bei Drittmittelgebern zu Recht Unwillen erzeuge. 1986 hatte jedoch das Land Bremen aus Spargründen kein Radio­aktivitätsmeßlabor mehr - und wir sprang